Prizren: Die Bundeswehr schließt nach 20 Jahren ihr Feldlager im Kosovo

Prizren : Die Bundeswehr schließt nach 20 Jahren ihr Feldlager im Kosovo

Vor der Kapelle haben sie einen Weg angelegt und bunte Rosen gepflanzt. Folgt man dem Pfad, gelangt man in wenigen Schritten zum Fitnessstudio „Sportoase“. Ein Stück den Hügel hinunter wurden eine 400-Meter-Laufbahn, ein Tennisplatz und eine Sporthalle aus dem Boden gestampft. Außerdem Bars, Restaurants — und im Hintergrund eine saftig grüne Bergkulisse.

Denkt man sich die Uniformen weg, den Stacheldraht, die Wachtürme, dann könnte man das deutsche Feldlager Prizren mit einem Freizeitpark verwechseln.

Ein Transportpanzer wird in einer Art Waschanlage in einer Lagerhalle mit Ameisensäure besprüht. So soll verhindert werden, dass bei der Rückführung nach Deutschland Tierseuchen-Erreger eingeschleppt werden. Foto: Sina Schuldt/dpa

Seit 1999 ist die Bundeswehr im Kosovo im Einsatz. Rund zwei Jahrzehnte, in denen die Soldaten ein sicheres Umfeld in einer zwischen Serben und Albanern umstrittenen Balkan-Region schaffen sollten. Nebenbei bauten sich die Deutschen hier im Feldlager im Süden des Landes ein Zuhause — rund 1300 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt. Sie haben den Gebäuden Namen gegeben wie „Grüne Villa“, „Roter Stab“ und „Blaue Residenz“. Sie haben deutsche Verkehrsschilder aufgestellt und gelbe Briefkästen. Scherzhaft sprechen manche von „Bad Prizren“.

„Good bye“ steht auf einem Holzschild im Feldlager geschrieben. Die Kfor-Soldaten im Kosovo ziehen nach 20 Jahren Aufenthalt ab. Foto: Sina Schuldt/dpa

„Wenn wir noch mal 20 Jahre hier wären, hätten wir vielleicht ein Schwimmbad“, scherzt Detlef G. Der Hauptmann kennt jede Ecke in dem Feldlager. Er war bereits sechs Mal im Kosovo im Einsatz. Diesmal wird sein letztes Mal sein.

Ein Wegweiser und ein Briefkasten stehen im Feldlager der deutschen Kfor in Prizren. Jetzt wird die Flagge eingeholt. Foto: Sina Schuldt/dpa

Denn die Soldaten schließen das Lager. Der Bundeswehreinsatz im Kosovo ist damit zwar nicht vollständig vorbei. Ein paar Dutzend Soldaten sollen in der Hauptstadt Pristina bleiben. Aber weil der Großteil der Deutschen in Prizren sitzt, endet mit dem Abzug von dort auch ein Stück Bundeswehr-Geschichte.

Warnschilder in einer Lagerhalle in Prizren: ABC-Abwehr-Stabsoffizier Detlef G. sagt: „Ich war immer gerne hier“. Foto: Sina Schuldt/dpa

Der längste Einsatz

Souvenirshop im kosovarischen Feldlager: Die Soldaten haben sich ein Stück Heimat aufgebaut. Foto: Sina Schuldt/dpa

Der sogenannte Kfor-Einsatz ist der bislang längste Einsatz der Truppe. Und er begründete den Wandel der Bundeswehr zur Einsatzarmee im Ausland. Kfor, das steht für das englische Kosovo Force, also Kosovo-Truppe. Das waren einmal 50.000 Soldaten aus rund 40 Staaten. Heute sind noch bis zu 4500 Militärs zur Friedenssicherung aktiv. Sie helfen etwa beim Aufbau kosovarischer Sicherheitstruppen. Die Mannschaft in Prizren war lange darauf spezialisiert, die internationalen Kräfte medizinisch zu versorgen.

Am Anfang von Einsätzen wirken die Aufgaben von Soldaten meist klar umrissen. Da herrschen Konflikte und Gewalt. Der damalige Grünen-Außenminister Joschka Fischer rechtfertigte die Bomben im Kosovo-Krieg 1999 auch mit dem Slogan: „Nie wieder Auschwitz“. Aus Protest bekam er auf einem Sonderparteitag seiner friedensliebenden Partei damals einen Farbbeutel an den Kopf geworfen.

