NRW sucht pensionierte Lehrer: Zurück an die Schule mit 72 Jahren

NRW sucht pensionierte Lehrer : Zurück an die Schule mit 72 Jahren

Weil in NRW Lehrer fehlen, werden pensionierte Lehrkräfte zu Hunderten reaktiviert. Ulrich Thomas aus Düren ist einer von ihnen. Er unterrichtet jetzt wieder – in Aachen. Wie geht es ihm damit, wieder vor der Klasse zu stehen?

Ulrich Thomas zeigt auf seinem Handydisplay ein Foto aus der Mottowoche der Abiturienten. „Wirklich klasse und lustig“ seien die Verkleidungen gewesen, erzählt er und wirkt dabei aufrichtig begeistert. Thomas zeigt eine Freude an den Schülern und an seinem Beruf wie ein Berufsanfänger – dabei müsste der 72-Jährige längst nicht mehr arbeiten. Der Französisch- und Geschichtslehrer ist seit sechs Jahren pensioniert. Eigentlich.

Weil in Nordrhein-Westfalen Lehrer fehlen, setzt das Schulministerium darauf, pensionierte Lehrerinnen und Lehrer zu reaktivieren. Mehr als 900 ältere Lehrer haben im vorigen Jahr in NRW ihren Ruhestand verschoben oder sind in den Schuldienst zurückgekehrt. Seit 2016 hat sich die Zahl laut Schulministerium von 473 auf 917 nahezu verdoppelt.

15.000 Lehrer werden fehlen

Ulrich Thomas ist einer dieser Lehrer. Nach dem Austritt aus dem Schuldienst hat er nie so ganz aufgehört zu unterrichten. Er hat Nachhilfe und Kurse an der Volkshochschule gegeben. Lange Zeit war es vom Land nicht gewünscht, dass ältere Lehrer weiter arbeiten. „Richtigerweise sollten wir Alten den jungen Leuten nicht die Chance auf einen Job nehmen“. sagt Thomas. Doch die Zeiten haben sich geändert, und der Lehrermangel ist ein zunehmendes Problem. In den kommenden zehn Jahren fehlen nach Berechnungen des Landes an allen Schulformen außer Gymnasien insgesamt rund 15.000 Lehrer. Deshalb greift NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) verstärkt auf Seiteneinsteiger und auch pensionierte Lehrer zurück.

Er fühlt sich nicht als „Sonderfall“

Thomas freut sich, wieder vor einer Klasse zu stehen. Eigentlich herrscht zwar kein Mangel an Gymnasiallehrern – jedenfalls nicht in den geisteswissenschaftlichen Fächern. Dass Thomas eine Stelle an einem Gymnasium bekommen hat, liegt an seiner Fächerkombination. Am Rhein-Maas-Gymnasium in Aachen gibt es einen Französisch-Zweig. Beim bilingualen deutsch-französischen Bildungsgang wird Politik, Sachkunde und Geschichte auf Französisch unterrichtet. Weil eine Lehrerin dauerhaft erkrankte, suchte das Aachener Gymnasium  händeringend einen Lehrer, der Geschichte auf Französisch unterrichten konnte. Seit September 2018 ist Thomas an der Schule. Er hatte Geschichte-Bilingual auch schon in Düren am Burgau-Gymnasium unterrichtet. Bekanntes Terrain also.

Sein Oberstufenkurs besteht aus nur etwa einem Dutzend Schülern. „Da habe ich Glück, die Korrekturbelastung ist nicht so groß.“ Aber vor allem seien es „Top-Schüler“, die sehr viel leisten. Ihn freut es sehr, dass er von den Schülern freundlich und „ganz normal“ aufgenommen wird. „Die behandeln mich nicht als Sonderfall.“ Vielleicht ist einem 16-Jährigen aber auch einfach gleich, ob ein Lehrer 65 oder 70 ist. Für Teenager ist mutmaßlich alles ab 30 Jahren irgendwie „alt“.

Thomas ist beeindruckt von der Rücksichtnahme der Schüler. „In der Mottowoche musste ich meine Zehntklässler auf eine Prüfung vorbereiten. Ich habe die Abiturienten also gebeten, keinen Lärm und kein Halligalli bei uns zu machen, und sie haben sich tatsächlich daran gehalten.“ Die Schülergeneration, die er erlebt, sei freundlich und kommunikativ. Dass Kinder in der sechsten Klasse vielleicht auch mal zu kommunikativ, sprich sehr laut, seien, gehöre dazu.

Die Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung trotz Ruhestands für die Lehrkräfte wurden laut Ministerium wesentlich attraktiver gestaltet: Lehrer, die ihre Dienstzeit verlängern, erhalten nun einen Besoldungszuschlag in Höhe von zehn Prozent des monatlichen Grundgehalts. Und auch die stundenweise Rückkehr aus dem Ruhestand sei attraktiver als je zuvor, weil für Beamte die Hinzuverdienstgrenze ausgesetzt ist.

Bezahlt wie ein Berufsanfänger

Thomas sieht allerdings keinen finanziellen Anreiz. „Wer des Geldes wegen mit dem Gedanken spielt, wieder zu unterrichten, hat die falsche Motivation – und wird enttäuscht“, sagt er. Da er länger als drei Jahre aus dem Schuldienst ausgeschieden war, ist sein Anspruch auf die Einordnung nach Dienstjahren und als Beamter verfallen. „Ich werde wie ein angestellter Junglehrer, der gerade aus dem Referendariat kommt, bezahlt.“

Wenn er die Kosten für sein Bahnticket abzieht, bleibt noch weniger von seinem Gehalt übrig. Als Lehrer bekommt er jedoch ohnehin eine gute Pension. Und: „Um das Geld geht es mir nicht.“ NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) will die bis Ende 2019 befristete Regelung darüber hinaus verlängern, sagte sie im März. Zugleich helfe der längere Einsatz jeder erfahrenen Lehrkraft den Schülern.

