Aachen: Zwei junge Männer und ihre Flucht aus Libyen

Aachen : Zwei junge Männer und ihre Flucht aus Libyen

Vielen Flüchtlingen fällt es schwer, über ihre Erlebnisse zu reden. Das gilt vor allem für Minderjährige, die ohne ihre Eltern über die berüchtigte Libyen-Route nach Europa gekommen sind. „Sexuelle Gewalterfahrungen zu schildern, ist für fast alle von ihnen ein Tabu“, hat Johanna Grotendorst beobachtet.

Die Flüchtlingsberaterin im Aachener „Café Zuflucht“ sagt: „Die meisten Geflüchteten versuchen, ihre grauenvollen Erlebnisse einfach nur zu vergessen und zu verdrängen. Sie wollen endlich in einer friedlichen Normalität ankommen.“ Trotzdem haben sich zwei junge Männer bereit erklärt, mit unserer Zeitung zu reden.

Manche machen sich offenbar einen Spaß daraus, auf Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu schießen: Mahmoud, 19 Jahre alt. Foto: Andreas Herrmann

Erkannt werden wollen sie nicht. Beide haben als Minderjährige in Libyen die Hölle erlebt. Unser Redakteur Joachim Zinsen hat ihre Schilderungen protokolliert. Es sind zwar zwei individuelle Schicksale. Sie stehen aber stellvertretend für ähnliche Erfahrungen vieler anderer.

Besonders schlimm war es für Frauen. Immer wieder kamen Männer rein und schleppten einzelne raus. Diese Frauen wurden vergewaltigt: Robiel, 17 Jahre alt. Foto: Andreas Steindl

Mahmoud, 19 Jahre alt — flüchtete aus dem Tschad

„Ich stamme aus dem Tschad. Mein Vater war Soldat. Er wurde im Bürgerkrieg getötet. Meine Mutter hat sich von ihm scheiden lassen, als ich noch ein kleines Kind war. Sie lebt schon lange im Sudan. Gewohnt habe ich im Tschad zuletzt bei einem Onkel. Auch er war Soldat. Als es 2012 in meiner Heimatstadt zu schweren Kämpfen zwischen der Armee und Aufständischen kam, bin ich mit ihm auf einem Lastwagen durch die Sahara nach Libyen geflohen. Dort wollten wir eigentlich bleiben.

Zunächst waren wir in der Wüstenstadt Sabha. Nach sechs Monaten sind wir dann weiter in die Hauptstadt Tripolis gezogen. Dort bin ich von meinem Onkel getrennt worden. Ich habe mich deshalb anderen Flüchtlingen angeschlossen. Um einen Job zu finden, sind wir immer zu einem großen Platz im Zentrum von Tripolis gegangen. Dort kamen Libyer hin, die Arbeitskräfte suchten. Allerdings wusste man nie, ob sie einen nachher auch bezahlen. Oft geschah das nicht.

Irgendwann hatte ich dann Glück: Ich konnte lange Zeit für einen Ägypter arbeiten, der von einer libyschen Fensterbaufirma Aufträge erhielt. Er hat mir 200 Dollar pro Monat gegeben. Selbst nachdem ich bei einem Arbeitsunfall den Teil eines Fingers verloren hatte und monatelang nicht arbeiten konnte, hat er mich unterstützt und meine Medikamente bezahlt. Er war ein guter Mensch.

„Jede Nacht kam es zu Kämpfen“

Ich hatte den Vorteil, dass ich arabisch spreche. Andere Flüchtlinge konnten das nicht. Sie wurden von den Libyern behandelt wie Tiere. Ich habe erlebt, wie diese Menschen gezwungen wurden, ihre Verwandten in den Heimatländern anzurufen, damit sie ihnen Geld schicken. Ansonsten, sagte man ihnen, würden sie getötet. Ich habe erlebt, wie Flüchtlinge, die sich weigerten, mit kochend heißem Wasser übergossen wurden. Ich habe erlebt, wie manche von ihnen tagelang ohne Essen eingesperrt wurden.

Auch für mich ist das Leben in Libyen immer unerträglicher geworden. Jede Nacht kam es in Tripolis zu Kämpfen. Alle scheinen dort eine Waffe zu besitzen. Manche machen sich offenbar einen Spaß daraus, auf Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu schießen. Viele Flüchtlinge, die ich kannte, sind so ermordet worden. Andere wurden verschleppt. Ich selbst bin mehrfach ausgeraubt und verprügelt worden. Zuletzt habe ich mich ohne den Ägypter nicht mehr auf die Straße getraut.

