Waidmänner fühlen sich falsch dargestellt: „Wir sind Jäger und Naturschützer“

Waidmänner fühlen sich falsch dargestellt : „Wir sind Jäger und Naturschützer“

So viel steht fest: Die Schonzeit für das „Ökologische Jagdgesetz“  in Nordrhein-Westfalen läuft ab. Was Rot-Grün 2015 ins Gesetz schrieb, wird von der schwarz-gelben Landesregierung nun „entremmelt“, wie Befürworter der Novelle unter Bezug auf den früheren Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) sagen.

Unter der Überschrift „Die pure Lust am Zerstören“ hatte sich unsere Zeitung in einem Kommentar am 16. November kritisch mit der Haltung der Jägerschaft zum noch geltenden NRW-Jagdrecht auseinandergesetzt – und damit für heftige Kritik bei vielen Jägern gesorgt. Wir haben daraufhin elf von ihnen zu einer Diskussion in das Medienhaus Aachen eingeladen. Ein Gespräch über ein umstrittenes Gesetz, über waidmännische Verantwortung  und das Selbstverständnis einer Zunft, die als Naturschützer verstanden wissen will – und sich deshalb oft zu Unrecht an den Pranger gestellt sieht.

Das Jagdrecht war in den vergangenen Jahren in Nordrhein-Westfalen extrem umstritten. Mit dem vorliegenden Reformentwurf will Schwarz-Gelb den Jägern „ihre Würde zurückgeben“, wie es zuletzt bei der Expertenanhörung hieß. Warum wird das Thema überhaupt so emotional diskutiert?

Georg Amian: Das hat etwas zu tun mit der Entstehung des Ökologischen Jagdgesetzes und der Art und Weise, wie es in den Jahren 2014 und 2015 von Rot-Grün durchgeboxt wurde. Es hatten schon im Vorfeld viele Gespräche stattgefunden mit allen Verbänden. Rot-Grün stimmt in dem Fall nicht ganz – es waren maßgeblich die Grünen, die dieses Gesetz wider jede Vernunft durchgesetzt haben. Paradebeispiel war die Ausbildung an der Schliefenanlage – also die Ausbildung am lebenden Fuchs. Es ist ja nicht so, dass Hund und Fuchs dabei in Kontakt kommen. Sondern eine gewisse Distanz und Sicherheit wird gewahrt. Alle Parteien waren dabei, haben sich überzeugen können, dass das tierschutzkonform ist. Was war die Antwort der Grünen? Wir wollen es trotzdem nicht. Und diese Diskussion auf einer rein emotionalen und ideologischen Ebene hat sich durch die gesamte Reform gezogen. Das war reine Klientelpolitik.

Franz Duesing: Ähnlich war es bei der sogenannten Müller-Ente: Für die Arbeit am Gewässer werden einer Ente nur ein paar Schwingenfedern mit einer sich selbstätig lösenden Papiermanschette verbunden. Die ins Schilf ausgesetzte Ente kann schwimmen, laufen, tauchen und sich so dem nach ihr stöbernden Hund längere Zeit entziehen. Wäre sie unbehindert flugfähig, könnte sie möglicherweise schnell auffliegen, und der Hund könnte seinen Spur- und Findewillen nicht zeigen. Nach einer Weile wird die Ente vom Hund ins offene Gewässer getrieben, dort geschossen und vom (schussfesten) Hund apportiert. Es war wohl ein Schildbürgerstreich, dass das NRW-Jagdgesetz zwar brauchbare, solchermaßen geprüfte Hunde für die Jagd vorschrieb, die Müller-Ente aber verbot, und die Prüfungen deshalb in anderen Bundesländern abgelegt werden mussten.

Amian: Diese Diskussion ist nachher – und da ist der Landesjagdverband sicher auch ein Stück mitschuldig – auf einer rein emotionalen Ebene geführt worden, wo man sich nur noch gegenseitig in Grund und Boden reden wollte. Die Sachargumente aus der Jagdwissenschaft und dem Berufsjägerverband sind aber einfach beiseite geschoben worden. Es ist zu einem reinen Machtkampf zwischen Politik und Jagd gekommen und die Grünen haben gesagt: Wir machen es, weil wir es können und weil wir es wollen. Und das hat nichts mehr mit Würde zu tun.

