Zeppelin startet ab Mönchengladbach

Flughafen Mönchengladbach : Die Zeppeline kehren ins Rheinland zurück

Das Zeppelin-Wochenende in Mönchengladbach ist ein „Testballon“, sagt Eckhard Breuer, der Geschäftsführer der Deutschen Zeppelin-Reederei aus Friedrichshafen. Sprachlich mag das etwas gewagt formuliert sein, inhaltlich ist es nachvollziehbar. Denn bislang schweben die beiden Luftschiffe des Unternehmens primär am Bodensee und im Großraum München.

Im letzten Jahr zählte sie 24.700 Passagiere, das war Rekord. Die fliegende Firma will expandieren, sucht neue Ziele. Breuer, der Rheinländer, hält das Rheinland für „hoch attraktiv“. Bonn und Mönchengladbach sollen Abflughäfen im Westen werden. Vom 26. bis 29. September geht das Schiff am Flughafen in Mönchengladbach „vor Anker“.

An einem sonnigen Tag hat der Zeppelin jetzt schon einmal für ein paar Stunden vorbeigeschaut. Die Anreise wurde um 48 Stunden verschoben, weil sich im Westen eine Gewitterfront breit gemacht hatte. Die Piloten brauchen Sichtflug-Bedingungen, bei starkem Wind, Gewitter, Hagel oder Eis bleiben sie am Boden.

Für eine schöne Minute begegnen sich die beiden Weggefährten aus dem letzten Jahrhundert. Unten am Boden steht die Junkers Ju 52. Die alte Tante ist immer noch rüstig und erkundet an manchen Tagen bei ihren Rundflügen die Umgebung. Darüber schwebt der gigantische Zeppelin, auch er ein Zeuge deutscher Ingenieurskunst. Er hat sich im Gegensatz zur betagten Ju technisch ein paar Generationen weiterentwickelt, deswegen heißt er nun Zeppelin NT – neue Technologie. Das größte und einzige für den kommerziellen Passagierbetrieb zugelassene Luftschiff der Welt.

Das Treffen findet am Flughafen in Mönchengladbach statt, noch ist es ein bisschen zufällig, aber der Zeppelin will bald regelmäßig im Rheinland unterwegs sein. Vielleicht sind im Herbst die Ju 52 und das Luftschiff auch wieder gemeinsam in der Luft. Bis zu zehn Flüge sind an dem „Schnupperwochenende“ täglich möglich – wenn das Wetter mitspielt. In Mönchengladbach werden die Routen „Mönchengladbach-Viersen“ und „Düsseldorf“ angeboten. Flugdauer jeweils 50 Minuten, Flugpreis jeweils 395 Euro. Wer will, kann das Schiff auch komplett chartern und eine eigene Route ausmachen.

Bei der Generalprobe stehen die zwölf Passagiere in Zweierreihen auf dem Startfeld. Zwei Gäste verlassen die Gondel, zwei steigen ein, zwei verlassen… – das schwebende Schiff bleibt in der Balance. Der fliegende Wechsel vollzieht sich innerhalb von fünf Minuten. Hektik gibt es nur beim Erklimmen des Bordplatzes, die restliche Zeit dagegen ist eine Phase der Entschleunigung. Ein knappes Stündchen im Schwebezustand.

Ruhiges Fliegen: In 300 Metern Höhe schwebt der Zeppelin über das Rheinland. Foto: ZVA/Pauli, Christoph

Die Passagiere gurten sich an, und dann hebt der Zeppelin ab, sanft wie ein Aufzug. In 300 Metern Höhe hat Flugnummer XSN60 die „Fahrrinne“ erreicht. Vorne und hinten lassen sich die Oberlichter öffnen, selbst dann stört kein Motorengeräusch den sanften Flug. 69 Dezibel sind bei Vollgas attestiert, die Lärmstärke eines Haartrockners. Das wird die geplagten Anrainer von Flughäfen freuen: meistens sieht man den Zeppelin, bevor man ihn hört.

„Es gibt keine bessere Aussichtsplattform am Himmel“, sagt Eckhard Breuer. Wer einsteigt, sitzt automatisch am Fenster. Breuer lehnt hinten am Ende der elf Meter langen Kabine am Panoramafenster. Er freut sich wie ein kleines Kind, als er seine alte Schule in Rheydt entdeckt. Er zückt eine kleine Kamera und beginnt von den alten Schulzeiten zu erzählen, die damit endeten, dass er Anfang der 80er Jahre am Hugo-Junkers-Gymnasium in Mönchengladbach sein Abitur gemacht hat. Vielleicht ist der Abschluss an einer Schule, die an einen Pionier der Luftfahrt erinnert, auch beruflich wegweisend. Zeppelinfan Breuer muss sich nicht beeilen, so ein Flug ist gemütlich. Etwa 60 Kilometer legt das Schiff in der Stunde zurück. Es geht auch schneller, der Abenteurer Steve Fossett hält den Weltrekord mit 111 Kilometern. Der amerikanische Millionär hat seine Ausbildung ebenfalls bei der Reederei am Bodensee gemacht.

