Wohnungsnot in Großstädten: Wo die Mittelschicht Wohngeld braucht

Wohnungsnot in Großstädten : Wo die Mittelschicht Wohngeld braucht

Grundsätzlicher Wohnungsmangel, überteuerte Mieten: In ganz NRW fehlt bezahlbarer Wohnraum. Am Samstag demonstrieren deshalb Tausende in Köln für eine bessere Politik.

Wie dramatisch die Wohnungsnot in Großstädten ist, zeigt wohl der Vorschlag der Linken. Der NRW-Vorstand würde „Profiteure der Wohnungskrise“ gern in die Schranken weisen und Wohnungskonzerne gleich enteignet. Das lässt das Radikalisierungspotenzial ahnen, das der angespannte Wohnungsmarkt in NRW birgt.

Für Samstag ruft das neue Aktionsbündnis „Wir wollen Wohnen“ zu einer Massendemonstration auf. Bei einer gemeinsamen Kundgebung um 14 Uhr am Kölner Heumarkt erwarten die Veranstalter, darunter Gewerkschaften, Arbeiterwohlfahrt, Mietervereine, Diakonie und Caritas, über 5000 Teilnehmer.

Mehr als 12.000 Bürger haben eine Petition unterschrieben, die das Bündnis an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) richtet. Darin heißt es: „Erhalten und verbessern Sie die rechtlichen Regelungen, die dem Schutz der Mieterinnen und Mieter dienen! Keinesfalls dürfen sie ersatzlos abgeschafft werden! Schon jetzt können unzählige Menschen in NRW die explodierenden Mieten nicht mehr bezahlen.“

So hoch sind die Mietbelastungen in Städten. Foto: WZ/Claßen, Hans-Gerd

Mietkostenbelastung oft zu hoch

Die scharfen Töne kommen nicht von ungefähr. Die knapp neun Millionen Wohnungen in NRW reichen für die 18 Millionen Menschen nicht mehr. Der Trend zu Ein-Personen-Haushalten, der wachsende Wohnflächenverbrauch pro Kopf, steigende Geburtenzahlen, der Zuzug von Flüchtlingen und andere Ursachen haben große Teile des Landes in eine Art Häuserkampf gestürzt. Betroffen sind Universitätsstädte wie Münster und Aachen. Und natürlich die prosperierende Rheinschiene von Düsseldorf über Köln bis Bonn.

Dort kennt inzwischen jeder die Geschichten von Massenterminen bei Wohnungsbesichtigungen, unverschämten Vermietern und verzweifelten Jungfamilien, die der Wohnungssuche ihre Wochenenden widmen. Für viele ist der gängige Richtwert von Banken und Schuldnerberatern, dem zufolge ein Haushalt nicht mehr als 30 Prozent seines Netto-Einkommens fürs Wohnen ausgeben sollte, Makulatur. In Köln geben die Bewohner im Durchschnitt 30,3 Prozent ihres Netto-Einkommens für Wohnkosten aus, wie die „Zeit“ soeben auf Grundlage statistischer Daten berechnet hat. In Münster liegt der Wert der sogenannten Mietkostenbelastung bei 27,5 Prozent, in Bonn bei 26,2 Prozent und in Aachen 25,8 Prozent. Diese Durchschnittswerte klingen harmlos. Aber sie sind es nicht. Denn würde man die Zahlen um die vermögende Spitze der Kundschaft bereinigen, käme man zu dem Ergebnis, dass in solchen Städten sehr große Teile der Bevölkerung deutlich mehr fürs Wohnen ausgeben müssen, als sie sich leisten können. Diese Berechnung hat nur noch nie jemand unternommen.

Es ist eben nicht die durchaus beeindruckende Kurve der steigenden Mieten allein, die das Drama in den Hot Spots des NRW-Wohnungsmarktes ausdrückt. Erst der Abgleich der Mieten mit den örtlichen Einkommen verdeutlicht die Dimension des Problems. Längst sind auch Städte wie Duisburg und Gelsenkirchen Problemfälle, obwohl die Mieten dort vergleichsweise günstig sind. Weil dort aber viele Menschen ohne oder mit schlecht bezahlten Jobs leben, ist die durchschnittliche Mietkostenbelastung mit je 25,4 Prozent gefährlich hoch.

Sozialwohnungen fehlen

Und so hat der Begriff „Sozialwohnung“ längst eine neue Bedeutung. Früher schien der staatlich geförderte Wohnungsbau (der Bauherr bekommt Zuschüsse und darf im Gegenzug ein paar Jahre lang nur sehr günstig vermieten) für den Rand der Gesellschaft gemacht: Arbeitslose, chronisch Kranke oder sonst wie benachteiligte Menschen. Weil die Mieten auf dem Markt explodiert sind, brauchen inzwischen aber auch Normalverdiener Sozialwohnungen. Großstädte wie Köln oder Düsseldorf verteilen Wohnberechtigungsscheine bereits an Ehepaare mit zwei Kindern und monatlichem Netto-Einkommen bis zu 2059 Euro. Rechnerisch hat in den Städten fast die Hälfte der Bevölkerung Anspruch auf eine Sozialwohnung.

Es werden aber so gut wie keine mehr frei. Gängigen Schätzungen zufolge fehlen in NRW mehr als 300.000 Wohnungen, wovon 100.000 Sozialwohnungen sein müssten. Das Land hat im vergangenen Jahr so viel Geld für die die Förderung von Wohnraum ausgegeben wie seit 2012 nicht mehr. Trotzdem entstanden 2018 landesweit nur 6159 neue Sozialwohnungen – fast 15 Prozent weniger als im Vorjahr und fast 1800 Einheiten weniger als noch 2016.

Landesbauministerin Ina Scharrenbach (CDU) macht als Ursache für die Zurückhaltung unter anderem die Knappheit an Bauland aus. Das Ministerium nennt 20 Maßnahmen, die das Problem entschärfen sollen  etwa ein neues Liegenschaftsmanagement, das landeseigene Grundstücke schneller bebaubar machen soll. Aus Sicht der Opposition ist die schwarz-gelbe Wohnungspolitik „gescheitert“, wie es in einem Antrag der SPD heißt. Die Sozialdemokraten fordern neue Sozialwohnungs-Hochhäuser mit bis zu zehn Stockwerken und die Neugründung einer landeseigenen Wohnungsgesellschaft, wie es sie mit der damals chronisch defizitären und skandalträchtigen LEG bis zu deren Privatisierung im Jahr 2008 schon einmal gab. Ein Konzept, das binnen weniger Jahre für die dringend benötigten 300.000 neuen Wohnungen in NRW sorgt, gibt es nicht. Nicht einmal theoretisch.

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