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Wiesbaden: Darf das Kind „Sinola” oder „Dresden” heißen?

Wiesbaden : Darf das Kind „Sinola” oder „Dresden” heißen?

„Alpha-Charlotte? Und Sie wollen den Namen ändern lassen?” Gerhard Müller hält mit der Linken das schnurlose Telefon ans Ohr, mit der Rechten fischt er einen Band aus dem Schleiflackregal, in dem sich die Bücher bis zur Decke türmen.

„Also, die Schreibung mit „ph” geht in Ordnung. Das können wir Ihnen bestätigen.” Im Stehen notiert Müller die Anschrift der Anruferin, dann unterbricht er das Gespräch.

Schon widmet er sich wieder dem Buch mit den portugiesischen Vornamen. Denn eigentlich hatte er nach „Cinola” gesucht, als die aufgebrachte Mutter anrief, deren vier Wochen alte „Alpha” das Standesamt in „Alfa” umgetauft hatte.

Gerhard Müller leitet den Beratungsdienst der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden. Montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sitzen er oder sein Kollege Lutz Kuntzsch am Telefon und helfen, wenn Deutsche mit dem Deutschen ringen: Sie lösen Zweifelsfälle der Grammatik und lotsen durch die Tiefen der neuen Rechtschreibung, sie erklären die Herkunft von Wörtern und schlichten Streitigkeiten zwischen Standesbeamten und Eltern, die bei der Namenswahl immer fantasievoller werden.

Dabei helfen der Gesellschaft gut 500 Namensbücher aus aller Welt von Afrika bis Wales. Aus Australien kommt „The Complete Dictionary of English and Hebrew First Names”, aus Holland das „Woordenboek van voornamen”, aus Estland das „Eesti nimeraamat”. Trotzdem bleiben weiße Flecken: „Im Moment sind wir auf der Suche nach Thailändisch und Vietnamesisch”, sagt Müller. Auch die Afrika-Abteilung besteht vorwiegend aus Lücken, hat doch ein Land wie Nigeria allein schon um die 30 Sprachen.

Mittlerweile hat Müller die romanische Abteilung durchblättert, doch „Cinola” bleibt unauffindbar. Und in ein paar Minuten will der Vater wieder anrufen. Müller geht in sein Büro, wo ein Schreibtisch und ein PC um den geringen Platz zwischen den Bücherwänden kämpfen. Google liefert tatsächlich einige Treffer zu „Cinola”. Müller klickt den ersten an.

Während sich eine Seite mit Fotos von Cockerspaniel-Welpen aufbaut, piepst schon wieder das Telefon. Eine bayerische Standesbeamtin sitzt am anderen Ende der Leitung. Vor ihr stehen Eltern, die ihren Neugeborenen als „Jonasson Luka” eintragen lassen wollen. Doch der Beamtin kommen Zweifel.

Schließlich gibt es zum Namensrecht eine ganze Reihe von Gerichtsurteilen, und aus denen lassen sich ein paar Anforderungen an einen Vornamen ableiten: Er muss das Geschlecht ausdrücken, darf seinen Träger nicht beleidigen oder lächerlich machen - und er muss als Vorname zu erkennen sein.

Ohne diese Vorschrift hießen heute manche Kinder „Dresden” oder „Cezanne”, wie Müller weiß. Auch von „Jonasson” rät er ab, selbst wenn der Name von einem badischen Gericht schon einmal anerkannt worden ist.

Doch Müller hat sich rasch noch mal in den amtlichen Statistiken Schwedens und Dänemarks rückversichert: „Namen mit „-son” sind typische Familiennamen. So heißt in Skandinavien kein Mensch mit Vornamen. Die Eltern sollen doch „Jonas” nehmen.”

