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Everswinkel/Münster: „Blinder Hund - na und?!”: Balou erzählt aus ihrem Hundeleben

Everswinkel/Münster : „Blinder Hund - na und?!”: Balou erzählt aus ihrem Hundeleben

Wenn die Terrassentür aufgeht, weiß Balou sofort: Da kommt jemand in den Garten. Sekunden später ist die Mischlingshündin da, schnuppert, spitzt die Ohren und schnuppert weiter - sehr ausgiebig. Balou ist blind, seit ihrer Geburt vor fast sieben Jahren. Solche Hunde gehörten an die ganz kurze Leine, lautet ein weit verbreitetes Vorurteil.

Oder: Sie sollten besser gleich eingeschläfert werden. Diese Sprüche hat Michaela Joachim, Balous Frauchen, zu Hauf gehört. „Das ist alles quatsch. Ebenso unnötig: Ein Glöckchen am Fußgelenk, damit der Hund zu Herrchen findet.” Ihre Erfahrung und Tipps für Betroffene hat die 46-Jährige im selbst verlegten Buch „Blinder Hund - na und?!” zusammengetragen. Mitautorin ist Balou selbst, die Michaela Joachim erzählen lässt.

Die schwarze Hündin, eine Mischung aus Golden Retriever und Gorden Setter, sieht zwar weder Weg noch Steg, meistert dennoch jede Hürde. Geht ohne Leine mit zum Spaziergang, findet sich allein zurecht im großzügigen Reihenhaus im münsterländischen Everswinkel und fährt mit in den Urlaub.

„Warum auch nicht? Hunde haben ein gutes Gehör und eine noch bessere Nase”, sagt Michael Joachim. Balou hat selbst die Begleithundeprüfung, eine Art TÜV für gutes Zusammenleben von Mensch und Tier, bravourös bestanden. „Sie war die zweitbeste, und die Prüferin wusste nicht mal was von dem Handycap. Die war geplättet”, erinnert sich die erfahrene Hundehalterin.

Als Balou im Alter von acht Wochen zu Michaela Joachim und ihrem Mann Helge Bruns (44) kam, wussten beide noch nichts von der Blindheit des Welpen. „Wir dachten, sie ist etwas tollpatschig, als sie gegen die Türen lief, oder kurzsichtig.”

Ein Tierarzt stellte schließlich fest, dass die Sehnerven völlig verkümmert sind - ein irreparabler Geburtsfehler. Die Hündin weggeben, kam für das Paar nicht in Frage. Im Gegenteil, der Ansporn, Balou dennoch ein angenehmes Hundeleben zu bereiten, wurde eher noch größer.

Besitzer von blinden Hunde müssen sich allerdings ein wenig auf die besonderen Bedürfnisse der Vierbeiner einstellen. Im Reihenhaus in Everswinkel wurden zunächst die Treppen abgesichert. „Wir haben mit einem Zimmer angefangen, wollten ihr Reich erst nach und nach erweitern.”

Erobert hat Balou, neugierig wie alle Hunde, solche scheinbaren Hürden allerdings dann ganz allein: „Nach wenigen Wochen stand sie oben und wedelte stolz mit dem Schwanz”, erzählt Michaela Joachim lachend, „runter ging es dann mit Klopfzeichen-Hilfe Stufe für Stufe”.

Das langsame Lernen und Gewöhnen an das Umfeld ist grundsätzlich aber nur bei Hunden wichtig, die von Geburt an blind sind, wie die Vorsitzende des Tierschutzvereins Münster, Doris Hoffe, betont. „Ältere Hunde hingegen, die etwa durch den Grauen Star ihr Augenlicht verlieren, kennen ihre Umgebung ja schon”, erklärt sie. „Wenn man dann nicht gerade ständig das Sofa umstellt oder die Schränke verschiebt, ist das gar kein Problem.”

Balou helfen auch einige akustische Signale wie Klopfen auf markante Gegenstände, Finger schnipsen oder Zunge schnalzen bei der Orientierung auf unbekanntem Terrain. Und neben den gängigen Kommandos wie „Sitz” und „Platz” kennt die Hundedame mittlerweile auch „Graben”, „Stufe” oder „Mauer”.

Dann weiß sie, welches Hindernis vor ihr ist und kann sich entsprechend bewegen. Blinde Hunde seien in unbekanntem Umfeld konzentrierter, hat die 46-Jährige festgestellt, die anderen Sinne wie die Nase würden über die Zeit sogar ausgeprägter. „Balou tritt nämlich genau so selten in andere Hundehaufen wie ihre sehenden Artgenossen auch.”