Mit den Jahren jedoch verschwimmen oft die Ziele. Zunächst sollte die Bundeswehr im Kosovo den Abzug der serbischen Truppen überwachen. Dann sollten die Deutschen helfen bei der „Entwicklung eines stabilen, demokratischen, multiethnischen und friedlichen Kosovo“, kurz: das Land stabilisieren. Aber wer bestimmt, was stabil ist?

Der Einsatz im Kosovo hat allein bis 2016 nach Angaben der Bundeswehr rund 3,4 Milliarden Euro gekostet. 27 Soldaten starben dort — wenn auch nicht durch Kämpfe, sondern durch Unfälle und Suizide.

Bis zum Ende des Jahres wollen die Bundeswehr-Soldaten in Prizren die deutsche Flagge einholen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Detlef G. steht in einer Halle. Es ist 10.37 Uhr, heiß und stickig an diesem Julitag. Wenige Meter vor ihm fahren zwei Transportpanzer des Typs „Fuchs“ durch eine Art Waschanlage. Jedes Fahrzeug, das den kosovarischen Boden berührt hat und nach Deutschland transportiert wird, muss mit Säure behandelt werden.

„Ich war immer gerne hier“

Die Tierseuchen-Prophylaxe soll verhindern, dass mit den Panzern Erreger etwa der Vogelgrippe in die Heimat gelangen. Auch wenn das desinfizierte Kriegsgerät dann auf Laster lokaler Firmen verladen wird, die nicht desinfiziert werden, will Detlef G. den Sinn nicht hinterfragen. „Es sind halt Vorschriften“, sagt er.

„Ich war immer gerne hier“, sagt Detlef G. Der Allgäuer mag das warme Wetter und die Landschaft. Jetzt werden die Gebäude im Feldlager entweder abgerissen oder umgebaut. Ein Innovations- und Ausbildungspark für die Kosovaren soll hier entstehen.

Detlef G. selbst fühlt sich mittlerweile sicher in dem Land auf dem Westbalkan. Das war nicht immer so. Er erinnert sich gut an seinen ersten Einsatz im Kosovo vor mehr als zehn Jahren. Damals sei in der Morgenlage noch von Schießereien und Handgranaten die Rede gewesen. Angefangen hatte der Einsatz 1999 mit Nato-Bomben. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg beteiligten sich deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz — und das ohne Mandat der UN. Die Serben hatten versucht, die albanische Bevölkerung aus der Region zu vertreiben und Serben anzusiedeln. Wochenlang warf die Nato Bomben auf militärische Ziele in Serbien. Serbische Truppen sollten so zum Rückzug aus dem Kosovo gezwungen werden. Nach den Luftangriffen akzeptierte Belgrad die internationale Kontrolle, und die Kfor-Soldaten rückten ein.

Knapp 130.000 deutsche Soldaten beteiligten sich über die Jahre an der Mission, wobei viele mehrfach dort waren und doppelt gezählt wurden. Zu Beginn waren knapp 6500 deutsche Kräfte im Kosovo. Aktuell sind es noch rund 360.

Thomas D. steht mit seinem Team vor einer gewaltigen Aufgabe. Der 39-jährige Major aus Schleswig-Holstein ist Chef der Materialschleuse. Das heißt: oberster militärischer Möbelpacker im Lager. Vom Schraubenschlüssel bis zum Panzer muss alles wieder in die Heimat verfrachtet werden. 220 Container und 250 Fahrzeuge sind es. Hunderttausende Einzelteile. Waffen und Munition werden per Luft transportiert, der Großteil des Kriegsgeräts auf dem Landweg.

