Brüssel: Willem Holleeder: Der Unterwelt-König und der Verrat der Schwester

Brüssel : Willem Holleeder: Der Unterwelt-König und der Verrat der Schwester

„Wenn mein Bruder rauskommt, werden wir nicht mehr lange zu leben haben.“ Er — das ist der wohl berühmt-berüchtigtste Kriminelle der Niederlande: Willem Holleeder. Seit Februar wird dem Mann, der jahrelang die Amsterdamer Unterwelt mit seinen perfiden Erpressungen beherrschte und eine Blutspur von Auftragsmorden hinterließ, der Prozess gemacht. Weil seine Schwester ihn verraten hat.

Astrid Holleeder lebt seither an einem geheimen Ort in den Niederlanden unter Polizeischutz. Wir treffen uns an einem sicheren Ort. Eine Kamera scannt jeden, der durch die Tür will.

Unser Gespräch findet in einem von außen nicht einsehbaren Raum statt. Eine große Frau mit wachen Augen, die hinter einer rahmenlosen Brille alles um sich herum beobachten, kommt auf mich zu. Sie wirkt elegant und selbstbewusst. Kein bisschen wie eine, die jeden Morgen mit dem Gedanken erwacht, dass ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt ist. „Wim“, wie sie ihren Bruder nennt, hat es geschafft, aus seiner Hochsicherheitszelle heraus den Auftrag für ihre Ermordung zu erteilen. Auch ihre Schwester Sonja soll sterben, denn auch sie sagt gegen ihren Bruder aus. Umso widersinniger wirkt es heute, dass dieser Mann bis vor kurzem eine geradezu irrsinnige Popularität in seinem Land genoss.

Der verurteilte Straftäter ist mitverantwortlich für die Entführung von Alfred Heineken im Jahr 1983, dem inzwischen verstorbenen Besitzer der gleichnamigen Bierbrauerei. Astrid, damals erst 17, wird als Minderjährige ohne Rechtsbeistand verhört und behandelt wie eine Tatverdächtige. Holleeder verkommt zu einem verrufenen Namen, sie ist fortan die „Schwester von“. Trotzdem machten berühmte Schauspieler und Sänger aus den Niederlanden Selfies mit ihm. Er wurde erkannt auf der Straße: „Wim“, riefen ihm die Leute nach, als wäre er selbst ein Filmstar. Einem Mann, der nicht einmal davor zurückschreckt, Mitglieder seiner eigenen Familie umbringen zu lassen.

Jahrelang instrumentalisiert Wim seinen jüngeren Bruder Gerard und seine beiden Schwestern. Sonjas Mann Cor wird in die Geschäfte von Wim mithineingezogen, hing bei der Entführung mit drin. Mit der Zeit wird er gierig, zweigt sich selbst Geld aus den krummen Geschäften ab. Eines Tages wird Cor vor den Augen seines Sohnes erschossen. Auf offener Straße. Es ist der Wendepunkt im Leben von Astrid und Sonja: Doch erst, als Wim Sonja damit bedroht, auch ihre Kinder zu ermorden, wenn sie nicht tut, was er sagt, gelingt es Astrid, sie ins Boot zu holen. Gemeinsam wollen sie Wim zu Fall bringen. Ein gefährliches Doppelleben beginnt. Wenn sie darüber spricht, wirkt sie kein bisschen verunsichert. Astrid fühlt sich ihrer Tochter verpflichtet: „Dafür tue ich es, ich will nicht, dass er sie erwischt.“

Monatelang setzt Astrid ihr Leben aufs Spiel, in dem sie die Gespräche mit ihrem Bruder heimlich aufzeichnet. Doch der war immer schon paranoid, vertraut niemandem, wiegt jedes Wort ab, nutzt eine Codesprache. Lange hält die Justiz Astrid hin, trotz der Beweise und Zeugenaussagen von ihr und Sonja. Dann endlich kommt der Durchbruch: 2016 wird Wim Holleeder festgenommen. Seine eigene Schwester, die er als engste Vertraute betrachtete, hat ihn verraten. „Das ist so unnatürlich, jemandem so etwas anzutun“, sagt Astrid noch heute. Sie kämpft mit den Tränen, wenn sie über ihre Gefühle zu ihrem Bruder spricht, den sie immer noch liebt — trotz allem.

Eine von Gewalt geprägte Familie

Nach Wims Festnahme muss Astrid untertauchen. Ihre Arbeit als Anwältin für Strafrecht versucht sie zunächst aufrechtzuerhalten. Dass ausgerechnet sie, aufgewachsen in einer von Gewalt und Kriminalität geprägten Familie, zur Strafverteidigerin wurde, hat seinen Grund. „Ich sehe die Menschen, die dahinterstehen“, erklärt sie schlicht. Sie trifft sie, „wenn sie im tiefsten Elend stecken“. Astrid kann durch ihre Fassade hindurchblicken. Es ist ihre Gabe, schnell ins Herz der Menschen durchzudringen. Eine Frau, die jahrelang stumme Zeugin der Mordaufträge ihres Bruders war, und dennoch ihre Menschlichkeit bewahrte.

