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Von A bis W: Wo es bei der Kommunalwahl in NRW spannend wird

Von A bis W : Wo es bei der Kommunalwahl in NRW spannend wird

Bei der bevorstehenden Kommunalwahl in NRW werden diesmal auch Scheinwerfer auf Orte und Bewerber fallen, die früher wenig Aufmerksamkeit hatten. Zum Beispiel auf Lokalmatadore, die in der Pandemie als Krisenmanager hervor stachen.

Platzhirsch gegen Herausforderer, Schwarz gegen Grün, Attacke auf die „Herzkammer der Sozialdemokratie“ - die nordrhein-westfälische Kommunalwahl am 13. September hat viele spannende Schauplätze. Bisweilen muss ein passender Kandidat erst per Annonce gesucht werden. Eine Auswahl an Kuriosem und Wissenswertem von A wie Aachen bis W wie Wuppertal.

AACHEN: In der Domstadt steht mit Sicherheit ein Wechsel an. Nach elf Jahren tritt Oberbürgermeister (OB) Marcel Philipp (CDU) nicht wieder an. In der schwarz-roten Koalition ist die CDU stärkste Kraft. Sie schickt jetzt ihren 57 Jahre alten Fraktionschef Harald Baal ins Rennen, der seit vielen Jahren einen Namen in der Aachener Politik hat. Dagegen ist SPD-Kandidat Mathias Dopatka tendenziell ein Newcomer: Der 38-jährige gebürtige Bottroper ist seit September 2018 Vorsitzender der SPD in Aachen.

BONN: Als Ashok-Alexander Sridharan 2015 zum Oberbürgermeister von Bonn gewählt wurde, war das bemerkenswert. Zum einen brach er für seine CDU das mehr als 20 Jahre währende Abo der SPD auf den OB-Sessel. Zum anderen wurde erstmals ein CDU-Politiker mit Migrationshintergrund Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Nun möchte Sridharan eine zweite Amtszeit. Doch auch die SPD-Konkurrenz trägt einen bekannten Namen: Lissi von Bülow ist Tochter von Andreas von Bülow, einst Minister unter Helmut Schmidt.

DORTMUND: Ausgerechnet in der früheren „Herzkammer der Sozialdemokratie“ will jetzt ein CDU-Politiker angreifen, der bislang Bürgermeister im sauerländischen Altena ist. Andreas Hollstein ist bundesweit bekannt geworden, als er sich in der Flüchtlingskrise dafür einsetzte, mehr Asylbewerber aufzunehmen. Deswegen hatte ein Psychisch-Kranker ihn mit einem Messer attackiert. Der bisherige SPD-Amtsinhaber Ullrich Sierau tritt nicht mehr an. Stattdessen hat die SPD nun den Wirtschaftsförderer der drittgrößten NRW-Stadt, Thomas Westphal, nominiert. Chancen, es in die Stichwahl zu schaffen, hat laut aktueller WDR-Umfrage auch die Grünen-Kandidatin: Mit 24 Prozent sieht die Prognose die Ex-Landeschefin der Partei, Daniela Schneckenburger, gleichauf mit Hollstein. SPD-Mann Westphal hat mit 36 Prozent die Nase vorn.

DÜSSELDORF: In der Landeshauptstadt füllt Thomas Geisel (SPD) das OB-Amt mit viel Selbstbewusstsein aus und eckt dabei häufig an - jüngst mit Plänen für ein Großkonzert trotz Pandemie und kurz davor wegen einer Kooperation mit Skandal-Rapper Farid Bang. Gegen Geisel tritt ausgerechnet der Direktor der „verbotenen Stadt“ Köln an: Stephan Keller (CDU). Die FDP-Bundestagsabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann will gegen den Schwaben Geisel und den Kölner ausdrücklich damit punkten, dass die Stadt eine echte Düsseldorferin verdiene. Für die Grünen möchte der Landtagsabgeordnete Stefan Engstfeld ins Rathaus. Bei den Europawahlen 2020 hatten die Grünen ein überdurchschnittlich hohes Wählerpotenzial in Düsseldorf mobilisiert.

ERKELENZ: Hier tritt Peter Jansen (CDU) nach 16 Jahren ab. Er hat die Umsiedlung von zehn Dörfern und mit 3300 Menschen am Tagebau Garzweiler über die Bühne gebracht. Verbunden ist mit seinem Rückzug ein Generationenwechsel. Für die CDU tritt der 39-jährige Peter Muckel an, der Beigeordneter in der Gemeinde Titz ist. Mit Hans Josef Dederichs von den Grünen gibt es einen Kandidaten aus den Reihen der Umsiedler.