Sind Sie denn mit der aktuellen Gesetzesnovelle zufrieden?

Karl-Heinz-Kuckelkorn: Wenn das Gesetz so kommt, dann könnte ich damit gut leben.

Die großen Naturschutzverbände kritisieren vor allem, dass auch streng geschützte Arten wieder in das Jagdrecht aufgenommen werden und das bestimmte Jagdmethoden wieder erlaubt sein werden – zum Beispiel die Hundeausbildung an der flugunfähigen Ente oder die Baujagd auf Füchse.

Günther Plum: Das ist Blödsinn. Arten, die jetzt ins Jagdrecht aufgenommen werden, werden von uns gehegt, überprüft, für Statistiken benutzt. Wir verbessern deren Biotope und fühlen uns für deren Erhalt verantwortlich. Dies bedeutet nicht, dass diese Tiere nun plötzlich geschossen werden.

Amian: Genau. Mit der Aufnahme auch gefährdeter Tierarten in das Jagdrecht mit ganzjähriger Schonzeit werden diese keinesfalls „zum Abschuss freigegeben“; vielmehr soll hierdurch sichergestellt werden, dass diese Tierarten erneut dem Schutz des Gesetzes unterliegen.

Was entgegnen Sie denn jenen Tierschützern, die zum Beispiel die Fuchsjagd generell infrage stellen und auf das Beispiel Luxemburg verweisen, wo die Fuchsjagd seit 2015 komplett untersagt ist und sich der Bestand seither einigermaßen konstant hält.

Alexander Feemers: In Luxemburg gibt es keine Bodenbrüter, ähnlich wie im Nationalpark Eifel, wo auch keine Fuchsjagd betrieben wird. Dort leben keine Arten, an denen sich das bemerkbar machen würde. Woanders schon: Die Biologische Station in Kranenburg am Niederrhein stellt jetzt einen Berufsjäger ein. Dessen einzige Aufgabe wird die Jagd auf kleine Räuber sein, weil man mittlerweile gemerkt hat, dass vor allem die Füchse dem  Niederwild sonst zu stark zusetzt. Wenn die Führung des Nabu immer noch behauptet, dass das keine Rolle spiele, lässt tief blicken. Sprechen Sie lieber mit den Naturschützern  vor Ort! Die haben nämlich die Probleme, denen gehen Projekte verloren. Wenn der Brachvogel weg ist, gibt es auch kein Projekt mehr für den Brachvogel. Auf dieser Ebene wird das dann sehr pragmatisch gesehen.

Amian: Das Problem beim Fuchs ist zum einen: Er ist Kulturfolger und kann sich sehr gut den veränderten Verhältnissen anpassen, was das Niederwild und vor allem die Brutvögel nicht können. Die Fuchspopulation nimmt rasend schnell zu,  der Hase geht immer weiter zurück, Fasan und Rebhuhn auch, von selteneren Bodenbrütern ganz zu schweigen. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, man muss im Grunde genommen jeden Fuchs, den man sieht, schießen, wenn der Hase oder das Rebhuhn überhaupt eine Überlebenschance haben sollen. Denn die Tatsache, dass der Fuchs auch gut in Wohngebieten bis hinein in die Städte leben kann, führt dazu, dass er sich immer weiter vermehrt.

Feemers: Der Fuchs greift sich Junghansen in dem Moment, wo sie selbstständig werden, dann sind sie eine sehr attraktive Beute. Er tut das sehr effizient. Wir haben in vielen Revieren keinen Zuwachs mehr an Hasen, was einfach daran liegt, dass zu viele Hasen aufgefressen werden. Jetzt können Sie sagen: Meine Güte, was interessiert mich der Hase! Gleiches gilt aber auch – ohne dass es im Fokus wäre – für ganz viele andere Tiere, etwa die Feldlerche.

Kuckelkorn: Ich kann ihnen versichern: Jeder Jäger entscheidet sehr verantwortungsvoll, ob der Fuchs stark oder nicht stark bejagt werden muss. Jeder Jäger beobachtet sehr genau, was in seinem Revier los ist.

