Überholtes Rollenbild: „Die französische Superfrau gibt es nicht“

Überholtes Rollenbild : „Die französische Superfrau gibt es nicht“

Perfekte Mutter, Liebhaberin und Gastgeberin – dieses Bild haben viele von der typischen Französin. Quatsch, sagt Cécile Calla.

Dort, wo Gott lebt und es sich gutgehen lässt, nämlich bekanntermaßen in Frankreich, kann auch die Göttin nicht weit sein. Und sie ist folgerichtig – Französin. Das heißt in der allgemein verbreiteten Vorstellung: die quasi perfekte Frau. Sie ist nicht nur auf einzigartig lässige Weise attraktiv und trotz eines Ernährungsmixes aus Croissants, Käse, Baguette und Champagner gertenschlank, sondern mehrfache Mutter, dabei Vollzeit berufstätig, eine reizende Gastgeberin und wunderbare Köchin. So viel zur Theorie. Oder auch Fantasie.

Dieses übermenschliche Rollenbild laste auf vielen Französinnen, sagt Cécile Calla, französische Journalistin und Herausgeberin des Blogs „Medusablätter“, die seit Jahren in Berlin lebt. Ihr zufolge sind die Frauen im Land großer Feministinnen wie Simone de Beauvoir nicht so entspannt frei, wie es das Klischee gerne glauben lässt. „Du musst eine perfekte Partnerin sein, arbeiten, dein soziales Leben pflegen. Du hast nicht das Recht, zumindest für eine Zeit nur Mutter zu sein und auch nicht das Recht, keine Mutter zu sein“, sagt Calla, die selbst zwei Kinder hat.

Tatsächlich zählt Frankreich neben Irland zu den geburtenstärksten Ländern Europas. Die Quote lag über Jahre hinweg bei rund zwei Kindern pro Frau, sank aber zuletzt kontinuierlich. Soziologen nennen als Gründe für den Rückgang ein späteres Alter der Mütter und die wirtschaftliche Krise. Die Öffentlichkeit nimmt die Entwicklung nicht ohne Sorge wahr. „Die Demografie ist eine Obsession in Frankreich“, sagt Calla.

Familien mit mindestens drei Kindern erhalten wesentliche Steuererleichterungen. Zugleich muss sich eine Französin kaum zwischen Familie oder Karriere entscheiden, sondern steigt meist kurze Zeit nach einer Geburt wieder in den Job ein. Viele sind von ihrem Arbeitgeber oder aus finanziellen Gründen ohnehin dazu gezwungen, da das Elterngeld – je nach Situation – nur einige Monate gezahlt wird.

Frühkindliche Bindung als Tabu

Dass Themen wie Urvertrauen und frühkindliche Bindung als Tabus gelten, hat Calla zufolge auch historische Gründe: So waren vom 17. bis zum 19. Jahrhundert die Ammen in Frankreich sehr verbreitet. Sie ermöglichten es den privilegierten Frauen, schnell wieder sexuell für den Mann verfügbar zu sein – und weiteren Nachwuchs zu zeugen. Kaum einer spreche über die Schwierigkeiten einer Trennung vom Säugling, so Calla.

Dieses Modell sei kein Dienst an der Frau. „Man denkt fälschlicherweise, dass die französische Familienpolitik mit ihren Vorschulen, zahlreichen Krippen und Ganztagsschulen auf Feminismus beruht – dabei ist es das Ideal der kinderreichen Familie, um die Demografie zu sichern“, sagt die 41-Jährige. „Die französische Superfrau gibt es nicht, abgesehen von manchen Vorzeige-Ministerinnen oder -Unternehmerinnen. Auch in Frankreich hat jeder Tag nur 24 Stunden.“

Zudem beteiligen sich französische Männer trotz der vollen Berufstätigkeit der meisten Frauen weniger an häuslichen Aufgaben: Laut Statistikamt INSEE handelt es sich bei 71 Prozent der im Haushalt und bei 65 Prozent der für die Kinder investierten Zeit um jene von Frauen. Frankreich scheint noch weit entfernt zu sein von einer gemeinsam aufgeteilten Elternzeit. Frisch gebackene Väter haben Anspruch auf elf Tage Freistellung nach der Geburt. Frauenministerin Marlène Schiappa sagte im Gespräch mit dieser Zeitung, die Regierung prüfe neue Regelungen – ohne konkreter zu werden.

Selbst wenn französische Mütter nur kurz aussetzen, spüren sie den Karriereknick: Frauen sitzen auch in Frankreich deutlich seltener auf Führungsposten, im Schnitt verdienen sie 18,6 Prozent weniger als Männer. Ein Gesetz aus dem Jahr 2014 für eine Frauenquote von 40 Prozent in den Führungsgremien großer Unternehmen ändert da­ran höchstens allmählich etwas. Ein Kind sei immer ein Einschnitt, sagt Calla, die fordert, den daraus folgenden beruflichen Nachteil für Frauen auszugleichen: „Warum muss man den Hauptteil seiner Karriere eigentlich vor dem 40. Lebensjahr gemacht haben, wo wir heute ohnehin viel länger arbeiten?“

Mehr von Aachener Nachrichten