Einmal, erzählt sie, bekam sie einen Klienten, der des Mordes beschuldigt wurde. „Ich hatte diesem Mann eben die Hand gegeben. Womöglich war es diese Hand, mit der er den Mord begangen hat.“ Die Erkenntnis schockierte sie so sehr, dass sie zur Toilette ging und sich die Hände wusch. Es war eine der ersten Begegnungen mit einem mutmaßlichen Täter. Trotzdem verurteilt sie solche Schwerverbrecher nicht pauschal: „Ich habe einmal von einer Frau gelesen, die den Mörder ihres Kindes umgebracht hat. Vor so etwas habe ich großen Respekt. Das klingt schlimm, aber ich empfinde es so.“ Familie steht für Astrid über allem. Aufgewachsen im Jordaan, einem als sozial schwierig bekannten Viertel in Amsterdam, sind die Familienbande besonders stark. „Ich habe noch nie für mich gelebt, immer für andere.“ Wenn Astrid das sagt, klingt es nicht aufgesetzt. Es ist die Wahrheit.

Nach Wims Festnahme veröffentlicht Astrid ein Buch. „Judas“ bezeichnet gleichermaßen den Verrat ihres Bruders an der eigenen Familie wie auch den ihren an ihm. Ungeschönt beschreibt sie darin die gewaltgeprägte Kindheit der vier Geschwister, die vom alkoholisierten Vater ebenso geschlagen wurden wie ihre Mutter. Erst als Astrid 15 Jahre alt ist, schafft ihre Mutter den Absprung, verlässt ihren Mann endgültig. Doch längst hat ihre Tochter begonnen, ein eigenes Leben aufzubauen — fernab von den polternden Schritten ihres Vaters, wie er die Treppe in Richtung Kinderzimmer hinaufstürmt, auf der Suche nach einem neuen Opfer für seine Wut. Ihre auditive Begabung hilft ihr, in der Schule voranzukommen: Was sie einmal gehört hat, kann sie sich einprägen.

Sie liest viel, bringt sich selbst Englisch über Bücher und Filme bei, macht ihre Hausaufgaben in der Straßenbahn — einem der wenigen Orte, an dem sie überhaupt etwas Ruhe findet. „Die Schule war mein Ticket aus dem Elend“, sagt sie heute. Sie hat das sportliche Talent ihrer Mutter im Basketball geerbt, spielt sogar in der ersten Bundesliga. Bis sie 30 Jahre ist, bleibt der Sport ihre Fluchtmöglichkeit aus einer eigentlich unerträglichen Realität. Der Generalverdacht, unter den ihre Familie nach der Heineken-Entführung gestellt wird, prägt sie. „Ich bin es gewohnt, dass Menschen nicht nett zu mir sind“, sagt sie. „Trotzdem liebe ich sie.“ So wie ihren Bruder.

Vom Vater ihrer Tochter, der sie immer wieder betrogen und mit krummen Geschäften im Rotlichtviertel zu tun hatte, trennt sie sich. Seither lebt sie für ihre Familie. Eine Beziehung zu einem anderen Mann kann sie sich nicht vorstellen. „Was sollte ich ihm denn von mir erzählen“, fragt sie dann. Dass sie die Schwester eines Schwerverbrechers ist? Unter Polizeischutz an einem geheimen Ort lebt? Sich ihr Leben praktisch nur noch zwischen vier Wänden abspielt, immer auf der Hut?

Versuchter Mordanschlag

Unser Treffen hat trotzdem etwas Heimeliges. Astrid hat Pralinen mitgebracht, es gibt Kaffee und Tee. Sie will, dass ich mich wohlfühle bei ihr — trotz allem. Als während unseres Gesprächs plötzlich ein dumpfer Knall aus dem Nebenzimmer ertönt, sagt sie nur: „Das galt nicht mir, wir sind hier sicher.“ Dass sie wegen ihrer Zeugenrolle ihre Tätigkeit als Anwältin aufgeben musste, fiel ihr nicht leicht. Aber bei den Terminen mit ihren Klienten wäre sie ein allzu leichtes Ziel für ihren Mörder gewesen. „Ich bin nicht wütend über die Konsequenzen meiner Aussagen“, sagt sie. Ihr eigenes Haus gab sie erst auf, als sie einem mutmaßlichen Anschlag auf sich um Haaresbreite entging.

