Aachen: Ohne Guinness geht Steuermann Cox nicht an Bord

Aachen : Ohne Guinness geht Steuermann Cox nicht an Bord

Zwischen „cowpat” (Kuhfladen) und „coy” (scheu) führt das Wörterbuch „cox” - englischer Seefahrerjargon für Steuermann. Das passt.

Pat Cox, frisch gekürter Karlspreisträger, gab am Himmelfahrtstag in Aachen die Richtung vor. Vorbei an möglichen Tretminen und schon gar nicht schüchtern. Da steht er hemdsärmelig eine gute Stunde nach dem Festakt an der Karussell-Bar auf dem Katschhof. Das Jackett lässig geschultert, Sonnenbrille auf der Nase, um den Hals baumelt die vergoldete Karlspreismedaille.

Immer wieder reckt der 51-Jährige sein Glas Guinness in den stahlblauen Himmel - „Cheers, slante, Prost!” Mr. President strahlt, feixt mit einer Handvoll irischer Frauen, die extra aus Köln angereist sind. Dann wird gemeinsam ein Volkslied angestimmt: „Galway Bay” singt die lustige Truppe, ein paar Meter weiter zupft eine Harfenistin gegen die Strophen der Dunkelbierrunde an. Umsonst.

Und man fragt sich, ob dieser ungewöhnlich sympathische Typ in Feierlaune tatsächlich derselbe Mann ist, der gerade als Präsident des Europäischen Parlaments von Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden mit dem wohl hochkarätigsten europäischen Preis ausgezeichnet worden ist. Der im Krönungssaal ein flammendes Plädoyer für die Ratifizierung der Europäischen Verfassung gezündet hatte. Doch er ist es.

Wenn Cox am Ruder steht, reicht der Kurs an beide Ufer: Der Smalltalk mit der geladenen Prominenz (Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement, NRW-Innenminister Fritz Behrens, die früheren Karlspreisträger Walter Scheel, Simone Veil, Bronislav Geremek, Valérie Giscard d´Estaing) liegt ihm bei Prosecco und „Datteln im Speckmantel” in der Aula Carolina genauso wie das Katschhof-Bad in der Bürgermenge bei Bratwurt und Bier.

Überall schlägt ihm enorme Sympathie entgegen, immer wieder brandet Applaus der gut tausend Zaungäste auf den rituellen Karlspreis-Wegen zwischen Dom, Rathaus und Pontstraße auf. „Good luck for Alemannia” kritzelt er einem Öcher Autogrammjäger ins Signaturen-Album, zahllose Hände werden geschüttelt, Küsschen auf Kinderwangen geherzt.

Die Kleinen hatten es ihm schon zum Auftakt der üblicherweise eher konservativen Zeremonie im Krönungssaal angetan. 25 Grundschulpennäler aus der Aachener Passtraße platzierten zum Start kleine Nationalflaggen vor den Ehrengästen - und wagten sogar ein Tänzchen. Musical-Melodien aus den Knaben-Kehlen der Dommusik à la „Reicht Euch froh die Hände” zwischen Bernstein, Beethoven, „Urbs Aquensis” und der gälischen Europahymne. Da wurde von der 800-köpfigen Gästeschar sogar - kurz, aber immerhin - rhythmisch mitgeklatscht.

„Cox ist ein Glücksfall: total offen, locker, herzlich. Der macht allein mit seiner Art Lust auf Europa”, freut sich OB Linden nach der Verleihung. So viel Lockerheit geht schließlich nicht mal am Prototyp des Etikette-vernarrten französischen Staatsmannes, Giscard d´Estaing, vorbei. Sein munterer Wort-Mix aus Deutsch, Englisch und Französisch verzückt: „Vive le Europäische Verfassung!”, ruft er lächelnd ins Mikrofon auf der Katschhofbühne.

Das goutieren die Besucher des Openair-Festes mit ebenso viel Beifall wie das Statement von Cox: „Hello Aachen! Das ist heute für das EU-Parlament und für mich persönlich eine einzigartige Ehre, die mir von den Bürgern dieser Stadt zuteil wurde”, bedankt sich der Mann aus Cork. Saftige Statements, politische Plädoyers, brüderliche Bierrunden. Der Karlspreis 2004 bietet alles. Weder der Ehrenkarlspreis an Papst Johannes Paul II. noch das viel prominenter besuchte jüngste Karlspreisträger-Treffen in Barcelona konnte in dieser Hinsicht punkten.

Wie wichtig es ist, so wie Cox die Bevölkerung auf den Weg zum vereinten Europa mitzunehmen, hatte Bischof Heinrich Mussinghoff schon am Morgen beim Pontifikalamt im Dom betont: „Wenn wir vom Karlsthron aus nach oben schauen, sehen wir das Bild des zum Himmel aufgefahrenen und einst wiederkehrenden Herrn Jesus Christus”, knüpfte Mussinghoff an den Himmelfahrtstag an. „Und wenn wir nach unten schauen, sehen wir den Altar und die um ihn versammelten Menschen. Dies ist der Blick, den ich mir von allen, die an der Herrschaft in Europa partizipieren, wünsche: von Regierungschefs und Kommissaren, von Parlament und von seinem Präsidenten.”

Cox, der Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Fernsehjournalist, lebt das längst. Sein Besuch in Aachen klingt in einer Traditionskneipe aus. Um 21 Uhr warten die Limousinen auf den Karlspreisträger 2004, auf seine Frau Cathy und seine sechs Kinder zwischen 14 und 28 Jahren. Dann fährt der Steuermann zurück nach Nivelle, in den Süden von Brüssel - und man darf sicher sein, dass er auf der Brücke des EU-Parlaments die Aachener nie aus dem Blick verliert.