Ein Haus für alle: Zu Besuch in einer inklusiven WG in Köln

Ein Haus für alle : Zu Besuch in einer inklusiven WG in Köln

Die erste Pizza verschwindet im heißen Ofen, die zweite steht schon bereit. Um neun WG-Bewohner satt zu machen, ist beim Kochen Teamarbeit gefragt.

Marina schnippelt geschickt ein paar Zwiebeln. „Die Schale steht vor dir“, sagt Celine. Marina nickt und schubst die geschnittenen Zwiebeln vom Brettchen in die Schale. Sie ist blind, ihre Mitbewohner unterstützen sie deshalb beim Kochen. Die Wohngemeinschaft im Kölner Süden lebt inklusiv: Vier Studierende und fünf junge Menschen mit Behinderungen teilen sich eine Wohnung.

Im Haushalt packt jeder nach seinen Fähigkeiten mit an. Zusätzlich helfen die Studierenden ihren Mitbewohnern im Alltag. Gleich zwei solcher inklusiven WGs wohnen hier unter einem Dach. Sie sind das Herzstück des Neubaus, der vom Verein „inklusiv wohnen Köln“ konzipiert wurde. Die Idee: Menschen mit und ohne Hilfebedarf sollen gemeinsam und trotzdem so individuell wie möglich leben. Auf dreieinhalb Etagen gibt es neben den beiden WGs einen Gemeinschaftsbereich und Wohnungen verschiedener Größen. Ende 2018 wurde das private Wohnprojekt ein Jahr alt.

Hervorgegangen ist „inklusiv wohnen Köln“ aus einer zufälligen Begegnung an der Käsetheke. Christiane Strohecker und Michaela Mucke kamen dort im Jahr 2012 in der Schlange ins Gespräch. Beide haben Töchter mit schweren Mehrfachbehinderungen - junge Erwachsene, denen sie ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen wollen. „Aber für Menschen mit schweren Behinderungen gibt es kaum Wohnmöglichkeiten - außer Heime, und selbst die sind meist voll“, erzählt Strohecker. Also vernetzten sich die beiden mit anderen Familien und gründeten wenig später einen eigenen Verein.

Ein Tagesplan für die Bewohner hängt einer WG mit Studierenden und Menschen mit Behinderung. Foto: dpa/Henning Kaiser

„Wir hatten schon lange Studierende als Alltagsbegleiter in unseren Familien“, erklärt Strohecker. Dieses Konzept wollten sie mit ihrem Verein zu Wohngemeinschaften ausbauen. Auf der Suche nach ähnlichen Projekten stießen sie auf den Münchner Verein „Gemeinsam leben lernen“. Der betreibt schon seit über 25 Jahren inklusive WGs.

Mit der Planung des inklusiven Hauses beauftragten sie einen Architekten, der ihre Ideen auf Papier brachte. Der ganze Bau sollte rollstuhlgerecht werden, außerdem sollten Räume für eine Nachtwache eingeplant werden. Für drei Millionen Euro baute die Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Wohnungsbau (GAG) das Haus nach dem Vereinsentwurf.

Die Bewohner legen Wert darauf, dass sie in einer WG wohnen - und nicht in einer Wohngruppe. Das erinnere zu sehr an stationäre Einrichtungen. „Bei uns gibt es keine Delfingruppe oder Sonnenblumengruppe oder so etwas“, sagt Celine. „Wir sind einfach die WG Zwei.“ Celine studiert Sonderpädagogik. Das ist aber keine Voraussetzung für einen Platz in der WG.

Die Bewohner Celine Neuens (l) und Frédéric Raviolo (r) bereiten in einer WG mit Studierenden und Menschen mit Behinderung das Abendessen vor. Foto: dpa/Henning Kaiser

Die Studierenden übernehmen auch keine pflegerischen Aufgaben - dafür gibt es geschultes Personal. Sie verpflichten sich aber, ihren Mitbewohnern mit Behinderung stundenweise zu helfen: An einem Morgen und einem Nachmittag in der Woche sowie an einem Wochenende pro Monat.

Meist verbringt die WG aber deutlich mehr Zeit miteinander. In der Regel wird gemeinsam zu Abend gegessen. Dann tauschen sie sich darüber aus, was sie in der Uni oder der Werkstatt erlebt haben. An den Wochenenden stehen oft Ausflüge auf dem Programm. Finn Hompesch, Heilpädagoge und für die Hausleitung zuständig, sagt: „Unser Ziel ist Normalität.“

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