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Augsburg/Erlangen: Ärzte gegen Pharmariesen: „Mein Essen zahl ich selbst”

Augsburg/Erlangen : Ärzte gegen Pharmariesen: „Mein Essen zahl ich selbst”

Es klingt wie der Kampf eines besonders klein geratenen Davids gegen einen besonders großen Goliath: Eine Handvoll Ärzte will die Marketingstrategien der Pharmaindustrie durchkreuzen.

Doch der Verein mit dem Namen „Mein Essen zahl ich selbst -­ Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte”, kurz „Mezis”, zeigt sich selbstbewusst. „Der Zeitpunkt für ein Umdenken ist gekommen”, sagt der Mediziner Arne Schäffler, der den Verein mitbegründet hat.

Die Idee, die der ausgebildete Arzt und Medizin-Publizist Schäffler von seinem Büro in Augsburg aus verbreiten will, ist einfach: Er und seine bislang rund 60 Mitstreiter sind überzeugt, dass die Pharmaindustrie viele Produkte in den Markt drückt, die eigentlich überflüssig seien. „Es gibt jedes Jahr vielleicht ein bis zwei echte Fortschritte in der Arzneitherapie”, sagt Schäffler. Neu vermarktet würden aber 200 bis 300 Medikamente. Gegen dieses Missverhältnis wolle „Mezis” etwas tun.

Was Schäffler dabei besonders ärgert: Durch vermeintliche Innovationen, die in Wirklichkeit keinen Fortschritt für die Patienten brächten, würden jedes Jahr Milliardensummen verschwendet. Dieses Geld fehle an anderer Stelle im Gesundheitswesen.

Das Gegenrezept von „Mezis”: Wer dem Verein beitritt, verpflichtet sich, für seine Arzneitherapie nur unabhängige Informationsquellen zu nutzen. „Mezis”-Mitglieder empfangen keine Vertriebsleute der Pharmaindustrie und versuchen auch sonst, Marketing-Einflüsterungen und Essenseinladungen zu widerstehen.

Regelrecht begeistert von der Idee war beispielsweise der Allgemeinarzt Wilfried Schmidt aus Erlangen. Sofort als er von dem Verein erfuhr, hat er ein Plakat von „Mein Essen zahl ich selbst” in seinem Wartezimmer aufgehängt. Es sei ihm leicht gefallen, keinen der deutschlandweit schätzungsweise 16.000 bis 20.000 Pharmaberater mehr in seine Praxis zu lassen, sagt Schmidt: „Von denen bekommt man nur komplett einseitige Informationen.” Und Werbegeschenke anzunehmen, sei ihm unangenehm, selbst wenn es nur ein halbwegs edler Kugelschreiber ist.

Der Verein „Mezis” will aber noch weit darüber hinaus das Bewusstsein von Ärzten und auch Patienten schärfen, wo überall Marketing sachliche Information überlagern kann. So sind Computerprogramme in Arztpraxen nach wie vor oft mit Pharma-Werbung verknüpft, obwohl die jüngste Gesundheitsreform eigentlich für „manipulationsfreie Software” sorgen sollte. Viele Pharmakonzerne unterstützen Patienten-Selbsthilfegruppen. Und die meisten medizinischen Fachzeitschriften dienen der Pharmabranche als Forum für Werbung, für die Schmidt nur ein Urteil übrig hat: „Meist irreführend und ohne brauchbare Informationen.”

Das Echo seiner Patienten sei positiv, sagt der Arzt. Und das, obwohl sie bei ihm darauf verzichten müssen, Arzneipackungen gratis zu erhalten. Denn auch kostenlose „Ärztemuster” nimmt der Allgemeinmediziner nicht an. Er weiß jedoch, dass „Mezis” alles andere als eine Massenbewegung ist. 100 Mitglieder sollen bis Jahresende dabei sein - von rund 311 000 berufstätigen Ärzten in Deutschland. Und es gibt auch Kritik aus der Ärzteschaft. Die Zeitschrift „Der Kassenarzt” schrieb in einem Kommentar, „Mezis” diffamiere die große Mehrzahl der Ärzte „als von der Industrie korrumpiert”.

Schäffler, der nicht nur bei „Mezis”, sondern auch im Vorstand der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International aktiv ist, bleibt dennoch optimistisch. Seiner Ansicht nach akzeptieren es immer weniger Ärzte, dass die Arzneikosten von Jahr zu Jahr deutlich steigen, während die Ausgaben für Arzthonorare im Vergleich dazu sinken. Vor allem eines mache ihn zuversichtlich, sagt Schäffler: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Bayerns ist als gesamte Organisation dem Verein beigetreten. Und mit weiteren KVen sei der Verein bereits im Gespräch.