Aachen: Öcher gewinnen in der Bütt kein Land

Aachen : Öcher gewinnen in der Bütt kein Land

Als Heinrich „Heini” Mercks 1960 das erste Mal auf die Karnevalsbühne marschierte, gab es in Aachen 15 Büttenredner. Mindestens. Und sie hatten alle ihr Publikum. Wenn Heini Mercks heute durch die Sitzungsprogramme der Karnevalsgesellschaften blättert, dann erkennt er eine Entwicklung, die ihn mächtig ärgert.

Denn statt der Öcher Kräfte kommen immer mehr rheinische Karnevalisten zum Zuge, die Bütt bleibt meist leer oder es kommt ein Bauchredner - in der Regel bekannt aus Funk und Fernsehen. Der Öcher Lokalkolorit bleibt auf der Strecke - und anders als bei der AKV-Fernsehsitzung gibt es hier kein Fernsehdiktat.

„Das finde ich nicht gut”, sagt Mercks. Gründe für die Entwicklung gibt es viele: In der Bütt ist es zweifellos ein Nachwuchsproblem. Die Aachener Büttenrednerschule ist eingeschlafen, hier wird schon seit Jahren kein Talent mehr ausgebildet.

„Es gibt keinen Nachwuchs mehr”, sagt Peter Brust vom Vorstand des Ausschuss Aachener Karneval (AAK). Hubert Crott, das Jüppchen von „Josef, Jupp und Jüppchen”, war zehn Jahre Leiter der Büttenrednerschule. Nun sagt er: „Es ist wirklich schade, im Redebereich kommen keine neuen Nummern mehr nach. Es ist schwierig, die Leute mit Talent aufzusspüren.”

Crott weiß auch, warum es so schwierig ist, junge Menschen für die Bütt zu begeistern: „Die Ansprüche sind gestiegen. Im Fernsehen sieht man tagtäglich soviel Comedy, da hat es ein Büttenredner schwer mitzuhalten. Die Messlatte ist einfach hoch und es fehlt eine Plattform.”

Beim letzten Vorstellabend der Büttenrednerschule saß nur noch eine Hand voll Vereine. Der AAK sprach damals von einem „Armutszeugnis”.

Die Karnevalsgesellschaften setzen stattdessen auf große Namen aus Köln. „Ein Verein will den anderen übertreffen und holt auswärtige Profis”, sagt Mercks enttäuscht. „Im eigenen Land darf man nicht König werden.” Aber: Mercks wird noch gebucht.

Andere Künstler haben es schwieriger. Peter Schmal und Richard Wilkens sind einst aus der Büttenrednerschule hervorgegangen. Nun stehen sie seit neun Jahren als „De zweij Löresse” auf der Bühne. In Aachen aber nur noch selten. „Man kann hier kein Land gewinnen”, sagt Schmal. Nur zwei Auftritte hatten sie in dieser Session bislang in der Heimat.

Ihre Weggfeährten aus der Büttenrednerschule haben reihenweise aufgegeben. Und so gehört die Bühne weiterhin Josef, Jupp und Jüppchen, Heini Mercks und wenigen anderen. Klar gibt es auch noch einen Jürgen Beckers, der für Furore sorgt. Aber Beckers ist auch kein Öcher Jung. Vielmehr ein Kind der Region. Immerhin.

Musik ist im Öcher Fastelovvend freilich noch drin. Die „4 Amigos” und die „Originale” und ein paar mehr sind gern gesehene Gäste auf den großen und kleinen Sitzungen. Die „Domspatzen” haben allerdings aufgehört. Und auch hier fehlt der Nachwuchs. Die AKV-Talentsuche „Chartbreaker” hatte nicht den gewünschten Erfolg. Neue Namen? Abgesehen von den „Oecher Stadtmusikanten”, bei denen aber vor allem bekannte Karnevalsgesichter zusammenkommen, Fehlanzeige.

Das bedauern auch die, die gebucht werden. „Man muss die Programmgestalter auch verstehen, sie wollen kein Risiko eingehen und sind besorgt, ob ihre Show läuft. Trotzdem sollte man Jüngeren auch eine Chance geben”, sagt Guido Kempen von den Originalen.

Die Situation ist und bleibt heikel. Dem Nachwuchs fehlt die Bühne, und den Programmgestaltern fehlt der Nachwuchs. „Es ist eine Schande, aber ich bin als alter Sack immer noch die Nummer 1”, sagt Heini Mercks.

Der AAK beschäftigt sich längst intensiv mit dem Problem. „2010 wird es wieder eine Nachwuchsförderung geben”, sagt Peter Brust. AAK-Präsident Wilm Lürken spricht von einer Musik- und Rednerschule, die nach der Session aufgebaut wird.

Mit möglichen Lehrern haben sie schon gesprochen. Die Domspatzen sollen sich um neue Musiker kümmern. „Ob sich dann auch Leute melden, ist dann aber die nächste Frage. Wir wüssten auch gerne, wo der Nachwuchs ist”, sagt er.

Mehr Karten mit van Halen

So lange es keinen Nachwuchs gibt, bedienen sich die Programmgestalter weiter auf dem Kölner Markt. Den Weg von Aachen nach Köln schaffen dagegen nur die wenigsten Aachener Künstler. „De zweij Löresse” treten in diesem Jahr in Jülich und Heinsberg auf. Ich würde mir wünschen, dass Aachener auch in Aachen wahrgenommen werden”, sagt Peter Schmal.

Ein frommer Wunsch. „Wenn auf einem Plakat Fred van Halen steht, dann verkauft eine Gesellschaft wahrscheinlich ein paar Karten mehr als mit den Originalen. Der Schatten, den Köln wirft, ist gewaltig”, sagt Peter Brust. Und Heini Mercks schimpft: „Die Öcher Kräfte werden missachtet.” Das hat er schon anders erlebt. Ganz anders.