Eines Tages sagte mir der Ägypter, er wolle in seine Heimat zurückgehen, ich solle versuchen, nach Europa zu entkommen. Auch wenn ich von Europa kaum eine Vorstellung hatte und nicht wusste, wie groß das Mittelmeer ist, bin ich seinem Rat gefolgt. Für 1500 Dollar haben mich Schlepper zusammen mit anderen Flüchtlingen zu einem Strand gebracht. Sie hatten uns gesagt, dort würde ein großes Schiff warten. Als wir ankamen, waren es aber nur kleine Boote und Hunderte wartende Menschen. Manche wollten nicht einsteigen. Sie wurden dazu gezwungen.

Wir waren gerade einmal zehn Minuten auf dem Meer, da hat uns ein libysches Boot gestoppt. Wir mussten umkehren. Die Männer steckten uns in ein Lager und sagten, jeder müsse nochmals 500 Dollar zahlen. Viele konnten das nicht. Eine Gruppe von vielleicht 50 Senegalesen ist deshalb einfach erschossen worden. Andere wurden abtransportiert. Da ich noch etwas Geld hatte, durfte ich auf ein neues Boot steigen. Auch das war klein und mit Hunderten Männern, Frauen und Kindern völlig überfüllt. Wir konnten uns kaum bewegen. Es gab weder Toiletten, noch genügend Trinkwasser. Es war einfach nur schrecklich.

„Ich war mir sicher: Jetzt stirbst du“

Gesteuert hat das Boot ein Flüchtling, der von den Schleppern angelernt worden war. Nach ein paar Stunden fiel der Motor des Schiffes aus. Wasser drang ein. Viele haben geschrien, Männer, Frauen und Kinder. Ich auch. Denn ich war mir sicher: Jetzt stirbst du. Aber wir hatten Glück. Ein Boot hat uns gefunden, aufgenommen und nach Italien gebracht. Das war am 1. Juli 2015.

Seit mehr als drei Jahren lebe ich nun in Aachen. Ich habe eine Aufenthaltserlaubnis, die jedes Jahr verlängert werden muss, gehe zum Berufskolleg und will später einmal als Kinderpfleger arbeiten. In der ersten Zeit nach meiner Ankunft hatte ich jede Nacht Alpträume. Vor allem die Todesangst auf dem Boot ist immer wieder hochgekommen. Zum Glück denke ich inzwischen nicht mehr so oft daran.“

Robiel, 17 Jahre alt — flüchtete aus Eritrea

„Ich bin 2013 zusammen mit drei anderen Jugendlichen aus Eritrea nach Äthiopien geflohen. Damals war ich knapp 13 Jahre alt. Warum ich geflohen bin? In Eritrea gibt es keine Arbeit. Wer seine Meinung sagt, landet im Gefängnis. Selbst Kinder werden zur Armee eingezogen. Davor hatte ich Angst.

In Eritrea habe ich mit meinem Zwillingsbruder bei meiner Schwester gelebt. Meine Mutter, die schon lange von meinem Vater geschieden ist, durfte vor Jahren nach Saudi-Arabien ausreisen. Das Land ist der einzige Staat, für den ältere Eritreer ein Visum erhalten. Wir konnten nur überleben, weil meine Mutter uns immer wieder Geld geschickt hat.

Aus Äthiopien bin ich von einem Schlepper für 1600 Dollar in den Sudan gebracht worden. Das Geld hatte sich meine Mutter geliehen. Dort bin ich ein Jahr und acht Monate geblieben, habe gearbeitet und auf meinen Zwillingsbruder gewartet. Das Geld, das ich in einer Schuhfabrik verdiente, reichte gerade zum überleben. Man musste sich jedoch vor der Polizei in Acht nehmen. Immer wieder steckte sie Flüchtlinge ins Gefängnis, die sich dann freikaufen mussten. Auch die Polizei hat einen gezwungen, Verwandte anzurufen und sie um Geld anzubetteln — genau wie die Schlepper. Wer nicht zahlte, wurde an andere Schlepper verkauft. Die prügelten und folterten. Wer trotzdem kein Geld auftreiben konnte, war tot. Ich habe gehört, dass Flüchtlinge umgebracht wurden, um ihnen Nieren oder andere Organe zu entnehmen, die von den Schleppern dann verkauft wurden.

Mein Bruder und ich sind schließlich nach Libyen gebracht worden. Wieder hat das 1600 Dollar pro Person gekostet. Dieses Mal hat ein Cousin von mir gezahlt, der als Flüchtling in Israel lebt.