Der Kardiologe ist zufrieden

Davon ist Hans Münstermann nicht bedingungslos überzeugt. Der Rektor des Carolus-Magnus-Gymnasiums in Übach-Palenberg im Kreis Heinsberg hat auch schon einen pensionierten Lehrer zur Überbrückung eingestellt. Irgendwann aber müsse doch auch Schluss sein. „Wenn ich müde bin, bin ich auch keine Hilfe mehr“, sagt er. Lehrer müssten ausreichend Reserven haben, weil Kinder fordernd seien und auch sein sollten. Münstermann glaubt, dass ältere Menschen dem irgendwann nicht mehr gewachsen sind. „Wollen Sie wirklich einen 70-Jährigen für 25 Erstklässler als Lehrer?“ Abgesehen von den altersbedingten Problemen sieht Münstermann aber auch ein pädagogisches Problem: Die älteren Lehrer seien nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. „Man holt ja auch keinen 80-jährigen Arzt in den OP.“

Ulrich Thomas bestätigt, dass der Job kräftezehrend ist – und auch anstrengender als zu seiner früheren aktiven Zeit. Dabei sei gar nicht der Unterricht das Herausfordernde, sondern vielmehr alles Organisatorische drumherum. „Die Flut der Informationen hat zugenommen, und man muss sich in Detailregeln einarbeiten.“ Aber er sagt auch klar: „Ich würde es nicht machen, wenn es mir nicht guttun würde.“

Thomas würde beispielsweise keine volle Stelle annehmen, weil es zu anstrengend sei. Außerdem fährt er mit Bus und Bahn nach Aachen. „Da kann ich mich auch noch vorbereiten und während der Fahrt etwas lesen.“ Die Strecke aus dem Kreis Düren im Dunkeln möchte er lieber nicht mit dem Auto zurücklegen. Den Unterricht bewältigt er aber problemlos. Seine Frau und seine drei erwachsenen Kindern glauben, dass ihn das Unterrichten „in Form hält“. Sein Kardiologe, bei dem er sich hat durchchecken lassen, begrüßt Thomas’ Einsatz auch. Seine ehemaligen Kollegen vom Gymnasium Kreuzau haben dennoch gestaunt, als Thomas von seinem Vorhaben berichtete.

Am anstrengendsten sei es nicht jetzt, sondern seien die Anfangsjahre nach dem Referendariat in den 70er Jahren in Berlin gewesen. „Da war alles neu.“ Der 72-Jährige aus dem Ruhrpott war bis 1989 Lehrer in Berlin. „Ausgerechnet wenige Wochen vor dem Mauerfallam 9. November 1989 bin ich nach Düren gezogen“, sagt er. Für einen Geschichtslehrer sei das schon etwas bitter. Er erzählt seinen Schülern aber gern aus der Zeit in Berlin, wo er das geteilte Deutschland ganz nah miterlebt hat.

Die Referendare, die Thomas heute mitbetreut, erinnern ihn an ihn selbst. „Sie sind aber zielstrebiger und fleißiger als wir damals“, glaubt Thomas. Sein Tipp für den Lehrerberuf: „Wer perfekt sein will, geht in der Schule zugrunde. Man muss auch Abstriche machen.“

Das Problem mit schlechten Noten

Die jungen Kollegen haben Thomas den Wiedereinstieg am Rhein-Maas-Gymnasium erleichtert. Sie haben bei Materialien ausgeholfen („Ich hatte ja das meiste weggeschmissen“) und ihm schulrechtliche Neuerungen aus den vergangenen Jahren erklärt. Zum Beispiel, dass man einem Schüler nicht einfach eine Fünf auf dem Zeugnis geben kann. „Das muss man dann auf einem Formblatt begründen, man muss die Eltern treffen und einen Plan erstellen, wie es mit dem Schüler in dem Fach weitergehen soll.“ Dabei wisse man doch bei manch einem Schüler, dass die Schulform nicht die richtige für ihn sei. Schlechte Noten seien aber schlichtweg nicht erwünscht, glaubt er. Das schadet dem Niveau insgesamt, sagt Thomas.

Wenn er auf die Entwicklung der Schulpolitik blickt, ist er froh, dass NRW zu G9 zurückkehrt. „Die Entscheidung für das Abitur nach acht Jahren war damals eine krasse Fehlentscheidung und undemokratisch, weil Lehrer, Eltern und Schüler vollkommen übergangen wurden.“ Rückblickend glaubt Thomas auch zu beobachten, dass der Leistungsdruck auf die Schüler heute zugenommen habe. Die familiären Zustände seien mitunter komplizierter. „Man hat mehr mit Schülern zu kämpfen, die durchhängen.“

Sein derzeitiger Vertrag läuft bis zum Ende des Schuljahres. Noch ist unklar, wie und ob es danach weitergeht. Thomas würde gern weiter unterrichten. Eines steht für den 72-Jährigen aber fest: Lehrer ist nach wie vor sein Traumberuf. Er sieht das Unterrichten als die ideale Kommunikationsform zwischen den Generationen. „Wenn ich versuche, den Schülern Orientierung und Kompetenzen zu vermitteln, mache ich etwas für die künftige Generation und unser Land. Gleichzeitig erfahre ich, was die Welt von Teenagern heute ausmacht.“

Er wird im Sommer auf jeden Fall nach interessanten Stellen Ausschau halten. Und wenn es nicht klappt? Dann hat Thomas eine Alternative: „In unserem Haus mit Riesengarten wäre sonst aber auch noch viel zu tun.“

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