Köln: Wildpinkler und Müll: Köln, wie es singt, lacht, stinkt und kracht

Köln: Wildpinkler und Müll: Köln, wie es singt, lacht, stinkt und kracht

„Liebe deine Stadt.“ Dieser Spruch ist in großen roten Lettern über der Nord-Süd-Fahrt zu lesen. Allein das zeigt, dass es Köln seinen Bewohnern nicht immer leicht macht. Die riesige Hauptstraße, die eine Schneise durch die Einkaufszone Kölns schlägt, gilt heute nämlich als Bausünde. Schön hässlich, wie so vieles in der Stadt.

Die Kölner lieben sie trotzdem, obwohl es das Wort Liebe im Kölschen eigentlich gar nicht gibt. Doch die Liebe hat Risse bekommen — nicht erst seit dem 11.11.2017 mit all den Exzessen.

Liebe deine Stadt: Das fällt den Kölnern angesichts von Wildpinklern, Müll und Besäufnissen an Karneval nicht immer leicht. Denkmäler werden nun verbarrikadiert. Foto: dpa

Beim Karnevalsauftakt zur jetzigen Session gab es rund 50 Festnahmen und fast 100 Verwarngelder gegen Wildpinkler. Anwohner in der Südstadt und im Studentenviertel rund um die Zülpicher Straße ärgerten sich mehr als sonst über Urin, Müll und Erbrochenes. Natürlich ist das nicht neu, aber das Ausmaß, da sind sich die Kölner einig, sei ein anderes gewesen.

XXXXXXXXXXXXXX YYYYYYYYYY: Henriette Reker, Kölner Oberbürgermeisterin.

Köln hadert also plötzlich mit dem heiligen Karneval. Auch die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos). Der Karneval sei in den letzten Jahren zu etwas geworden, das eher einem allgemeinen Besäufnis entspreche, monierte sie. Damit sich diese Bilder im Straßenkarneval, der morgen beginnt, nicht wiederholen, hat Köln reagiert. Mit einem Runden Tisch.

Kölns Image ist angekratzt: Das sagt Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Foto: dpa

Die Stadt wird etwa 700 zusätzliche mobile Toiletten; im vergangenen Jahr waren es 80. Die Polizei wird mit 1600 Beamten im Einsatz sein. „Wir gehen hier offener mit Problemlagen um, die es woanders genauso gibt. Das darf man nicht verwechseln. Aber wir gehen auch entschieden gegen Problemlagen an“, sagte Reker unserer Zeitung.

Kölns Ballermann-Image

Die Jugend feiere verstärkt draußen mit viel Alkohol, und Kölns Ballermann-Image habe dazu beigetragen, dass dieser 11.11. eskaliert sei, sagt der Kölner Psychologe Stephan Grünewald. „Da der städtische Raum zunehmen verwahrlost, wirken beispielsweise die Kölner Ringe oder Plätze nicht erzieherisch. Von ihnen geht keine Etikette mehr aus.“ Schon im Mittelalter habe es geheißen: Die schmuddeligen Städte beginnen mit K: Kalkutta, Konstantinopel und Köln. Aber eine gewisse Schmuddeligkeit mache auch den Charme der Stadt aus. Doch die Grenze ist erreicht und zwar in einem Maße, dass selbst der Kölner zweifelt. „Das blinde Vertrauen in Köln ist weg, diese schlafwandlerische Sicherheit, dass die Stadt einen vor allem Bösen bewahrt“, sagt er. Mama Colonia hat versagt.

Angefangen hat diese Entwicklung für viele mit dem Stadtarchiveinsturz im Jahr 2009, der jetzt erst Gegenstand eines Prozesses ist. In der Südstadt klafft immer noch ein Loch, das die Kölner regelmäßig an diese unglaubliche Katastrophe erinnert. Dass Köln es nicht gelingt, korrekte Wahlzettel zu drucken, und deshalb Wahlen verschoben werden müssen, oder die Sanierung der Bühnen mehr als 500 Millionen Euro (statt 250) kosten wird ,und die Oper wohl erst 2023 eröffnen kann (statt 2015), führt da nur zu Kopfschütteln.