Einer der raren Fälle, in denen die Gesellschaft den Daumen senkt, ist damit schnell erledigt. Zurück zu „Cinola”. Die Links auf der Google-Liste führen in den angelsächsischen Sprachraum, und was sie auf den Bildschirm holen, lässt bei Müller einen Verdacht reifen: „Das ist ein Hundename.” Anders ist es mit einem „S” am Anfang: In dieser Form erscheint der Name in der Internet-Ahnentafel einer amerikanischen Familie und in einer indischen Wählerliste, die eine „Sinola Ropmai” vermerkt.

„Mit der S-Schreibung bestätigen wir es”, sagt Müller kurz darauf ins Telefon. „Wir haben ja auch Sina.” Gleich setzt er das Schreiben für das Standesamt auf. 15 Euro kostet so eine Auskunft, mit der Eltern vor den Behörden belegen können, dass ihr Wunschname irgendwo auf der Welt schon existiert.

Dabei muss er nicht unbedingt der Tradition entstammen, gerne lassen sich Eltern auch vom Kino anregen - etwa von der Fantasy- Trilogie „Der Herr der Ringe”. Kürzlich hat sich ein Vater bei der GfdS für seinen Jüngsten die Kombination „Attila Aragorn” absegnen lassen. Ein Blick in die Datenbank der bei deutschen Standesämtern akzeptierten und registrierten Namen zeigte Müller - unter gut 90 000 Einträgen - immerhin vier Treffer für „Aragorn”, Tolkiens tapferen Edelmann.

Nach „Legolas”, dem treffsicheren Elben, sind laut Datenbank inzwischen sogar mindestens sieben junge Deutsche benannt. Der Sprachwissenschaftler hebt die Arme: „Am Anfang war ich strenger. Aber wenn Sie mit den Eltern reden, werden Sie mit der Zeit toleranter. Die haben ja ihre Motive. Sollen wir Richter spielen? Eigentlich stehen wir ja auf der Seite der Eltern.”

Um Vornamen geht es bei jeder dritten Anfrage. Sie sind das häufigste Thema der mehrere tausend Anrufe, Briefe, Faxe und Mails, die pro Jahr bei der GfdS eingehen. Es folgen Rechtschreibung, Wortkunde und Grammatik. Die Orthografie-Reform hat daran wenig geändert, bisweilen sogar neue Unsicherheit geschaffen: Die nächste Anruferin ist die Mutter einer ostdeutschen Schülerin, der die Lehrerin das große „A” bei „gestern Abend” rot angestrichen hat.

„Das ist ein Ding”, entfährt es Müller. „Wenn ein Hauptwort wie „Mittag” oder „Abend” alleine steht, wird es groß geschrieben. Da müssen Sie bei der Schule nachfragen.” Einen praktischen Rat hat er auch parat: „Machen Sie´s so, dass die Lehrerin nicht sauer wird auf Ihre Tochter.”

Wörterbücher aller deutschen Dialekte und vieler Fachterminologien, Synonymen-Lexika, Stilfibeln, Grammatiken aus mehreren Jahrhunderten, Verzeichnisse von Heiligen und Ortsnamen, Sammlungen von Sprichwörtern und Redensarten - all das haben die GfdS-Mitarbeiter in Reichweite, um den Anrufern Rat geben zu können.

Meist brauchen sie sich aber nicht zum Regal zu bemühen. Müller muss nicht lange überlegen, als ein älterer Herrn wissen will, ob es der, die oder das „Plug-in” heißt ( „das”, weil es um ein Programm geht und andere Anglizismen wie „Go-in” oder „Sit-in” ebenfalls Neutra sind).

Kein Problem für einen gelernten Sprachwissenschaftler ist auch die Anfrage eines Bundestagsabgeordneten, ob man „ressortübergreifend” oder „Ressort übergreifend” schreibt ( „ressortübergreifend”, da es eine feste, nicht auflösbare Fügung ist).

Das Bundeskriminalamt lässt sich „Provenienz” buchstabieren, ein Jurist mit frischem Staatsexamen will wissen, ob er sich beim „Präsident” oder beim „Präsidenten” des Oberlandesgerichts bewerben soll (Müller plädiert für den „Präsidenten” ).

