Wolfgang Otto macht Gasthaus in Oberbruch zu einem Hotel

Umbau zu einem Hotel : Neuer Glanz in der „Villa Glanzstoff“

Wolfgang Otto hat das einstige Gästehaus auf dem Gelände des Oberbrucher Industrieparks zu einem Hotel umgebaut. Für das neue Projekt hat er ganz bestimmte Vorstellungen.

Wenn das alte Gemäuer auf dem Gelände des Oberbrucher Industrieparks sprechen könnte, hätte es viel zu erzählen aus den Zeiten des vergangenen Jahrhunderts, als hier die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken mit der Produktion von Kunstseide und -fasern Weltruhm erlangten.

Mehr noch könnte es vielleicht die alte Villa gleich gegenüber vom berühmten Tor 1 an der nach den beiden Unternehmergrößen benannten Boos-Fremery-Straße. Darin befand sich einst das Gästehaus des Unternehmens. Seit kurzem hat es quasi seine alte Funktion zurückerhalten, denn der Oberbrucher Unternehmer Wolfgang Otto hat es gekauft und daraus mit dem Namen „Villa Glanzstoff“ ein Hotel mit neun individuell eingerichteten Zimmern sowie einen Ort für Veranstaltungen gehobenen Niveaus gemacht.

Vor 120 Jahren, am 19. September 1899, wurde die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG gegründet, die zunächst Kupferseide für die Herstellung von Textilien fertigte. Bereits 1891 hatte Max Fremery an gleicher Stelle eine Glühlampenfabrik gegründet. Darin wurden Glühfäden für die hier ebenfalls produzierten Glühlampen hergestellt. Später widmeten sich die Unternehmer in den Glanzstoff-Fabriken dann der Fertigung von Kunstseide und verwandten Produkten, bekannt geworden unter Namen wie Rayon, Perlon und Diolen. Bis in die 1970er Jahre war Glanzstoff Weltmarktführer bei der Herstellung von Kunstfasern und deren Ausgangsprodukten. In Oberbruch arbeiteten bis zu 7000 Menschen.

Als die Unternehmensgründer den Standort mit seiner alten Papiermühle und dem Zugang zum Wasser für sich entdeckten, war er wenig besiedelt. Genau diese Abgeschiedenheit sei ihnen wichtig gewesen, denn ihre Erfindungen sollten nicht zu schnell Nachahmer finden, weiß Jakob Wöllenweber, der Vorsitzende des Fördervereins Industriepark Oberbruch und einer der Bewahrer dieser Industriegeschichte. Mit schönen Villen hätten die beiden damals Naturwissenschaftler und Techniker in die Region gelockt. Mehr als ein Dutzend davon seien so einst in Oberbruch entstanden.

Die heutige Villa Glanzstoff wurde 1905 erbaut, für den ersten Produktionsleiter. Von seinem Haus hatte er einen direkten Blick zu der Papiermühle aus dem 17. Jahrhundert, die Ausgangspunkt war für die aufstrebende Fertigung von Kunstseide in Oberbruch. Systematisch habe das Unternehmen immer neue Fabriken gebaut und übernommen, bis ins heutige Polen hinein, weiß Wöllenweber.

Unternehmer Wolfgang Otto ist neuer Besitzer der Villa. Foto: Anna Petra Thomas

So sei 1926 aus dem ehemals privat genutzten Gebäude das Gästehaus von Glanzstoff geworden, mit auch damals neun Zimmern. „Es ging darum, die Gäste, die hier in Oberbruch anreisten, komfortabel unterzubringen“, erzählt er. Hier hätten auch alle wichtigen Gespräche stattgefunden, die für die Zukunft des Unternehmens entscheidend gewesen seien. „Man muss sich das vorstellen wie einen kleinen Campus“, sagt er. Später sei das Gebäude dann wieder als privates Wohnhaus und als Arztpraxis genutzt worden.

„Wir wollten Glanzstoff wieder etwas zurückgeben“, begründet der heutige Besitzer Wolfgang Otto den Kauf des Gebäudes, das zuletzt leer stand. Er stammt selbst aus Oberbruch. 2005 gründete er zusammen mit seinen Brüdern Stephan und Michael den Onlineshop Otto Gourmet für Premiumfleisch, der seinen Sitz im Industriepark hat.

Mehr als 120 Veranstaltungen gebe es hier inzwischen pro Jahr mit Gästen aus ganz Deutschland, erklärt er, und auch für sie sei das Gästehaus im neuen Stil gedacht. Historie und modernes Design finden sich hier in den Zimmern in den beiden Obergeschossen sowie Veranstaltungsräumen und Küche im Erdgeschoss nebst einer großen Terrasse vereint.

Wieder in alten Zustand versetzt

Dank der alten Pläne, die Wöllenweber wieder ans Tageslicht befördern konnte, wurde das Haus quasi wieder in seinen alten Zustand versetzt. „Sogar alte Türöffnungen konnten so gefunden und wiederhergestellt werden“, sagt er. Wer heute durch die Eingangstür kommt, tritt sogar noch auf den alten Fußboden. Auch das Treppenhaus konnte komplett erhalten werden. Die Fenster wurden rekonstruiert im Stil des Jahres 1905. „Das ist das erste Gebäude dieser alten Industriekultur, das jetzt sogar unter Denkmalschutz steht“, erklärt Wolfgang Otto. „Das wollte ich so.“

„Kunst, Kultur, Genuss, Historie“, sind für Wolfgang Otto die vier Stichworte, die er mit seinem neuen Projekt für Oberbruch verbindet. Überall in den Fluren und Räumen finden sich ausgewählte Gemälde und Skulpturen. Nicht nur Übernachtungsgästen, sondern auch für Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder Taufen steht die Villa künftig offen.

Dazu ist Wolfgang Otto Partnerschaften mit Restaurants eingegangen, etwa der mit einem Stern dekorierten Burgstuben Residenz in Randerath oder dem Alten Brauhaus in Unterbruch, die dann das Catering übernehmen können. Ein oder zwei Mal im Jahr will er Haus und Park zudem künftig öffnen und damit allen Menschen einen Treffpunkt bieten, denen die Geschichte von Glanzstoff in Oberbruch immer noch am Herzen liegt und die dann hier vor Ort in ihren Erinnerungen schwelgen können.

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