Um ihren Glauben macht Astrid kein großes Aufsehen — es ist für sie etwas Persönliches. Aber sie hat sich ihre Seele bewahrt sagt sie — „weil ich das Richtige getan habe“. Als Moralapostel sieht sie sich aber keineswegs — „ich bin das Ergebnis einer Aneinanderreihung von Fehlern“, lautet stattdessen ihre Selbsteinschätzung. Ob sie sich mitschuldig gefühlt hat? Nein. Das Netz ihres Bruders war lange Zeit undurchdringlich, sie hatte nichts gegen ihn in der Hand. Immer ging er über Mittelsmänner vor, spielte seine Opfer gegeneinander aus — fast nie ließen sich Straftaten mit ihm in Verbindung bringen. Trotzdem fühlt sich Astrid „beschmutzt“. Sie glaubt daran, dass alles, was man tut, auch wieder zurückkommt. Deshalb will sie Gutes tun. „Wenn man viel hat, muss man auch viel geben“, findet sie.

Dass ihr Bruder gerettet werden kann, glaubt sie trotzdem nicht. „Er ist gebrochen, zerstört, krank eigentlich“, beschreibt sie Wim. Würde man ihn in eine psychiatrische Einrichtung überweisen, wäre er innerhalb von wenigen Wochen draußen — davon ist sie überzeugt. Wim hat Charme: „Er hatte immer Verhältnisse mit den Wärterinnen. Sie machen ihre Haare auf, wenn er an ihnen vorbeigeführt wird.“ Wohl auch deshalb kam er lange mit vielem durch. Wim, der sympathische Kriminelle, der vor Schulklassen spricht. Wim, der „Knuddel-Kriminelle“, der Promi der Amsterdamer Unterwelt. „Er hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen“, ist Astrid überzeugt.

Nie habe ihr Bruder auch nur eine Spur von Reue gezeigt, die Fähigkeit der Empathie fehlt ihm. Nichts geschieht ohne Gegenleistung — Selbstlosigkeit ist ihm völlig fremd. „Er spricht über den Tod, als ob er ein Päckchen Kaugummi kauft“, erklärt Astrid. Wer nicht tut, was er sagt, der muss eben mit den Konsequenzen leben — und sterben. Im Prozess sitzt Astrid in einer von Polizeibeamten bewachten Milchglaskabine. Wim soll sie nicht sehen können — „er manipuliert mit seinen Blicken“. Seine Geschichten vor dem Richter, dass er seine Familie doch liebt und zu Schwager Cor, den er umbringen ließ, „immer guten Kontakt“ hatte, macht Astrid wütend. Auch ihr Neffe will gegen Wim aussagen. Nein, zu gefährlich. Es reicht, wenn sie und Sonja das Risiko auf sich nehmen.

Die Verhandlung, davon ist sie überzeugt, wird noch Jahre dauern. Astrids Leben bestimmt die Prozessagenda. „Hätte ich nicht begonnen, zu schreiben, wäre ich vom Dach gesprungen“, sagt sie schlicht. Es war ihre Rettung. Doch erst, als sie ihr zweites Buch „Dagboek van een getuige“ („Tagebuch einer Zeugin“) vor kurzem in den Niederlanden veröffentlicht, wird ihr verstärkter Schutz gewährt. Wenn sie könnte, würde sie gerne mit ihrer ganzen Familie verschwinden, sagt sie. Mit ihrer Tochter und den Enkeln, mit Sonja, ihrer Schwester, mit ihrer mittlerweile 82-jährigen Mutter. Am liebsten auf einem Bauernhof ziehen. „Aber sicherer wäre es wohl unter einer Burka in einem arabischen Land“, sagt sie. Ihr Misstrauen begleitet sie fortwährend — selbst bei Menschen wie Sandra, Wims Exfreundin, die ebenfalls gegen ihn aussagt. Lesen kann sie schon lange nicht mehr — „die Realität nimmt mich zu sehr ein“.

Am liebsten wäre es ihr, wenn ihr Bruder tot wäre. Einmal wollte sie ihn selbst umbringen, aber sie konnte es nicht. Bis heute bereut sie ihr Zögern, „als ich die Gelegenheit dazu hatte“. Selbst vor ihrem eigenen Tod schreckt sie nicht zurück. „Der Tod macht mir keine Angst mehr. Aber wenn ich durch ihn sterben würde, wäre das ziemlich ‚fucked up‘“, sagt sie. Hätte es ihrer Familie geholfen, wäre sie bereit gewesen, zu sterben.

Aber niemand ist sicher vor Wim. Nicht, solange er lebt. „Manche Hunde muss man in eine Grube werfen, man kann sie nicht einschläfern.“ Sie fände es besser für ihn. Am liebsten würde sie es selbst tun. „Ihn von seinem Leiden erlösen.“ Sie will kein Opfer mehr sein.

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