In Libyen waren wir acht Monate lang. Die ganze Zeit haben wir in einem Lager gelebt. Zusammen mit rund 250 anderen Flüchtlingen — Männer, Frauen und Kinder aus den verschiedensten afrikanischen Ländern — waren wir in einem kleinen, völlig überfüllten Raum eingesperrt. Nur zum Essen durften wir zwei Mal täglich kurz auf einen Hof, der von einer hohen Mauer umgeben war. Einmal pro Tag konnten wir eine Toilette benutzen.

In dem Raum war es unglaublich heiß. Ich hatte ständig Hunger und Durst. Es stank bestialisch. Bewegen konnten wir uns kaum. Es war so eng, dass man sich nur abwechselnd hinlegen und schlafen konnte. Ständig wurdest du gedrängt, deine Verwandten anzurufen. Ständig wurdest Du geschlagen, bis endlich das Geld da war. Manche sind deshalb verrückt geworden, andere krank, andere aggressiv. Besonders schlimm war es für Frauen. Immer wieder kamen Männer rein und schleppten einzelne raus. Diese Frauen wurden vergewaltigt. Ich habe das alles mitbekommen. Es war wie in einem Horrorfilm.

Nur wer das Geld für die Überfahrt nach Europa gezahlt hatte, durfte in einen zweiten Raum. Dort waren die Verhältnisse nicht ganz so schlimm. Viele andere, die kein Geld geschickt bekamen, wurden entweder getötet, oder sie wurden verkauft — es hieß, sie müssten als Sklaven arbeiten. Wer Glück hatte, konnte den Schleppern helfen. Er durfte dann darauf hoffen, vielleicht ohne zu zahlen auf ein Boot zu kommen. Je länger du im Lager warst, desto höher war die Summe, die von dir verlangt wurde. Mein Bruder und ich haben schließlich jeder 2200 Dollar zahlen müssen. Das Geld haben uns wieder Verwandte geschickt.

„Mein Traum: Kfz-Mechaniker“

Eines Tages wurden wir dann alle abgeholt und auf ein kleines Holzschiff gesetzt. Es war völlig überfüllt. Viele wollten nicht auf das Boot gehen, vor allem nicht ins Unterdeck. Aber wer sich weigerte, wurde verprügelt. Schon kurz nach dem Ablegen drang von unten Wasser in das Schiff. Verzweifelt haben wir versucht, es mit aufgeschnitten Plastikflaschen aus dem Boot zu schöpfen. Aber das war natürlich sinnlos. Ich hatte riesengroße Angst, vor allem um meinen Bruder. Es saß unter Deck. Ich wusste, wenn das Boot kentert, hat er keine Chance. Zum Glück hat uns nach ungefähr zwei Stunden ein Helikopter entdeckt. Kurze Zeit später sind wir von einem Schiff gerettet und nach Italien gebracht worden.

Über Frankreich und Belgien bin ich schließlich nach Deutschland gekommen. Hier lebe ich als subsidiär geschützter Flüchtling seit knapp zwei Jahren in Alsdorf. Ich gehe ins Berufskolleg und habe ein Praktikum in einer Kfz-Werkstatt gemacht. Ich träume von einer Ausbildung als Kfz-Mechaniker. Vor allem aber möchte ich meinen Verwandten das Geld zurückgeben können, mit dem sie mir meine Flucht ermöglicht haben.“

Robiel und Mahmoud hatten Glück: Heute wäre ihre Chance deutlich geringer, der Hölle von Libyen lebend zu entkommen. Schuld daran sind nach Ansicht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International auch EU-Staaten. Denn Länder wie Italien oder Malta machen es privaten Hilfsorganisationen mittlerweile nahezu unmöglich, weiter Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten. In Folge dessen sind im Juni und Juli trotz deutlicher Abnahme der Fluchtversuche aus Libyen mehr als 720 Menschen auf dem Weg von dem nordafrikanischen Land nach Europa gestorben — so viele wie nie zuvor innerhalb von zwei Monaten.

Gleichzeitig rüstet die EU die libysche Küstenwache immer weiter auf. Diese fängt inzwischen die meisten Flüchtlingsboote ab und bringt deren Insassen zurück nach Nordafrika — entgegen geltendem internationalem Recht. Laut Amnesty ist auch deshalb die Zahl der Menschen in den berüchtigten libyschen Lagern von 4400 im März auf mehr als 10.000 Ende Juli gestiegen. Die Zustände in diesen Camps werden selbst vom Auswärtigen Amt als KZ-ähnlich eingestuft.

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