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Für 22 Pfund Richtung Rausch: Darts als Festival ohne jede Grenze

Für 22 Pfund Richtung Rausch : Darts als Festival ohne jede Grenze

Verkleidet kommen, besoffen gehen: Unter diesem Motto steht für viele Fans ein Besuch bei der Darts-WM. Allein die deutschen Besucher in London könnten ein Fußballstadion füllen. Im „Ally Pally“ lässt sich der Gegenentwurf zu vielen anderen Sportarten beobachten.

Dass im Alexandra Palace drei Wochen lang nichts normal ist, lässt sich schon rund um den Eingang sehr gut beobachten. Nicht wegen der kreativ kostümierten Gruppen, die schon um 11 Uhr einen Pegel haben, als hätten sie einen ganzen Tag im Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest verbracht. Auch nicht an den Menschenmassen, die in regelmäßigem Takt den Berg hinauf zum gerne als „Bierhalle“ bezeichneten Pilgerort der Darts-Fans laufen. Nein, den wahren Wahnsinn zeigt erst ein kleiner Dackel, der offensichtlich im Rausch der Gefühle von seinen Herrchen auch noch mit einem kunterbunten Dress verkleidet werden musste - um diesem Event gerecht zu werden.

Was auf Weihnachtsmärkten und in den Familien aus traditionellen Gründen als die besinnlichste Zeit des Jahres gilt, ist im Norden Londons die mit Abstand ausgeflippteste. Über 80 000 Menschen erklimmen in drei Wochen Darts-WM den steilen Hügel, der für manchen der eher in anderen Disziplinen trainierten Pfeilewerfer wohl eine zu große Herausforderung wäre, hinauf zum „Ally Pally“. Und einmal im Feierpalast zwölf Kilometer nördlich vom Stadtzentrum angekommen, kennen die feierlustigen Anhänger meist keine Grenzen mehr.

Sie kommen in Scharen und mit bester Laune: zum Beispiel als niederländische Nationalmannschaft, Simpsons oder Super-Mario-Crew. Und ein paar Stunden später - oft in euphorischer oder überschwänglicher Laune - müssen sie von den Security-Mitarbeitern nach Beendigung des Darts-Abends zum Ausgang gebeten werden. Der 22 Pfund teure und etwa 2,25 Liter fassende riesige Bierhumpen muss dann leider drin bleiben - auch wenn er in vielen Fällen noch fast komplett gefüllt ist.

Auf der Bühne haben zuvor in mehreren Duellen jeweils zwei Kontrahenten immer wieder versucht, so schnell wie möglich von 501 auf null Punkte zu kommen. Dabei müssen sie den letzten Pfeil in den schmalen Außenring setzen, wo es die doppelte Punktzahl gibt. Wem das in nur drei Aufnahmen mit insgesamt neun Pfeilen gelingt, schafft das perfekte Spiel: einen der seltenen und stürmisch gefeierten sogenannten Nine-Darter. Drei Spiele (Legs) sind für den Gewinn eines Satzes nötig, je weiter das Turnier fortschreitet, desto mehr Sätze sind für den Sieg im Match nötig.

Die Darts-WM in der britischen Millionenmetropole begeistert seit Jahren auch das deutsche Publikum massiv. Etwa 20 000 Deutsche nehmen Flug, Übernachtung und Transfer auf sich, um einmal dort live dabei zu sein, wo es im Fernsehen bei Sport1 oder im Stream von DAZN immer so bunt und spektakulär aussieht.

„Deutschland ist eine der größten Erfolgsgeschichten. Am Anfang waren es nur England und Holland. Wir hatten eine Idee, weil die deutsche Mentalität der englischen ähnelt: Sie lieben Musik, sie lieben Bier, sie wollen ihre eigenen Spieler siegen sehen“, sagte Verbandsboss und Promoter Barry Hearn der Deutschen Presse-Agentur in London. Wenn im „Ally Pally“ lautstark „Maxi Maxi Hopp Maxi Hopp Maxi Maxi Hopp“ gegrölt wird, kommt dieser Impuls selten von den Briten. „Sie nehmen das alles auf sich, das ist alles nicht billig, aber sie lieben es. Sie genießen einfach die Party“, erklärte Hearn über die Deutschen.

Es ist eine bis ins letzte Detail durchchoreografierte Fete, die den Massen in dem viktorianischen Palast geboten wird. Ein paar besinnliche Lieder vorab dienen daher nur als Beiprogramm, genauso wie die blau-weißen Weihnachtsmützen auf allen 3000 Sitzplätzen oder die zahlreichen Fast-Food-Fressstände, an denen es Cola, Burger, Pommes und Sandwiches zu üppigen Preisen gibt, aber garantiert keinen Salat. „Wir können uns immer verbessern, bei der Werbung, beim Preisgeld. Derzeit spielen wir 16 Millionen Pfund aus, aber mein Ziel sind 20 Millionen. Und wenn wir 20 Millionen haben, möchte ich auf 30 Millionen hoch“, sagte der ambitionierte, 71 Jahre alte Hearn.

Die Organisatoren sehen das Spektakel als Event für jedermann und wollen die Zuschauer, die normale Leute wie einen Elektriker, einen Industriemechaniker oder eine Friseurin auf der Bühne lieben, mitreißen. Doch natürlich will auch der Weltverband PDC möglichst viel Geld verdienen und lässt dabei keine Chance aus. Ein Foto mit dem WM-Pokal und dem aus dem TV bekannten Russ Bray, der mit seiner Reibeisenstimme schreiend die erzielten Punkte verkündet, oder weiteren selbst ernannten „Legenden“ der Trendsportart? 20 Pfund.

