Zahl der Bafög-Empfänger gesunken: Zahl der Studierenden steigt, doch immer weniger beziehen Bafög

Zahl der Bafög-Empfänger gesunken : Zahl der Studierenden steigt, doch immer weniger beziehen Bafög

Kommt die staatliche Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz: Bafög, nicht mehr dort an, wo sie ankommen sollte — bei Schülern und Studierenden aus einkommensschwachen Familien? Diese Befürchtung hegen die Studierendenwerke in NRW. Sie legen konkrete Zahlen vor, die diese Befürchtung untermauen.

Die des Statistik-Landesamtes zum Beispiel. Demnach ist die Zahl der Bafög-Empfänger 2017 in NRW erneut gesunken. 184.979 Schüler und Studierende bezogen eine finanzielle Unterstützung, 5,6 Prozent weniger als 2016. Damit setzte sich der Trend fort, denn auch 2014, 2015 und 2016 war die Zahl zurückgegangen. Mehr als zwei Drittel der Bafög-Empfänger sind Studierende. Im Durchschnitt erhielten sie 487 Euro monatlich, Schüler 408 Euro.

Damit hatte weniger als jeder fünfte Studierende in NRW einen Bafög-Antrag gestellt. Jeder siebte wurde gefördert. Schaut man in den Jahresbericht des Studierendenwerks Aachen, steht dort für 2017 eine höhere Zahl der Antragsteller als im Vorjahr. Die ist jedoch zu relativieren, denn sie beruht auf Anträgen aus 2016, die erst 2017 bearbeitet wurden. Tatsächlich ist die Entwicklung an den Hochschulen in Aachen (RWTH, Fachhochschule, Musikhochschule, Katholische Hochschule) nicht anders als im ganzen Land, betont Julia Hövelmann, Leitern des Amts für Ausbildungsförderung. Sie rechnet unterm Strich mit einem Rückgang der Anträge um fünf Prozent gegenüber 2016. Damit würde sich auch in Aachen die Tendenz fortsetzen: 2012 waren dort noch 10396 Anträge gestellt worden, wovon 9451 bewilligt wurden. 2016 gingen nur 8559 Anträge ein, wovon 7690 bewilligt wurden.

„Wenn nicht einmal zwei von zehn Studierenden einen Bafög-Antrag stellen, läuft etwas grundsätzlich falsch“, sagt der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Studierendenwerke NRW, Jörg Lüken. Seine Forderung: „Die Politik muss den Studierenden den Zugang zum Bafög erleichtern, das Verfahren vereinfachen und die Förderung erhöhen.“ Er beklagt zu geringe Fördersätze und ein unnötig kompliziertes Verfahren der Antragstellung. Den Ruf nach einer Reform des Bafög unterstützt auch Julia Hövelmann. Sie ergänzt die Analyse, warum immer weniger Anträge gestellt werden, um einen in ihren Augen ganz wesentlichen Grund: „Die Angst vor Verschuldung ist bei den Studierenden groß.“ Viele gingen neben dem Studium lieber arbeiten, als einen Bafög-Antrag zu stellen.

Bundesweit zu beobachten

Das Phänomen ist auch bundesweit zu beobachten. Die Zahl der Geförderten sinkt auch hier kontinuierlich. Da zuletzt pro Kopf mehr ausgezahlt wurde, stiegen die staatlichen Ausgaben 2017 allerdings zugleich um rund 70 Millionen Euro (2,4 Prozent) auf 2,9 Milliarden Euro. Seit 2015 finanziert der Bund die Leistungen voll. Seit der Reform des Gesetzes 2016 liegt der Förderungshöchstbetrag bei 735 Euro für Studierende, die nicht bei den Eltern leben. Bei denen, die noch zu Hause wohnen, sind es 537 Euro.

Angesichts der rückläufigen Zahlen verweist Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) auf den Koalitionsvertrag, in dem festgelegt ist, dass bis 2021 eine Trendumkehr erreicht werden soll. Bis dahin soll eine Milliarde Euro zusätzlich fließen. Die Ministerin will dazu einen Gesetzentwurf vorlegen, der zum Schuljahresbeginn 2019/2020 in Kraft treten soll.

Aus Sicht von Kritikern reicht dies nicht. „Das Bafög braucht dringend eine Trendwende“, sagt der hochschulpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Kai Gehring. Selbst eine sofortige Reform mit der im Koalitionsvertrag genannten Summe könne den Rückgang der vergangenen Jahre nicht kompensieren. Notwendig seien etwa eine sofortige Erhöhung der Bedarfssätze und Freibeträge um mindestens zehn Prozent. Dieser Forderung schließen sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und das Deutsche Studentenwerk an. Aus Sicht von Julia Hövelmann kommt ein wichtiger Punkt hinzu: Die Koppelung der Förderung an die Regelstudienzeit entspreche nicht den Realitäten.

Studentenwerk startet Kampagne

Die Studentenwerke haben nun eine Kampagne gestartet, um den rückläufigen Zahlen entgegenzuwirken. Das Motto: „Angst vor Verschuldung? Hol dir Bafög!“ Achim Meyer auf der Heyde, Geschäftsführer des Deutschen Studentenwerks, formuliert die Stoßrichtung so: „Das Bafög wird oft schlechter hingestellt, als es ist, und wir wissen aus unseren Befragungen, dass Familien aus Sorge um eine angebliche Verschuldung erst gar keinen Bafög-Antrag erwägen. Wir wollen mit positiven Botschaften dagegenhalten.“

Eine ist zum Beispiel, dass Bafög in der Regel zur Hälfte als Zuschuss und zur Hälfte als zinsloses Darlehen gewährt wird. Und dass von der Darlehnssumme maximal 10.000 Euro zurückgezahlt werden müssen. Um das an den Mann und die Frau zu bringen, bietet das Aachener Studierendenwerk im September und Oktober zusätzliche Beratungs- und Sprechstunden für Erstsemester an.

Übrigens: Zu der Entwicklung passt, dass deutlich weniger junge Menschen als noch vor einigen Jahren einen günstigen Studienkredit aufnehmen, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge sank zwischen 2014 und 2017 um rund ein Drittel von 59.000 auf 41.000 — trotz steigender Studierendenzahlen. Das zeigt der jüngste Studienkredit-Test des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Die Analyse lautet auch hier: Mehr Studenten versuchen, ihre Hochschulausbildung mit einem Nebenjob zu finanzieren.

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