DAV feiert Jubiläum: 150 Jahre Deutscher Alpenverein

Deutscher Alpenverein und Sektion Aachen feiern : Happy Birthday, Alpenverein!

Der Deutsche Alpenverein feiert Geburtstag und auch in Aachen, etliche Kilometer entfernt von den Bergen, wird gefeiert. Die Aachener Sektion mit ihren 5800 Mitgliedern blickt auf 125 Jahre Vereinsgeschichte zurück.

Es wirkt wie eine Begegnung ewig weit auseinander liegender Generationen, ein Treffen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Loden kontra Goretex, Papierkarte kontra GPS-Empfänger. Und doch sieht der Betrachter eine Komposition aus zwei verwandten Bildern im Heft 2/2019 des „Panorama“. Das ist das Magazin des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Im Vordergrund eine junge Bergsteigerin in funktionaler High-Tech-Ausstattung, im Hintergrund zwei Männer auf einem Gletscher. Diese kleiden Lodenhüte mit Edelweiß, Knickebocker und Lederschuhe mit Nagelsohle. Es mögen fast 150 Jahre sein, die zwischen beiden Aufnahmen liegen, die ein gutes Stück der Geschichte des DAV erzählen. Und doch bilden sie die Klammer eines wichtigen Stückes alpiner Geschichte, denn der DAV wird in diesem Jahr 150 Jahre alt, dessen Aachener Sektion 125 Jahre.

Die historische Errichtung des Gipfelkreuzes auf der Zugspitze durch DAV-Mitglieder von 1882. Foto: imago stock&people

Ein Treffen in der Münchener Gaststätte „Zur blauen Traube“ am 9. Mai 1869 schien auf den ersten Blick weit weg von Aachen – geografisch wie inhaltlich. Und doch setzte es Impulse, die 25 Jahre später zur Gründung der Aachener Sektion führten. Das war den österreichischen und süddeutschen Bergfreunden naturgemäß nicht bewusst, als sie sich im Münchener Lokal trafen. Die Sektion München stand noch unter dem Eindruck des Krieges zwischen Österreich und Preußen von 1866, so dass erst nach Überwindung von Ängsten vor einer „Verpreußung“ des Alpenvereins die Bildung des gemeinsamen Deutschen und Österreichischen Alpenvereins 1873 erfolgte. Mitglied war auch der Geheime Justizrat Ferdinand Reiners. Eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Der Jurist war nicht nur Aachener, er hatte auch als erster Deutscher 1872 das Matterhorn erstiegen. Fast scheint es, als sei er so etwas wie die geborene Idealbesetzung als 1. Vorsitzender einer eigenen Aachener Sektion gewesen. Im Dachverband vertrat nur Reiners die Aachener Farben. In der Sektion Rheinland waren die Aachener hingegen stark vertreten.

Justizrat Ferdinand Reiners war der erste Vorsitzenden der Aachener Sektion. Foto: DAV Aachen

Das Interesse und die Pläne für die eigene Sektion wuchsen und führten zum entscheidenden Moment: Am 17. April 1894 freuten sich 43 Mitglieder im Restaurant „Alt-Bayern“ in der Wirichsbongardstraße über die Gründung der Aachener Sektion als der 201. im Deutschen und Österreichischen Alpenverein.

Anders als heute war die Sektion keineswegs ein homogener Spiegel der Gesellschaft. Die Gründung war „eine Angelegenheit der ältesten und angesehensten Aachener Familien“, schrieb Karl Barts in seinem historischen Rückblick. Die Wartezeit bis zur Aufnahme dauerte bis zu zwei Jahre und auch Ende des vorigen Jahrhunderts musste man noch zwei Fürsprecher stellen.

Die Aachener Sektion hat gesellschaftspolitisch durchaus turbulente Zeiten erlebt. Der heute selbstverständliche Leitsatz „Respektvoll miteinander“ war in den späten 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mitnichten Maßgabe. Jüdische Mitglieder wurden früher aus der Sektion ausgeschlossen als der nationalsozialistische Druck dies erforderte. Die Sektion Aachen widersetzte sich lange diesen Tendenzen, musste sich nach der Machtübernahme jedoch auch dem politischen Druck beugen.

Die Zeiten sind lange passé. Heute ist die Aachener Sektion nicht nur ein Spiegel aller gesellschaftlichen Schichten sondern auch fast aller Altersgruppen. „Früher waren die Reisen ins Gebirge den wohlhabenden Schichten vorbehalten. Eine Sache für noble Leute, man musste Geld haben“, sieht Norbert Balser elementare Unterschiede zu heute.

Heute Vorsitzender der Aachener Sektion: Norbert Balser kennt sich in der Bibliothek der Geschäftstelle an der Römerstraße aus. Foto: ZVA/Harald Krömer

Norbert Balser ist seit gut sieben Jahren Vorsitzender der Aachener Sektion. Er ist dies sehr gerne, gerade im Jubiläumsjahr. Auch wenn dies gerade „heuer“ – wie der Mensch in den Bergen sagt – mit sehr viel Mehrarbeit verbunden ist. „Ich bin schließlich nicht zum Vorsitz gezwungen worden, sondern mache dies gerne.“ Fast 30 Jahre ist er jetzt Mitglied in der Aachener Sektion und hat viele Veränderungen, Modernisierungen und neue Ansätze erlebt und mitgestaltet. „Seit der 100-Jahr-Feier haben wir uns deutlich in Richtung Sportverein entwickelt“, sagt er. Sportklettern, Bouldern, Mountainbiken, der Leitgedanke des Umweltschutzes, seit wenigen Jahren das „Dutch Mountain Film Festival“ – es gibt enorme Impulse für die Sektion. Dabei geht es keineswegs darum, alte Werte geringzuschätzen.