Amian: Beim Fuchs kommt von Tierschützern immer das Argument: Ihr wollt den Fuchs doch nur abschießen, damit Ihr hinterher mehr Hasen bejagen könnt. Das ist das klassische Totschlagargument. Nein! In meinem Revier wird der Fuchs sehr wohl sehr scharf bejagt. Aber wir verzichten seit Jahren auf die Bejagung des Hasen und des Fasans, weil einfach zu wenig da ist. Wir versuchen, die Populationen wieder aufzubauen, indem wir massive Prädatorenbejagung durchführen – also auf Füchse und Krähen. Wir haben seit Jahren nicht nur eine stagnierende, sondern eine rückläufige Hasenpopulation. Wir dürften zwar den Hasen bejagen, wir machen es aber nicht. Es gibt natürlich Jäger, die es trotzdem tun. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich: Für solche Kollegen habe ich auch nur Verachtung übrig. Wer in einem einem Revier, in dem die Hasenpopulation stagniert, eine Treibjagd veranstaltet, dem gehört meiner Meinung nach der Jagdschein entzogen. Und da spreche ich sicherlich im Sinne aller.

Wie regeln Sie denn solche Konflikte in der Jägerschaft?

Amian: Das Problem ist: Der Kollege kann sich zwar juristisch durchaus korrekt verhalten, gleichwohl moralisch falsch liegen. Mein Nachbarrevier ist ein Paradebeispiel dafür: Dort fand kürzlich eine Treibjagd statt, weshalb ich einen solchen Hals hatte, weil ich weiß: Da ist einfach kein Besatz. Das kann man der Unteren Jagdbehörde mitteilen, allerdings gibt es keine Handhabe.

Sprechen Sie die Jäger denn an?

Amian: Ja, natürlich. Und Sie glauben nicht, was ich mir dann anhören muss. Dann ist aber genau das das Problem: Dass genau diese Jäger, die so auffällig sind, das Bild der Jagd in der Öffentlichkeit prägen.

Wie groß ist der Anteil dieser Jäger an der Gesamtheit?

Amian: Höchstens jeder zehnte.

Plum: Anständige Jäger verstehen die Jagd als ein Abschöpfen eines Überangebots in der Natur. Wenn sie in einem Revier 100 Rehe haben und sie schießen keines davon, haben sie im nächsten Jahr 200. Und alle wollen natürlich auch einen grünen Wald haben. Was heißt das: Es wird reduziert. Und zwar auf ein erträgliches Maß zwischen Wald und Wild. Wir sind Metzger des Waldes, wenn Sie so wollen. Wir machen ein wertvolles Wildbret, das wir verkaufen und auch selbst essen.

Duesing: Man muss in diesem Zusammenhang auch sagen: Das Jagdrecht bestimmt, was legal ist. Die Waidgerechtigkeit ist keine Folklore sondern sagt mir darüber hinaus, was legitim ist. Sie verlangt ein Verhalten, das man vielleicht mit anständig, human beschreiben kann. Wir haben ein Reviersystem, in dem der Jagdpächter für viele Jahre pachtet und voll verantwortlich ist für alles, was in seinem Revier geschieht. Er wäre dumm, wenn er sein Revier leerschösse und nicht nachhaltig handelte. Es kursieren Vorstellungen, die einfach abwegig sind.

Von „Lifestyle-Jägern“ distanzieren Sie sich?

Plum: Wenn Sie nicht mit Leib und Seele Jäger sind, dann halten Sie es keine zwei, drei Stunden auf einem Hochsitz aus, dann ist Ihnen derart tödlich langweilig, dass sie schnell wieder drangeben. Ohne die entsprechende Passion halten sie das vor allem nicht bei Kälte aus!

Amian: Die sogenannten Lifestyle-Jäger werden sich darauf beschränken, teuer bezahlte Jagdreisen zu machen. Die werden aber nie in den Genuss kommen, ein Revier pachten zu können, weil man denen ein solches Revier gar nicht anvertrauen würde. Die werden auch in unseren Kreisen nicht akzeptiert und werden auch keinen Anschluss finden. Und ich sage Ihnen ehrlich, in meinem Verband will man die nicht haben. Wir prüfen auf Herz und Nieren.

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