Der Tag, als der Kalvarienberg in Prüm in die Luft flog: Die Katastrophe vor 70 Jahren bewegt viele Einwohner bis heute

Der Tag, als der Kalvarienberg in Prüm in die Luft flog : Die Katastrophe vor 70 Jahren bewegt viele Einwohner bis heute

Es muss eine gewaltige Explosion gewesen sein. Danach hatte der Kalvarienberg keine Kuppe mehr, und das zu seinen Füßen liegende Eifelstädtchen Prüm war vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein zweites Mal zerstört. Die Katastrophe vor 70 Jahren kostete zwölf Menschen das Leben und bewegt viele Einwohner bis heute.

Joachim Schröder zum Beispiel, der mehrere Bücher darüber geschrieben hat. Als klassischer Zeitzeuge kann der Regionalhistoriker nicht gelten. Am 15. Juli 1949 war er gerade mal ein paar Wochen alt. Seine Eltern erzählten ihm später viel darüber, wie sie acht Kilometer vom Kalvarienberg entfernt bei der Heuernte waren und „schwarzer Regen“ auf sie niederging. Auch in der Schule sei das Thema immer wieder angesprochen worden, sagt Schröder, „die Nazi-Zeit hingegen kaum“. Was zur Explosion eines Sprengstofflagers im Berg geführt hat, ist bis heute nicht geklärt.

Unter der Bergkuppe war 1939 bei der Errichtung des Westwalls ein Bunker angelegt worden. Nach dem Krieg deponierte die französische Besatzungsarmee dort 500 Tonnen Sprengstoff, mit der die Westwallbefestigungen gesprengt werden sollten. „Die Prümer wussten das und waren in ständiger Sorge“, weiß der Regionalhistoriker. Was sie befürchteten, trat am Abend des 15. Juli 1949 ein.

Gegen 19 Uhr rückte die Freiwillige Feuerwehr zum Bunker aus, wo ein Brand ausgebrochen war. An den Brandherd kamen die Wehrleute in den tiefen Stollen nicht heran, also kehrten sie um und taten Sinnvolleres: Sie evakuierten das Städtchen und retteten damit vielen Menschen das Leben. Schröder weiß von einer Runde in der Gaststätte Kölner Hof zu berichten, „da wurde gerade Namenstag gefeiert, Heinrich“. Die Feuerwehr scheuchte nicht nur die versammelten Heinrichs auf, sondern brachten viele Prümer in Sicherheit. „Die Feuerwehrleute waren Helden“, sagt der Regionalhistoriker heute.

Ohne sie wäre es wohl noch schlimmer gekommen, als um 20.22 Uhr das Munitionslager explodierte. Rund 250.000 Kubikmeter Steine, Erde und Bunkertrümmer flogen in die Luft und gingen etwa 500 Meter weiter auf das Städtchen nieder. Zwölf Menschen kamen ums Leben, 15 wurden verletzt, 965 verloren ihr Obdach. Neben vielen Wohnhäusern lagen auch Krankenhaus, Schule und Post in Trümmern, die Wasserversorgung brach zusammen, Telefonleitungen und ein Teil der Straßenverbindungen waren zerstört.

„Die Bevölkerung war gerade beim Wiederaufbau“

Getroffen hatte es ein Städtchen, das sich gerade wieder aufrappelte. Im Zweiten Weltkrieg war Prüm unter anderem bei Luftangriffen zu großen Teilen zerstört worden. „Die Bevölkerung war gerade beim Wiederaufbau“, sagt Schröder, 900 frühere Einwohner hätten noch außerhalb der Stadt gelebt. Der Rückschlag habe die Bevölkerung dennoch nicht entmutigt, sagt der Regionalhistoriker. „Da war keine Verbitterung, die Leute sind einfach wieder neu ans Werk gegangen.“

Beim Wiederaufbau halfen nicht zuletzt Spenden, denn die Anteilnahme war groß. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier besuchte das Katastrophengebiet, Feuerwehren aus der ganzen Eifel und Helfer des Roten Kreuzes waren im Einsatz, daneben auch Soldaten der luxemburgischen und der französischen Armee.

Opfer forderte die Katastrophe auch später noch. Nach der Detonation sei die Staubwolke über die Dorfer nordöstlich von Prüm gezogen, erklärt Schröder. In der Folgezeit seien viele Bewohner an Lungenkrankheiten gestorben. Auch an sie wird wohl erinnert werden bei der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag.

Dem Kalvarienberg sieht man die große Wunde heute nicht mehr direkt an. Die Explosion riss damals ein Loch von 90 mal 190 Metern Größe, der Krater war mehr als 20 Meter tief. Das Areal ist heute von Bäumen bewachsen, aber es gibt ein Gedenkkreuz und Hinweisschilder. Die Ursache des großen Knalls sei nie ganz aufgeklärt worden, sagt Regionalhistoriker Schröder. Bis heute halte sich das Gerücht, dass Sabotage dahintergesteckt habe.

Mehr von Aachener Nachrichten