Es gibt keinen Bordservice, aber natürlich eine Bordtoilette. Der Kapitän sitzt nicht abgetrennt von den Passagieren. Im Gegenteil, Fritz Günther zieht gerne seine Kopfhörer herunter, mit denen er mit dem Tower verbunden ist. Günther, 55, erzählt aus seinem Leben. Er war beim Militär in der DDR, nach dem Mauerfall hatte er zunächst keine überzeugende Idee für sich. So heuerte er bei der Firma WDL in Essen-Mülheim an, die Rundflüge mit kleineren Zeppelinen schon lange anbietet. „Zwei, drei Jahre“ wollte er das ausprobieren – und blieb in der Branche hängen. Seit Jahrzehnten ist er nun der Chefpilot der Deutschen Zeppelin Reederei. „Das ist noch echte Handarbeit“, sagt er. Kein Autopilot unterstützt ihn. Zeppelinpiloten sind eine kleine Eliteeinheit, weltweit gibt es nur sechs, „die Nasa hat mehr Weltraumpiloten“, grinst Günther.

Günther lenkt das Schiff über einen kleinen Stick. Es geht über den Rhein, über das Barockschloss Benrath, über die Kö, und den Medienhafen, in der Ferne sind riesige braune Löcher zu erkennen. Ein paar Minuten später wird das Fußballstadion von Borussia Mönchengladbach überflogen, und am Boden reist immer der Zeppelin-Schatten mit. Weil sich die Triebwerke kippen lassen, kann der NT alles, was ein Hubschrauber auch kann: inklusive Stillstand in der Luft, drehen und sogar Rückwärtsfahrt. Der Koloss in Zigarrenform ist beachtlich manövrierfähig.

75 Meter lang ist das Schiff, länger als zum Beispiel der Airbus 380. Auf dem Flughafen in Mönchengladbach ist dafür kein Platz. Vielmehr soll der etwa 15 Millionen Euro teure Zeppelin auf einem angemieteten Feld in der Nähe nachts festgemacht und mit 700 Litern Wasser beschwert werden, damit er am Boden bleibt.

Ein Blick in den Rückspiegel: Die LZ 129 „Hindenburg“, die nach der ersten Nordamerikafahrt am 6. Mai 1937 in Lakehurst aus unbekannter Ursache in Flammen aufging, wurde noch mit Wasserstoff betrieben. Beim ersten Unglück der zivilen Luftschifffahrt starben 35 der 96 Passagiere. Heute ist das unbrennbare Helium das Traggas. Die Zeppelin-Ära endete 1940. Die Hindenburg war 1937 brennend abgestürzt, um mit ihr viele Illusionen.

Der Traum vom Schweben ging nie ganz verloren. Im Ludwigshafen, wo die Zeppelin-Pioniere immer schon saßen, wurde weiter getüftelt. Schon Anfang der 90er Jahre belegte eine Machbarkeitsstudie, dass eine Renaissance technisch und wirtschaftlich machbar wäre. Das Luftfahrbundesamt erteilte 2001 die Musterzulassung, im gleichen Jahre wurde die Deutsche Zeppelin-Reederei als Betreibergesellschaft in Friedrichshafen gegründet, wo alles mit den Ideen von Ferdinand Graf von Zeppelin 1890 begann. Dort wurde vor über 20 Jahren auch das Zeppelin-Museum eröffnet, die weltgrößte Sammlung zur Geschichte und Technik der Luftschifffahrt.

Die Reederei vom Bodensee baut die Schiffe selbst. Drei von ihnen sind in den USA schwebende Werbebotschafter für das Unternehmen Goodyear, das selbst jahrzehntelang Luftschiffe herstellte. Die übrigen Schiffe werden von Wissenschaftlern und Forschern als fliegendes Labor genutzt. Das Forschungszentrum Jülich hat so zum Beispiel im Rahmen des EU-Forschungsprogramm Pegasos jahrelang Klimadaten gesammelt.

Im Herbst stimmen die Zeppelinfans mit den Füßen ab. Stimmt die Nachfrage, will die Firma dauerhaft Quartier in Mönchengladbach beziehen. „Der Markt entscheidet.“ Es könnte also sein, dass sich die alte Ju und der Zeppelin NT demnächst regelmäßig begegnen. Infos unter: www.zeppelinflug.de

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