Dass Köln seine große Bedeutung als Kulturstadt verloren habe, sei ein Grund für den Imageverlust und die Exzesse, glaubt Andreas Hupke. Der gebürtige Monschauer, der in Kalterherberg aufwuchs, ist Bezirksbürgermeister in der Innenstadt, dem Viertel, das am meisten unter den Feierauswüchsen leidet. Hupke lebt seit 44 Jahren dort und sagt, dass ihm die Stadt „nichts geschenkt hat, aber alles gegeben“. „Diese 2000 Jahre alte Stadt konzentriert allein auf der Fläche der Innenstadt so viel Geschichte. Köln galt als Manhattan des Mittelalters und jetzt?“ Schon allein das Verkehrskonzept rund um den Dom ärgert Hupke.

Tanz wurde 1996 wegrationalisiert

Ein weiteres Negativ-Beispiel: 1996 beschloss die Stadt, eine Sparte an den Bühnen einzusparen: Der Tanz wurde wegrationalisiert. Das kann oder muss man für die größte Stadt Nordrhein-Westfalens und die viertgrößte Stadt Deutschlands fatal finden. Städte wie Düsseldorf, Gelsenkirchen, Dortmund und Wuppertal haben noch Geld für ihre Ballett- und Tanzcompagnien. „Das Tanzforum war weltweit anerkannt, und dann spart man den Tanz - und das in der Stadt der Tanzmariechen“, sagt Hupke empört. Überhaupt: Wer stehe noch als Kulturbotschafter für Köln? „Ich beobachte auch einen Niedergang des Bürgertums, der bedeutenden Kölner Persönlichkeiten.“ Das Sanierungsdesaster von Schauspiel und Oper jedenfalls hat auch dazu geführt, dass die renommierte und gefeierte Intendantin Karin Beier 2013 Köln verließ.

Und es betrifft nicht nur die sogenannte Hochkultur, betont Hupke: Durch hohe Immobilienpreise seien kleine Kneipen mit Live-Musik aus der Altstadt verdrängt worden. Das habe mit zu der Ballermannisierung der Altstadt geführt. Den Hoteliers sei es stets nur darum gegangen, die Übernachtungszahlen zu steigern, kritisiert Hupke. Früher seien die Menschen nach Köln gekommen, um kulturell etwas zu erleben, heute, um zu feiern. „Die Menschen glauben, sie seien in einem rechtsfreien Raum“, sagt der 68-Jährige.

Der Nabel Europas

Köln sei schnell zu erreichen, quasi der Nabel Europas, sagt Mathias Johnen, stellvertretender Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Köln. Das sei Fluch und Segen. Die Besäufnisse von Junggesellen sieht er als Teil der gesellschaftlichen Entwicklung. „Ich fürchte, man kann das Rad nicht zurückdrehen, aber man müsste moderierend eingreifen“, sagt Johnen. Die Touristen kämen an Karneval schon besoffen in Köln an. „Die dürften so gar nicht in den Zug steigen.“

Weil morgen wieder Tausende die Eröffnung des Straßenkarnevals feiern, hat Hupke mit der Bezirksvertretung Innenstadt vorgesorgt. Wichtige Brunnen und Denkmäler sind verbarrikadiert, damit die Menschen nicht gegen sie urinieren. „Dass Betrunkene auf das Grab von Albertus Magnus pinkeln, der in Sankt Andreas liegt, ist ein unerträglicher Gedanke.“

Kölns Image habe einen Kratzer, sagt Reker. Aber sie gibt die Hoffnung nicht auf. „Ich bin da optimistisch.“ So sind die Kölner eben. Sie besingen ihre Stadt weiter in Liedern. Hupke erklärt das so: „Köln hat mir nichts geschenkt, aber alles gegeben“

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