ESCHWEILER: Nach 21 Jahren räumt Bürgermeister-Urgestein Rudi Bertram (SPD) seinen Platz im Rathaus. Damit endet die Ära eines der ältesten Rathaus-Chefs in NRW. Den Platz des 65-Jährigen will eine SPD-Frau: Nadine Leonhardt ist seit zehn Jahren Mitglied im Stadtrat, in den letzten fünf Jahren Fraktionsvorsitzende. Die Mutter von zwei Kindern arbeitet an der FH Aachen. FDP und CDU unterstützen den parteilosen Lokaljournalisten Patrick Nowicki.

GEVELSBERG: Mangels Anwärtern aus den eigenen Reihen, die es mit dem Platzhirsch aufnehmen wollten, griff das Oppositionsbündnis in der Kleinstadt im Ennepe-Ruhr-Kreis zu besonderen Mitteln. Per Annonce suchten CDU, Grüne, FDP und Freie Wähler ihren Kandidaten - und sind sich sicher, ihn in Felix Keßler (parteilos) gefunden zu haben. Er sei derjenige gewesen, der aus den immerhin rund 20 ernst gemeinten Bewerbungen herausgestochen habe, berichtet CDU-Chefin Babett Bolle. „Er wusste einfach alles über Gevelsberg als sei er hier geboren.“ Die Aufgabe wird keine leichte: SPD-Amtsinhaber Claus Jacobi war 2014 mit 88 Prozent wiedergewählt worden.

KREIS GÜTERSLOH: Mit dem Corona-Massenausbruch beim Fleischriesen Tönnies in Ostwestfalen ist CDU-Politiker Sven-Georg Adenauer in den Fokus gerückt. Der Landrat im Kreis Gütersloh mit dem berühmten Großvater Konrad Adenauer (1876-1967) - dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland - ist schon seit 20 Jahren im Amt. Aber erst mit der Corona-Krise wurde der gebürtige Bonner bundesweit als kommunaler Krisenbewältiger bekannt. Er tritt zum fünften Mal an. Der 60-Jährige sagt: „Wo es mir gefällt, da bleib ich.“ Zwischendurch war er Beamter in Mecklenburg-Vorpommern. Er hat vier Kinder, ist sportbegeistert und Fan des 1. FC Köln.

HAMM: Am Rand des Ruhrgebiets will der dienstälteste OB Nordrhein-Westfalens es noch mal wissen. CDU-Mann Thomas Hunsteger-Petermann tritt in Hamm wieder an. 1999 war er in der vom Bergbau geprägten Stadt ans Ruder gekommen und setzte sich seither immer wieder gegen die Konkurrenz durch. Die dürfte in diesem Jahr nicht von Pappe sein: Marc Herter, seit 2010 Landtagsabgeordneter der Stadt und zwischenzeitlich Anwärter auf den Fraktionsvorsitz der Landes-SPD, geht ins Rennen.

KREIS HEINSBERG: Mit Corona-Krisenmanager Stephan Pusch (CDU) steht der wohl bekannteste Landrat in NRW zur Wahl. Nach dem landesweit ersten Virus-Ausbruch im Kreis Heinsberg war der 51-Jährige um ein klares Wort nie verlegen und stand für pragmatische Lösungen. Mit seinen täglichen Video-Botschaften brachte er die Bevölkerung mit Infos auf den neuesten Stand. Pusch ist seit 16 Jahren im Amt und wurde zuletzt 2014 mit deutlicher Mehrheit von knapp 60 Prozent wiedergewählt.

HERNE-EICKEL: Im tiefsten Ruhrgebiet möchte ein ehemaliger Polizei-Gewerkschafter Bezirksbürgermeister werden. Arnold Plickert war bis Frühjahr 2018 gut sechs Jahre NRW-Chef der Gewerkschaft der Polizei. Er galt als streitbar, kämpferisch, fair. Der Hauptkommissar ist Spitzenkandidat der SPD in Herne-Eickel, hatte 2019 an Stadtrundgängen „Sicher fühlen in Herne“ und Gesprächen mit besorgten Bürgern teilgenommen. Plickert stammt aus Wanne-Eickel, das seit 1975 zu Herne gehört, ist Vater zweier erwachsener Kinder und Fußballfan.