Manche Fragen bringen aber selbst einen Doktor der Germanistik ins Grübeln. Schreibt man „10x” oder - analog zu „10-mal” - besser „10- x”, will eine Lektorin aus Kiel wissen. „Da bin ich selbst im Zweifel”, sagt Müller und zieht die Stirn in Falten.

Seine Bücher geben keine Antwort. „Grundsätzlich schreibt man jetzt mit Bindestrich. Aber „x” ist ja kein Wort, nur ein Zeichen.” Müller schüttelt den Kopf, greift einen Zettel, wirft eine Notiz hin: „Ich schreibe doch nicht „10-x”. Ich schreibe doch „10x”. Aber warum?” Der Sprachwissenschaftler muss passen: „Eine Sonderschreibung.”

Am liebsten hat Müller Fragen zur Wortgeschichte (Etymologie). Die kosten zwar Zeit, aber: „Da lernt man was dazu.” Auf der Suche nach dem Ursprung von „frech wie Oskar” etwa hat er - nach einem Streifzug durch die Bibliothek der Gesellschaft - einen kleinen Aufsatz verfasst. Die Annahme, dass die Redensart auf den scharfzüngigen Berliner Theaterkritiker Oskar Blumenthal zurückgeht, sortierte er aus.

Wahrscheinlicher scheint Müller eine Wendung wie „grüne Minna”, „Goldmarie” und „Heulsuse”, die sich nicht auf konkrete Personen zurückführen lassen. Möglicherweise hänge die Fügung auch mit dem jiddischen „ossok” (frech) zusammen.

Manche Anrufer wollen nichts wissen, sondern sich über das Vordringen von Anglizismen wie „Flatrate” ereifern. Dies sei aber die Ausnahme, sagt Kuntzsch. Andere zeigen sich schöpferisch: Das Wort „Schmetterling” gebe doch die Fortbewegungsart seines Trägers nicht angemessen wieder, befand ein Anrufer, „Taumeling” sei viel besser.

Müller klärte den Mann auf, dass der Schmetterling seinen Namen nicht seinen Flugbewegungen, sondern seiner Vorliebe für fette Milchprodukte wie Butter und Rahm - im 16. Jahrhundert als „Schmetter” bezeichnet - verdankt.

Solche Fragen, die mehr von Interesse für die Sprache als von Unsicherheit im Umgang mit ihr zeugen, sind allerdings eher selten. Häufiger erkundigen sich Anrufer nach Rechtschreibung, Zeichensetzung oder der Beugung von Verben und Hauptwörtern.

„Zwei Drittel bis drei Viertel der Anrufer sind verunsichert und brauchen Hilfe”, schätzt Kuntzsch. Dabei bereiten Groß- und Klein- sowie Zusammen- und Getrenntschreibung den Deutschen die meisten Probleme - nicht erst seit der Rechtschreibreform, die sich nur kurzfristig in der GfdS- Statistik niedergeschlagen hat.

Es sind allerdings vergleichsweise wenige Deutsche, die in sprachlichen Zweifelsfällen zum Hörer oder zur Tastatur greifen. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Angeboten. Neben der GfdS (09001/ 888 128) unterhalten auch die Wörterbuch-Redaktionen von Duden (09001/870 098)und Wahrig (09001/898 960) Telefondienste zum Minutenpreis von 1,86 Euro.

Einen auf vier mal zwei Stunden pro Woche begrenzten Service bietet die Universität Halle-Wittenberg, (bei deren Nummer (0345/55-23605 oder -23620) lediglich Verbindungsgebühren anfallen). Montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr besetzt sind die „Grammatischen Telefone” der Technischen Hochschule Aachen (0241/80-96074) und der Universität Potsdam (0331/977-2424).

Müller schätzt, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache und Duden im Jahr zusammen auf rund 44.000 Anfragen kommen: „Und darunter sind noch viele Stammkunden, die mehrmals pro Woche anrufen. Bei 80 Millionen Einwohnern ist das nicht viel.”