Dafür sitzt Bray neben seinen zahlreichen Diensten als Schiedsrichter in der Halle auch gerne stundenlang am Promotion-Stand und spielt an seinem Handy, solange die Fans das machen, wofür sie eigentlich gekommen sind: zwei mehr oder minder durchtrainierten Sportlern beim Pfeile werfen zuzusehen. „Das ist sehr wichtig. Darts ist der Sport, bei dem die Leute ihren Idolen am nächsten kommen können. Das ist der Grund, warum es eine der einzigartigsten Sportarten der Welt ist“, sagte Bray der dpa.

Die im beschaulich gelegenen Alexandra Park gelegene Eventarena teilt sich in zwei große Hallen auf. Die West Hall mit ziemlich genau 3000 Plätzen ist die Veranstaltungshalle. Die Ränge sind dunkel, hell erleuchtet wird nur die Bühne für Tänzerinnen, zwei Spieler und Scheibe. Und dann wird gesungen, getrunken, getanzt - die West Hall erinnert an eine Disco, in der schon um acht Uhr abends hervorragende Stimmung herrscht.

Die deutlich größere und zur Hälfte abgehängte Great Hall, Kapazität über 10 000 Plätze, bietet den Rest: Imbiss, Bierstände, Public Viewing und zahlreiche Promotion-Aktionen. Im Gegensatz zur West Hall ist es komplett hell, in einem Disco-Komplex wäre es höchstens die Garderobe. Wenn die Fans nach Ende der Spiele hier ankommen, wissen sie: Die Party ist vorbei für heute.

Doch warum zieht das Turnier, dessen Preisgeld in den vergangenen 27 Jahren um das 39-fache gestiegen ist, nicht in die größere Spielstätte um? „Wir könnten das nicht machen, weil wir die bisherige Atmosphäre verlieren würden. Das ist kontraproduktiv für die Attraktivität. Es bringt mehr Geld, aber du verlierst den Spirit von diesem Event“, erklärte Hearn.

Entsprechende Überlegungen von vor drei Jahren seien auch aus diesen Gründen wieder verworfen worden. Das kompakte Format mit 3000 Zuschauern, die im Fernsehen oft aussehen und klingen wie doppelt so viele, hat Tradition und seinen Charme. Auch wenn Hearn und seine Leute gerne noch mehr Einnahmen über mehr verkaufte Tickets machen würden. Die Mehreinnahmen werden stattdessen über zusätzliche Sessions, mehr Teilnehmer oder weitere Promotion-Aktionen generiert.

Was die WM rund um die Weihnachtszeit bei den Gelegenheitsguckern auslöst, soll auch der PDC Europe helfen, die seit über zehn Jahren Turniere in Deutschland veranstaltet. „Die Darts-WM ist die Lokomotive, die den ganzen Zug durch das Jahr zieht. Es ist das größte Event, es ist das wichtigste Event“, sagte Geschäftsführer Werner von Moltke. Sehen die TV-Bilder bei Weihnachtsplätzchen und Glühwein spektakulär genug aus, ist der Weg zum Ticketkauf für die hochklassigen Events in Deutschland nicht mehr weit.

Auch ohne, dass es je einen deutschen WM-Achtelfinalisten oder einen Top-20-Spieler gegeben hätte, sind die Deutschen zu fachkundigen Fans geworden. In den Hotels rund um den Alexandra Palace erzählt man sich nicht mehr nur, wie geil, alkoholreich und exzessiv der vergangene Abend war. Nein, stattdessen geht es am Frühstückstisch bei dunklen Toasts, Käse und Rührei um „die acht perfekten Darts von Nico Kurz“, den „Drei-Dart-Average von Max Hopp“ oder „die Doppelquote von Liebling Gary Anderson“. Die Party steht zwar weiter im Mittelpunkt, ist aber nicht mehr das einzige Interesse der Besucher.

Mit einem Ziel ist Barry Hearn in diesem Jahr so weit wie noch nie zuvor. Es lautet: Bei der WM kann jeder antreten, egal ob „dick, dünn, jung, alt, Frau oder Mann, Muslim oder Christ“, wie der Promoter immer so gerne sagt. In London spielen deshalb nicht nur ein 17 Jahre junger Debütant, ein 65-Jähriger oder zwei Frauen: Nein, die vermeintlichen Außenseiter sorgen auch noch für Sensationen, wie die junge englische Friseurin Fallon Sherrock, die als erste Frau auf der großen WM-Bühne Männer schlägt.

Abseits von Sherrock ist es für England sportlich eine schwierige WM. Von den Top-10-Spielern kommen fünf aus dem Mutterland des früheren Kneipensports - alle fünf sind schon vor Weihnachten ausgeschieden. „Das ist unglaublich positiv. Wir können kein Goldfisch in einem Goldfischglas sein. Es ist eine große Welt. Es gibt eine Welt da draußen, und wenn wir die Besten sein wollen, müssen wir die anderen schlagen. Wenn ich einen Litauer oder einen Polen siegen sehe, ist das großartig“, sagte der begeisterte Hearn dazu.

Wie den deutschen Fans fällt aber auch den Engländern anderes ein, um sich beim Darts einen herrlichen Abend zu machen. Kurz vor dem Weihnachtsfest war im Publikum ein Pärchen zu sehen. Der Mann hielt ein Schild in die Höhe: „Wenn es einen Neun-Darter gibt, mache ich einen Heiratsantrag.“ Sie stand hinter ihm und reckte ihrerseits ein Schild mit dem Schriftzug „Wenn es einen Neun-Darter gibt, sage ich ja“ nach oben. So einfach kann es sein - beim Darts, dem Festival ohne jede Grenze.

(dpa)