Paris: Der Führerschein feiert 125. Geburtstag

Paris: Der Führerschein feiert 125. Geburtstag

Nicht, dass es zu Anfang zivilisierter zugegangen wäre im Straßenverkehr. Was heute PS- und Geschwindigkeitsbonzerei ist, war früher reine Unerfahrenheit. Wer sich traute, setzte sich einfach ans Steuer und fuhr los, damals, kurz nach der Erfindung des Automobils in den späten 1880er Jahren. Fahrprüfung? Führerschein? Ampeln oder andere Verkehrsregeln? Alles Fehlanzeige.

Dementsprechend kam es nicht selten zu tumultartigen Szenen, wie Verkehrshistoriker berichten. Wenn ein aufgeregter Fahrneuling Passanten verschreckte oder gar über den Haufen fuhr; wenn er mit seiner Hupe angab; oder wenn er einfach nur abergläubischen oder sonst wie übel gelaunten Bauern vor die Mistforke lief.

Schließlich gab es viele, die so dachten, wie es von Kaiser Wilhelm II. kolportiert ist: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Firmengründer Adam Opel (1837-1895) wird das Zitat zugeschrieben: „Dieser Stinkkasten wird niemals mehr sein als ein Spielzeug für Millionäre, die nicht wissen, wie sie ihr Geld wegwerfen sollen.“

In vielen Straßen der Städte war auch einfach nicht genügend Platz für die neuartigen Vehikel. Jeder fuhr, wie er wollte oder konnte. Chaos war programmiert. Besonders schlimm war es in London und in Paris, der Stadt der ohnehin notorisch aufsässigen Bürger. Verkehrs-Rowdys gab es natürlich auch damals schon.

Und erschwerend kam noch hinzu: Die Automobile hatten kein dingfestes Erkennungszeichen. Wie sollte man die oft fahrerflüchtigen Automobilisten ihrer Verantwortung zuführen und zu Schadenersatzzahlungen bringen? Die Autofahrer selbst waren im Übrigen auch nicht immer zimperlich — und züchtigten zudringliche Fußgänger oder Kinder mit der Peitsche.

Nur wenige Tage nach seiner Amtseinführung griff der neue Pariser Polizeipräsident durch. Louis Lepine (1846-1933) führte am 14. August 1893, vor 125 Jahren, gleich vier Neuerungen ein: die Fahrprüfung, den Führerschein, ausgewiesene Parkflächen und Parkverbote sowie — am schwerwiegendsten — verpflichtende Autokennzeichen für jedes Automobil.

Ein paar unfallfreie Meter

Unter dieser Fahrprüfung muss man sich anfangs natürlich keineswegs unser heutiges, ausgeklügeltes System aus Theorie- und Praxisteil mit Pflichtstunden vorstellen. Es reichte, sein Vehikel in Marsch setzen und unfallfrei damit ein paar Meter absolvieren zu können.

Überhaupt brachte das Organisationstalent Lepine dem Stadt- und Polizeiwesen in unruhigen Zeiten einen veritablen Innovationsschub. Er führte rund um die Uhr besetzte Kommissariate und systematisch arbeitende Fundbüros ein, Rettungshunde, Wasser- und Fahrradstaffeln. Er verwandte sich für die neue Ermittlungsmethode durch Fingerabdrücke, ließ 500 Notruftelefone für Feuerwehr und Polizei installieren, etablierte Fußgängerüberwege, Kreisverkehre und Einbahnstraßen.

Kurz: Autoritär arbeitete er an einer echten Verbesserung des zuvor durchaus miesen Vertrauensverhältnisses zwischen Bürgern und Polizei. Trotzdem wurde er „der kleine Mann mit dem großen Knüppel“ genannt, halb scherzhaft, halb verächtlich — wegen seiner Fähigkeit, in diesen politisch schwierigen Jahren der Stadtgeschichte ganze Menschenmassen (wie die grassierenden Studentenunruhen) im Zaum zu halten und zu regulieren.

Deutschland, obwohl es mit Carl Benz, Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach oder Rudolf Diesel die ersten Autoingenieure in seinen Reihen hatte, hinkte in puncto Verkehrsdichte und -schulung deutlich hinterher. Zwar gab es nach Fällen von Fahrerflucht in einzelnen Orten bereits in den 1870er bis 90er Jahren Kennzeichen — für Fahrräder. Doch erst 1904 eröffnete die erste Fahrschule für Automobile; und ab Oktober 1907 gab es in Deutschland einheitliche Kennzeichen für Kraftfahrzeuge, in Bayern seit 1899. Ab 1909 dann war der Führerschein reichsweit wenn nicht die erste, so doch immerhin eine Bürgerpflicht.

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