Köln/Düsseldorf: Wieder „Hölle von Kölle”? Köln feiert im Zeichen der Suff-Debatte

Köln/Düsseldorf: Wieder „Hölle von Kölle”? Köln feiert im Zeichen der Suff-Debatte

Engelbert Rummel ist zufrieden. „Es gibt keinerlei Entschuldigung mehr für Blasenschwäche!”, stellt der Leiter des Kölner Ordnungsamtes fest, nachdem er die erste Reihen Dixi-Klos abgeschritten ist. Rummel — eine sehr kölsche Erscheinung mit praktischer Kurzhaarfrisur, Schnurrbart und aufrechtem Gang — muss etwas lauter sprechen, um ihn herum schunkeln die ersten Kostümierten zu „Wir sind für die Liebe gemacht” der Karnevals-Band Höhner.

Rummel rechnet vor, was droht, wenn man nun an Karneval in Köln einfach so in die Gegend pinkelt. „Der Dom ist der teuerste, das kostet 130 Euro”, sagt er. Wiesen sind etwas günstiger. „Wenn es aber ein Denkmal ist, dann werden es auch schonmal um die 100 Euro.”

Weiberfastnacht ist der erste Tag des Straßenkarnevals, wie in jedem Jahr sind die Kölner Straßen gefüllt mit Menschen in Kuh-Kostümen, mit roten Pappnasen und grellen Perücken. Ordnungsamtschef Rummel und seine Leute sind in diesem Jahr aber noch mehr gefragt als sonst. Sie sollen dafür sorgen, dass es nicht mehr die „Hölle von Kölle” gibt, wie manche in der Stadt die Zustände zum Karnevalsauftakt, dem 11. November 2017, halb scherzhaft halb besorgt nannten.

Damals — es war ein Samstag — lief die Feier in einigen Vierteln komplett aus dem Ruder. Es gab massive Beschwerden über Saufgelage, Urin, Müll, Erbrochenes auf den Straßen. In der Stadt, in der der Karneval so heilig ist wie der Dom, gab es eine große Diskussion über die Exzesse, die man nicht mehr tolerieren könne.

„Bewirkt hat das, dass wir auch mehr Geld zur Verfügung gestellt bekommen”, erklärt Rummel. Es wurde unter anderem in eine ganze Toilettenhäuschen-Armada investiert. Allein die Stadt hat rund 700 zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, auf das Klo zu gehen — fast das Zehnfache des vergangenen Jahres. Hinzu kommt ein neues Pfandsystem, mehr Zugangsbeschränkungen, einfach mehr Struktur.

Hat es etwas gebracht? Erstes Fazit: Scheint so. Am Mittag sind nur ganz wenige Urin-Pfützen zu sehen. Rummel führt das auch auf seine offensive Anti-Wildpinkler-Rhetorik der vergangenen Wochen zurück. „Das verbreitet sich über die sozialen Netzwerke, gerade bei den Jugendlichen, dass wir da rigoros einschreiten.” Günstig wirkt sich aus, dass in den ersten Stunden viel weniger Rummel ist als erwartet. Warum, lässt sich zunächst nur mutmaßen. Es ist ziemlich frostig.

Wie sehr die Saufgelage-Debatte auf das kölsche Gemüt schlägt, ist im Rathaus zu beobachten. Christoph Kuckelkorn — als Präsident des Festkomitees Kölner Karneval sozusagen oberster Jeck der Stadt — gibt dort zu Protokoll: „Wer behauptet, im Karneval würde man nur saufen und da wäre sonst nichts, der fügt dem Karneval und in der Folge der gesamten Stadt einen echten Schaden zu.”

Man braucht nicht viel Phantasie, um eine Adressatin der Rede zu finden. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hatte in einem Interview kritisiert: „Der Karneval ist in den letzten Jahren — oder eher Jahrzehnten — zu etwas geworden, das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht, als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht.”

Auf den Straßen wird unterdessen ebenfalls über Sicherheit und Ordnung diskutiert — allerdings in eine ganz andere Richtung. Die #MeeToo-Debatte um Sexismus und Machtmissbrauch hat auch den Karneval erreicht. „Manche Männer sind leider sehr triebgesteuert”, sagt Waldfee Birgit (54). „Wir sind zu dritt und lassen uns nicht aus den Augen. Wir werden schon nicht unter die Räder kommen”, sagt sie. „Und wenn einer ein Leckerchen ist, darf es auch mal ein Bütjze sein.”

(dpa)
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