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Aachen: Belächelt: Die Deutschen und der Wald

Aachen : Belächelt: Die Deutschen und der Wald

Die Deutschen und der Wald - das ist eine ganz besondere Beziehung. Zwei Drittel der Deutschen gehen nach Umfragen mindestens einmal im Jahr in den Wald. Ungezählt sind die täglichen Gassi-Geher, Jogger und Radfahrer, die Wanderer und Spaziergänger. Auch wenn sie sich untereinander nicht immer grün sind, das Grün verbindet sie. Manche würden sogar von Liebe sprechen.

An diesem Donnerstag (21. März) ist der internationale Tag des Waldes.

Städter reagieren beim Wald manchmal etwas über. Wenn in den Wäldern die Motorsägen kreischen, witterten sie schnell Umweltfrevel, erzählt der Forstmann Gerd Ahnert aus der Eifel. Er wisse das aus Gesprächen mit Kollegen etwa aus dem Ruhrgebiet. „Je städtischer die Waldbesucher, desto lauter der Aufschrei. Da wird jede Durchforstung als Waldzerstörung empfunden.” Städter liebten die Wälder. Aber anders als die Landbevölkerung wüssten die eben nicht mehr unbedingt, dass der Wald auch mal Luft und Licht brauche.

In Europa identifizierten sich vielleicht noch die Polen, Tschechen und Skandinavier so sehr mit dem Wald wie die Deutschen, meint der Hamburger Wissenschaftler Albrecht Lehmann. Von den Franzosen würden die Deutschen sogar belächelt: Dieses Industrievolk, „die tun so, als seien sie ein Naturvolk, was sich am liebsten in die Ruhe des Waldes zurückzieht”, sagt der Kulturanthropologe. Der Wald sei in Deutschland über Jahrhunderte sorgfältig geschützt worden, „in erster Linie, um dem Adel die Jagd zu ermöglichen”. Das einfache Volk durfte aber auch Schweine und Pferde weiden lassen.

„Die Liebe der Deutschen zu den Wäldern ist in erster Linie im 19. Jahrhundert, in der Romantik, entstanden”, berichtet Lehmann. Maler wie Caspar David Friedrich (1774-1840), Poeten und Musiker verklärten den Wald zur Idylle und zum Ruhe- und Rückzugsraum. Es entstanden Begriffe wie Waldsehnsucht und Waldeinsamkeit.

Ohne den romantisch-verklärten Blick hätte es das sentimentale Lied „Mein Freund der Baum” von Alexandra (gestorben 1969), die das Fällen eines Exemplars betrauerte, in den Sechzigern wohl nie zum Klassiker geschafft. Ohne „Waldsehnsucht und Waldliebe” wäre das Waldsterben in den 80er Jahren kaum ein so emotionales Thema geworden, meint Lehmann. Für ihn eine „politisch mediale Kampagne”: „Am Ende des 18. Jahrhunderts war der Wald in einem wesentlich erbärmlicheren Zustand als 1980”, stellt er fest.

Der frühere Waldschadensbericht heißt seit Jahren Waldzustandsbericht. Und der besagt, dass sich der Wald, dem unter anderem die Luftverschmutzung zugesetzt hatte, wieder etwas erholt hat. Demnach war jede zweite Eiche im letzten Jahr krank.

Auch wenn die Eiche als deutsch bezeichnet wird - tatsächlich ist die Buche der natürliche deutsche Hausbaum. Hätte der Mensch nicht eingegriffen, die Buche hätte sich gegen die Konkurrenten durchgesetzt, ist für viele Fachleute klar. Tatsächlich aber sind Fichten und Kiefern die dominanten Bäume.

Die Buche holt aber auf, der Anteil der gotisch anmutenden Buchenwälder wächst. Trotzdem schlagen Umweltschützer von Greenpeace Alarm. In alten Buchenwäldern fielen immer mehr Baumriesen, sagt Gesche Jürgens, Waldexpertin bei Greenpeace. Die über 140 Jahre alten Buchenwälder drohten zu verschwinden. Buchen können mehr als 300 Jahre alt werden.

Greenpeace will das Fällen aufhalten, fordert einen befristeten Einschlagstopp für die alten Buchenwälder. Bis 2020 sollen fünf Prozent des öffentlichen Waldes in Deutschland unter Schutz gestellt und unantastbar sein, bisher sei es ein Prozent. Das wäre die Chance für die alten Riesen - aber dafür müssen sie überleben.

(dpa)