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Bockenem: Aussteiger lebt seit 45 Jahren in einer Hütte im Wald

Bockenem : Aussteiger lebt seit 45 Jahren in einer Hütte im Wald

Eigentlich hatte Günther Hamker die einsame Waldarbeiterhütte unter den Bodensteiner Klippen auserkoren, um sich zu Tode zu trinken. Nach gescheitertem Medizinexamen plante der Sohn aus gutbürgerlichem Hause den Selbstmord auf Raten. Doch dann fand ihn ein Jäger halbtot.

Der brachte ihn ins Krankenhaus, und nach der Entgiftung entschied sich Hamker zu leben. Den Neuanfang wagte er ausgerechnet in der Holzhütte im Wald bei Bockenem im niedersächsischen Landkreis Hildesheim, wo er sich zuvor umbringen wollte.

45 Jahre ist das nun her, und noch immer lebt der 67-Jährige als Aussteiger im Wald. Das Wasser stammt aus einem selber angelegten Brunnen, Strom erzeugt er mit Windkraft und Solarenergie. Für seine Öfen hackt er vier bis fünf Wochen lang im Sommer Holz ­ mit Hilfe einer selbst konstruierten Maschine.

„36 bis 40 Raummeter für den Winter” müssen es schon sein. „Ich mags gern mollig warm”, sagt Hamker. Der grauhaarige Mann mit dem wettergegerbten Gesicht wirkt glücklich in seinem Reich - die Hütte hat er gemütlich ausgestattet mit alten Möbeln aus Haushaltsauflösungen und vom Trödelmarkt. Auf dem Tisch stehen frische Tulpen.

Als Einsiedler sieht sich Hamker nicht. „Ich habe mehr Freunde als zu meiner Studentenzeit in Göttingen”, erzählt er bei einem Tee, während der Regen auf die Oberlichter prasselt. Ein Eigenbrötler sei er schon, gibt der Tüftler zu. Auch seine Waschmaschine ist Marke Eigenbau. Weil die produzierte Strommenge nicht ausreicht, leitet er warmes Wasser aus seiner Heizung in die Maschine ein. Bis vor fünf Jahren lebte der Aussteiger von der Bewirtschaftung des 80 Hektar großen Waldes auf dem Hainberg, den er wie die Hütte als 13-Jähriger von seinem Großvater geerbt hat.

Hamker pendelt zwischen den Welten. Einmal in der Woche setzt er sich mit Hund Wido in seinen alten Kombi und fährt - je nachdem wie matschig der Forstweg ist - 15 bis 30 Minuten zum Einkaufen und Postholen ins nächste Dorf. Bei Schnee ist er jedoch oft von der Außenwelt abgeschnitten.

Seit gut einem Jahr kommen einige Termine hinzu, denn der Waldbauer in Rente engagiert sich in der Bürgerinitiative „Der Ambergau wehrt sich” gegen eine geplante Stromtrasse mit Hochspannungsleitungen in der Nähe seiner Hütte. „Durch die Schneise würden tausende intakte Laubbäume vernichtet”, schimpft er. Seine Mitstreiter loben, Hamker bringe andere Denkweisen in die Arbeit ein, gerade was ökologische Aspekte angeht.

Solange es eben möglich ist, will der 67-Jährige auf dem Hainberg leben. Die körperliche Arbeit belastet ihn weniger als die Kämpfe mit Behörden. „Machen Sie mal der Telekom-Störungsstelle begreiflich, dass die Leitung wegen eines umgestürzten Baums tot ist!”

Unwetter schrecken ihn nicht in dem Wald, der seine Rettung war. Sieben große Stürme habe er schon erlebt. „Dann weiß ich, was zu tun ist: Licht aus, Ofen aus und von den Oberlichtern fernhalten.” Als „Kyrill” wütete, lag er mit seinem Hund im Arm auf dem Bett, als plötzlich ein Baum aufs Dach krachte. „Das war genau über uns, aber wir haben keine Schramme abbekommen.”

„Günther Hamker kam mir immer vor wie ein kraftstrotzender Löwe, der nicht brüllt”, sagt der Filmemacher Michael Schulz, der den Aussteiger 2003 für die NDR-Dokumentation „Der Einsiedler” ein Jahr lang mit der Kamera begleitete. Aus Krisen finde Hamker immer einen Weg, der fernab vom Üblichen sei.