KÖLN: Wahlkampf unter Normalbedingungen kennt Henriette Reker nicht. 2015 wurde sie einen Tag vor dem Urnengang von einem Rechtsextremisten niedergestochen und nahm die Wahl am Krankenbett an. 2020 herrscht Corona-Krise. Klar ist: Die parteilose Politikerin will eine zweite Amtszeit. Anders als 2015 wird die 63-Jährige nicht mehr von der FDP unterstützt. Dafür sind jetzt CDU und Grüne an ihrer Seite. Als größter Konkurrent gilt der Landtagsabgeordnete Andreas Kossiski, der für die SPD ins Rennen geht. Bis zu seiner Kandidatur war er Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zum Missbrauchskomplex Lügde.

MONHEIM: Die beschauliche Stadt am Rhein ist durch ihre niedrige Gewerbesteuer reich geworden. Dafür steht Bürgermeister Daniel Zimmermann. Der 38-Jährige tritt zum dritten Mal an. 2014 erhielt er fast 95 Prozent der Stimmen. Seine Partei „Peto“ (lateinisch: ich fordere) errang 26 von 40 Stimmen im Stadtrat. Der dicke Geldbeutel hat der Stadt mit 40 000 Einwohnern zu einem Luxusleben verholfen: mit Gratis-Bussen oder einer Skulptur des Stadtwappens „Gänseliesel“ von Markus Lüpertz.

MÜNSTER: Grüne oder CDU - wer regiert die Studenten- und Beamtenstadt? Seit 2009 ist Markus Lewe Oberbürgermeister von Münster. 2015 setzte sich der CDU-Politiker mit 50,59 Prozent bereits im ersten Wahlgang knapp durch. Das will in diesem Jahr Peter Todeskino verhindern. Er tritt für die Grünen an. Der Jurist war zuletzt in Münster Geschäftsführer einer Bau-Tochter der Stadt Münster. Zuvor war er Stadtrat für Stadtentwicklung und Umwelt und Bürgermeister in Kiel. Die Grünen legen in aktuellen Umfragen deutlich zu. Ob der 61-Jährige den Durchmarsch von Lewe verhindern kann, ist aber ungewiss. Die Umfragewerte für den OB liegen bei knapp 50 Prozent. So wäre ein zweiter Wahlgang für Todeskino ein großer Erfolg.

MÜLHEIM AN DER RUHR: Hier möchte die ziemlich grüne SPD-Politikerin Monika Griefahn punkten. Als Kommunalpolitikerin hat sich die 65-Jährige bislang nicht hervorgetan - aber als Mitbegründerin der deutschen Sektion von Greenpeace und ehemalige niedersächsische Umweltministerin. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind ihre großen Themen geblieben, auch als selbstständige Beraterin im Tourismussektor. Dass Griefahn aus Mülheim stammt, spielte bislang keine Rolle. Jetzt wohnt die gelernte Soziologin wieder dort und soll Nachfolgerin von OB Ulrich Scholten (SPD) werden. Die CDU schickt Marc Buchholz gegen die SPD ins Rennen. Der 52-Jährige ist in Mülheim Dezernent im Bereich Bildung, Gesundheit, Kultur.

Rheda-Wiedenbrück: Die Stadt und ihr Bürgermeister Theo Mettenborg waren vor der Corona-Krise wohl nicht vielen ein Begriff. Seit dem massenhaften Corona-Ausbruch bei Tönnies ist der CDU-Politiker aber als Krisenbewältiger über die Region hinaus bekannt geworden. Er ist seit 2009 Bürgermeister in der ostwestfälischen Stadt und will es auch bleiben. Familienvater Mettenborg bezeichnet sich selbst als „durch und durch Rheda-Wiedenbrücker“. Er ist dort 1971 geboren, auf einem Hof mit fünf Geschwistern großgeworden - und geblieben.

WUPPERTAL: CDU und Grüne wollen mit einem gemeinsamen Kandidaten den Chefsessel im Rathaus erobern. Uwe Schneidewind war bis vor kurzem Präsident des renommierten Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Der sportliche 54-Jährige ist Mitglied der Grünen und versteht sich als ökologisch orientierter Wirtschaftswissenschaftler. Amtsinhaber Andreas Mucke von der SPD tritt wieder an. Der 53-jährige Diplom-Ingenieur kam 2015 in einer Stichwahl neu in das Amt.

(dpa)