Der Logistiker war 2012 bereits als Soldat im Kosovo. Damals war es noch ein anderer Einsatz. Bei der Räumung einer Straßensperre im Norden des Kosovo wurden zwei deutsche Soldaten angeschossen. „Das Land hat in den sechs Jahren eine enorme Entwicklung gemacht“, sagt Thomas D. und zeigt auf Häuser in Prizren. „Die haben Plastikmüll in jedem Garten verbrannt.“ Dann schwärmt er von der Mülltrennung und Infrastruktur im jüngsten Staat Europas heute. Er spricht von einem Stiefelabdruck: „Wir hinterlassen den Kosovo mehr deutsch.“

Mangel an Strategie

Während sich die deutschen Soldaten aus dem Kosovo zurückziehen, werden die gefährlichsten und größten Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan und Mali ausgeweitet. Dabei mangele es an einer sicherheitspolitischen Strategie, beklagen Experten. Alle Jahre wieder verlängern die Abgeordneten des Bundestags in Berlin die Mandate für die Missionen der Bundeswehr. Erst im Juni wiederholte sich das Ritual der Parlamentarier für das Kosovo.

Und welches Land hinterlässt die Bundeswehr? Oberstleutnant Christian Kiesel führt zu der Zeit das 50. Kontingent. Er sitzt Ende Juli an einem großen Konferenztisch in seinem Büro, in wenigen Tagen wird er in die Heimat zurückkehren.

Neben der Tür zeigt ein Bild eine Ursula von der Leyen aus jüngeren Tagen. Obwohl die CDU-Verteidigungsministerin regelmäßig die Truppen besucht, war sie seit 2014 nicht mehr im Kosovo bei den Soldaten. Die Kfor-Mission gilt als der „vergessene“ Einsatz. Das kann man als gutes Zeichen werten — als Zeichen, dass es nicht mehr knallt.

Für den 43-jährigen Kiesel jedenfalls ist die Mission das Paradebeispiel für einen militärisch erfolgreichen Einsatz. „Wir ziehen auch deshalb ab, weil es hier funktioniert.“ Die Bundeswehr habe rund 20 Jahre das sichere Umfeld dafür geschaffen, dass sich die Region gut entwickeln konnte.

Allerdings leben in Prizren auch kaum noch Serben. In der geteilten Stadt Mitrovica im Norden des Landes etwa, wo Albaner und Serben Nachbarn sind, ist die Lage viel angespannter.

Und wenn das Land so sicher ist, warum ist man dann nicht längst abgezogen? „Da müssen Sie die Politiker fragen“, sagt der Kommandeur.

Inwieweit ist das Kosovo über zehn Jahre, nachdem es seine Unabhängigkeit erklärte, wirklich demokratisch und friedlich? Die Antwort hängt auch von der Perspektive ab. Für viele Bewohner bleibt die Lage trostlos. Es herrschen Armut und Rekordarbeitslosigkeit. Das Land mit knapp zwei Millionen Einwohnern, davon rund 100 000 Serben, gilt als einer der kriminellsten und korruptesten Staaten Europas. Der Nationalismus auf der Balkanhalbinsel erstarkt insgesamt an vielen Orten. Alte Konflikte sind nicht gelöst.

Dauerstreit mit Serbien

Der Dauerstreit mit Serbien lähmt viele Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Der Nachbarstaat erkennt die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an und will seine frühere Provinz zurück. Die Bundesregierung schreibt selbst im Mandatstext von einem bleibenden „Konflikt- und Eskalationspotenzial“. Fatmir Nurkollari, 50, bekommt heute noch Gänsehaut, wenn er in einem Hotel in der Altstadt von der Nacht des 12. Juni 1999 erzählt. Damals, als die deutschen Soldaten nach Prizren kamen.

„Wir rannten aus unseren Häusern, umkreisten die Panzer“, sagt der Albaner. Monatelang hätten sie in Angst gelebt und sich vor serbischen Nachbarn verstecken müssen. „Und dann waren wir plötzlich frei.“ Heute spüre er wieder Angst, erzählt er, weil die Deutschen abzögen. „Ohne die Nato sind wir nicht sicher“, sagt er. Zu tief sitze der Hass zwischen Serben und Albanern. Auch serbische Stimmen fürchten eine neue Eskalation.

Klar gebe es noch viele Probleme, sagt Kiesel. Die Drogenkriminalität etwa nehme zu in der Region. Aber das könnten die Streitkräfte nicht lösen, das müssten die Kosovaren in den Griff bekommen. Man dürfe die Lage nicht mit deutschen Maßstäben messen: „Der Balkan ist nicht Deutschland.“

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