Auch heute noch wird gewandert. Im Grunde seit 1911, damals ging es von Monschau nach Eupen. Heute gibt es unterschiedliche Tourengruppen, Trekkingangebote und vieles mehr (siehe Box mit den Zusatzangeboten). Hinter diesem breit aufgestellten Angebot steht nicht zuletzt die Überzeugung, stärker vor Ort und nicht nur in den Alpen aktiv zu sein. Es geht zum Beispiel um ein friedliches Miteinander verschiedener Interessensgruppen im Wald: der Spaziergänger, der Jogger und der Mountainbiker. Letztere sind auch im DAV organisiert. „Wir müssen aufpassen, dass sich hier nicht die Sperrung der Klettergebiete in den Mittelgebirgen wiederholt“, warnt Balser. Heißt: Das notwendige Gleichgewicht zwischen Natur und ihrer Nutzung muss dringend gewahrt bleiben.

Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur

Eine Aufgabe der Sektion ist der Unterhalt von Wegen für Bergwanderer im einem Arbeitsgebiet in den Tiroler Alpen. Denn auch wenn die Erschließung und Nutzung der Alpen zu den Gründungsmotiven des Alpenvereins gehörte, geht es jetzt primär um das ausgewogenene Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. Um die Alpenökologie.

5800 Mitglieder komplettieren derzeit die Listen der Aachener Sektion, die die Stadt und Städteregion umfasst. Hinter Alemannia Aachen ist der DAV wohl der zweitgrößte Verein in der Region. Und die Tatsache, dass die Jugend sehr erfolgreich ist – unter anderem stellt man einen Deutschen Meister im Sportklettern – sorgt auch für hervorragende Perspektiven. Überhaupt singt der Vorsitzender das hohe Lied auf die nächste Generation: „Wir sind glück­lich, wie sich die Jugend auch in Aachen entwickelt. Sie bringt sich ein und fordert zugleich. Das ist manchmal anstrengend aber immer enorm konstruktiv.“ Deshalb bereitet es Norbert Balser auch mitnichten Bauchschmerzen, dass die Jugend und der Sportkletterbereich die meisten Ressourcen verlangen. Angesichts der Tatsache, dass Sportklettern 2020 in Tokio olympische Disziplin ist und es erst einmal in Paris (2024) bleiben wird, sicher nicht die dümmste Investition.

Bergidyll: die Anton-Renk-Hütte im Ötztal. Foto: DAV Aachen

Die Aachener Sektion ist in Deutschland nur eine mittlere Größe, hat sich aber immer stark auf Verbandsebene eingebracht. Natürlich hat die Sektion München-Oberland alleine schon wegen ihrer räumlichen Nähe zum Hochgebirge ein Vielfaches an Mitgliedern. Auch Köln ist mit rund 10.000 Mitgliedern numerisch größer. Genau wie Duisburg mit der Kletteranlage im Emscherpark.

Die Aachener Sektion ist mehr denn je als kompetenter Ansprechpartner gefordert. Norbert Balser arbeitet auf Bundesebene im Präsidialausschuss Bergsteigen, sein Vereinskollege und Vorgänger als Vorsitzender Joachim Opitz im Präsidialausschuss Kultur. Zwei Aufgabenbereiche mit Renommee und Reputation. Dies weist aber zugleich auf die Verantwortung hin, der sich auch die Aachener Sektion stellt. „Wir müssen aufpassen, dass nicht irgendwann die Frage nach einer Sauna auf den Alpenvereinshütten gestellt wird. Wo ist das Ende des Komforts erreicht?“, fragt Balser eher rhetorisch.

Er rückt die Hütte der Aachener Sektion in den Blick. Die Anton-Renk-Hütte ist und bleibt eine nicht bewirtschaftete Schutzhütte. Auf 2261 Metern Höhe liegt sie in den Ötztaler Alpen und ist mit 18 Matratzenlagern ein Stützpunkt für die Begehung des Aachener Höhenwegs. Holz und Verpflegung müssen aus dem Tal heraufgeschleppt werden. Wasser gibt es aus dem Brunnen – Umstände, die zugegebenermaßen nicht Standard sind.

Aber glaubt man dem Sektionsvorsitzenden, erlebt gerade diese Form des Hüttenlebens eine kleine Renaissance. „Gerade mit Kindern macht diese Form des Lebens in den Bergen riesig Spaß.“ Basics sind wieder angesagt.

Ähnlich wie bei einer Bergtour auf schmalem Grat muss die Aachener Sektion des DAV den Weg finden zwischen Moderne und Tradition, zwischen Sport und Ökologie, zwischen Digitalisierung und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Weichen sind gestellt in Richtung nachhaltiger Bergsport.

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