Drohende Wohnungsnot: Zehntausende Studentenbuden sind sanierungsreif

Drohende Wohnungsnot : Zehntausende Studentenbuden sind sanierungsreif

Eine preisgünstige Studentenbude zu finden, ist fast wie ein Sechser im Lotto. Künftig könnte das Angebot in NRW noch knapper werden, warnen die Studierendenwerke: Vielen sanierungsreifen Wohnheimen drohe die Schließung, wenn das Land nicht eingreife.

Mehr als die Hälfte der 38.246 Wohnheimplätze der Studierendenwerke in NRW sind ihren Angaben zufolge „dringend sanierungsbedürftig“. Der Sprecher ihrer Arbeitsgemeinschaft, Jörg Lüken, warnt davor, die begehrten Anlagen kaputtzusparen. „Wenn es so weitergeht, muss in einigen Wohnanlagen irgendwann der Schlüssel umgedreht werden“, sagte Lüken. Darüber hinaus klingen andere Teile des Jahresberichts 2018 alarmierend. Auch bei den Wohnheimen in Aachen gibt es enormen Sanierungsbedarf.

Wohnheime

Günstige Studentenbuden sind mehr denn je Mangelware. Die Zahl der Wohnheimplätze sank in NRW innerhalb des Jahres 2018 um 159 auf 38.246. Die Zahl der Bewerber lag mit mehr als 50.000 weit über dem Angebot. Die Durchschnittsmiete, die in der Regel auch Strom, Heizung, TV und Internet enthält, lag bei 257 Euro (Aachen: 233 Euro) und war damit deutlich günstiger als auf dem privaten Wohnungsmarkt.

Sanierungsstau

Mehr als 20.000 Wohnheimzimmer und -apartments der Studierendenwerke sind ihrer Einschätzung zufolge „dringend sanierungsbedürftig“. Der Investitionsaufwand in den teils noch aus den 70er Jahren stammenden Anlagen liege akut bei knapp 300 Millionen, langfristig sogar bei mehr als 700 Millionen Euro.

Auch das Studierendenwerk Aachen muss rund 3800 seiner 5129 Zimmer modernisieren. Ein dringender Renovierungsbedarf besteht bei etwa 650 Zimmern (410 in Aachen/240 in Jülich), teilte das Werk auf Anfrage mit. Darüber hinaus müssten viele Wohnheime aufgrund ihrer alten Gebäudesubstanz saniert werden. Für die Anlagen in Aachen schätzt das Werk die Kosten für die kommenden fünf Jahre auf 60 Millionen Euro, wobei die Sanierung der vier Wohntürme in der Rütscher Straße mit jeweils zehn Millionen Euro pro Turm nicht eingerechnet ist. Die Planung dafür soll Mitte 2020 beginnen.

Die Studierendenwerke fordern vom Land mindestens 15 Millionen Euro zusätzlich. Derzeit liegt der Zuschuss für allgemeine Aufgaben der landeseigenen Anstalt bei 40,5 Millionen Euro jährlich. Dirk Reitz, Geschäftsführer des Studierendenwerks Aachen, sieht dringenden Handlungsbedarf: „Bei stetig steigenden Studierendenzahlen und gleichzeitig stagnierenden Landeszuschüssen wird es immer schwieriger, unseren gesetzlichen Auftrag als sozialer Dienstleister zu erfüllen.“ Immer noch gebe es zu wenig bezahlbaren Wohnraum für Studierende und die Mensen seien mehr als ausgelastet. Eine Anpassung der Fördermittel sei längst überfällig.

Sozialbeiträge

Während die Landeszuschüsse noch auf dem Niveau von 1994 verharrten, müssten die Studierenden das Finanzloch stopfen, kritisierten die Werke. Deren Sozialbeiträge hätten sich im Laufe der Jahre „zu einer zweiten Studiengebühr“ entwickelt.

Hätten Land und Studierende die Grundfinanzierung der Werke vor 15 Jahren noch hälftig mit 98 Euro pro Studierendem und Jahr unterstützt, habe sich die Verteilung der Lasten völlig verkehrt, berichtete Lüken. Heute bezahle das Land 68 Euro pro Kopf und Jahr, während die angehenden Akademiker 178 Euro zahlen müssten. Ein Viertel der Einnahmen – knapp 103 Millionen Euro – stammten 2018 aus den Sozialbeiträgen. Weitere Erhöhungen drohten, wenn das Land nicht mehr Mittel zur Verfügung stelle. In Aachen betrug der Beitrag im vergangenen Wintersemester 83 Euro. Er war damit einer der niedrigsten in NRW.

Kinderbetreuung

Studierende mit Nachwuchs erhalten an 16 Hochschulstandorten in NRW Betreuungsangebote in 33 Kitas der Studierendenwerke mit insgesamt 1637 Tagesplätzen. Gegenüber dem Vorjahr ist das Angebot nur um acht Plätze gewachsen. In den fünf Einrichtungen des Studierendenwerks in Aachen und Jülich werden 154 Plätze angeboten. Durch Erweiterungen ab 2020 sollen 32 zusätzliche Plätze geschaffen werden.

Bafög

Nur fast jeder sechste Studierende stellte in NRW einen Antrag nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) – insgesamt rund 103.500 und beinahe 9000 weniger als 2017. Auch in Aachen ist die Zahl der Empfänger gesunken. Reitz beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „2014 hatten wir noch 8700 Studierende, die Bafög-Leistungen erhielten, heute sind es nur noch etwas über 7000. Die letzte Reform des Bafög-Gesetzes aus dem Jahr 2016 hat rein gar nichts bewirkt und stellt keine Verbesserung für die Studierenden dar.“

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