Aachen: Wie vor 80 Jahren in Aachen die Juden beraubt wurden

Aachen: Wie vor 80 Jahren in Aachen die Juden beraubt wurden

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der Aachener Wirtschaftsgeschichte. Ende der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden auch in der ehemaligen Kaiserstadt alle jüdischen Bürger gezwungen, ihr gesamtes Vermögen an Nicht-Juden zu verkaufen. Ihre Firmen, ihre Häuser und ihre Grundstücke wurden arisiert, meist weit unter dem tatsächlichen Wert.

Wie das in Aachen genau geschah, wer davon im einzelnen profitierte und auf welche zum Teil erniedrigende Art Überlebende des Holocaust nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft um eine „Wiedergutmachung“ kämpfen mussten, ist bisher kaum erforscht.

Alte Wollspulen der Tuchfabrik Meyer, die heute im Tuchwerk gelagert sind: Das Unternehmen ist eine der wenigen Firmen, die nach Ende der NS-Zeit an ihre alten jüdischen Eigentümer zurückgegeben wurden. Foto: Harald Krömer

80 Jahre später gibt es in der Stadt nun auf Initiative der Linken Überlegungen, Licht ins Dunkel zu bringen und die Arisierungen systematisch von Wissenschaftlern aufarbeiten zu lassen. Völlig bei null anfangen müssen die Historiker allerdings nicht. Denn Andreas Lorenz, Sohn eines Aachener Tuchfabrikanten, beschäftigt sich im Rahmen des „Gedenkbuches für die ermordeten Aachener Juden“ bereits seit Jahren intensiv mit den Arisierungen in der örtlichen Textilbranche.

Andreas Lorenz schätzt, dass in Aachen gemessen an der heutigen Kaufkraft Vermögenswerte in Höhe von rund 700 Millionen Euro zwangsarisiert wurden. Foto: Harald Krömer

Seine Recherchen basieren wesentlich auf dem Werk des verstorbenen Aachener Stadtarchivars Herbert Lepper und auf dessen 1994 erschienenem Buch „Von der Emanzipation zum Holocaust — Die israelitische Synagogengemeinschaft zu Aachen“. Lorenz will mit seiner Arbeit „den beraubten Aachener Juden ein Gesicht geben“.

Aachen ist in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Zentrum der europäischen Textilindustrie. Rund hundert Tuchfabrikanten und Tuchhändler produzieren und vertreiben von hier aus vor allem hochwertige Herrenstoffe. Geliefert wird die Ware nicht nur in das gesamte Deutsche Reich, sondern bis in die USA. Rund 15.000 Menschen sind in der Branche beschäftigt, mal in kleinen Betrieben mit einer Handvoll Mitarbeiter, mal in großen Unternehmen mit einer mehrere hundert Köpfe zählenden Belegschaft.

„Ungefähr 30 Prozent der Unternehmen gehörten damals jüdischen Familien, die teilweise seit Generationen in Aachen lebten“, sagt Lorenz. „Viele waren sehr erfolgreich, weil sie oft kreativer als ihre christlichen Konkurrenten auf Veränderungen des Marktes reagierten und deutlich exportorientierter waren.“

Florierende jüdische Unternehmen

Zu den florierenden jüdischen Unternehmen gehören Firmen wie Marx & Auerbach am Templergraben, Herz & Meyerfeld an der Roermonder Straße oder Struch & Guttentag an der Passstraße. Die bedeutendste aber ist Josef Königsberger an der Jülicher Straße. 50 Jahre nach seiner Gründung beschäftigt das Unternehmen 1935 als größte Aachener Tuchfabrik mehr als 500 Menschen. Der Jahresumsatz liegt bei rund zehn Millionen Reichsmark, davon stammen etwa 35 Prozent aus dem Exportgeschäft.

„Wahrscheinlich ist das auch der Grund, weshalb Königsberger ebenso wie eine Reihe weiterer jüdischer Textilkaufleute verglichen mit jüdischen Geschäftsinhabern anderer Branchen zunächst relativ unbehelligt weiterproduzieren konnte“, vermutet Lorenz. „Die Nazis wollten durch sie dringend benötigte Devisen ins Land holen.“

Vorrecht zur Auswanderung erkauft

Das ändert sich jedoch spätestens 1938. Im April ordnet die Reichsregierung an, alle jüdischen Vermögen zu erfassen. Ihre Besitzer können von nun an nicht mehr frei über sie verfügen. Gleichzeitig werden auch in Aachen die jüdischen Tuchfabrikanten aufgefordert, ihre gesamten Betriebe und Immobilien bis Ende des Jahres zu verkaufen. Dass die Nazis es mit ihren Maßnahmen ernst meinen, dürfte den Betroffenen spätestens nach dem November-Pogrom klar geworden sein. Jüdische Tuchfabrikanten werden aus Aachen verschleppt und in Konzentrationslager gesperrt.

„Das war eine gezielte Aktion, um den Druck auf sie zu erhöhen“, sagt Lorenz. „In der Regel wurden die Firmenbesitzer erst wieder freigelassen, nachdem sie und ihre Familienangehörigen der Übertragung ihres Besitzes zugestimmt und sich damit das Vorrecht zur Auswanderung erkauft hatten.“ Der Inhaber von Josef Königsberger, Paul Königsberger, sieht sich jedenfalls am 9. Februar 1939 gezwungen, einen notariellen Kaufvertrag zu unterschreiben, der die Arisierung seines Unternehmens zur Tuchfabrik Meißner & Co. K.G. besiegelt. Der 69-jährige Fabrikant hat sich freigekauft. Er entkommt, ohne es zu diesem Zeitpunkt wohl zu ahnen, der langsam anlaufenden deutschen Mordmaschinerie — anders als Millionen Juden, die weit weniger vermögend sind als er.

Paul Königsberger versucht zunächst einen Neuanfang in Brüssel. Als der scheitert, gelingt es ihm mit Teilen seiner Familie trotz vieler Schwierigkeiten via Brasilien in die USA zu emigrieren. Neuer Gesellschafter seines Unternehmens ist nun der Eigentümer einer großen Bremer Bierbrauerei. 2,2 Millionen Reichsmark hat er für die Tuchfabrik gezahlt, eine Summe, die offenbar kein Aachener aufbringen konnte. Königsberger sieht davon allerdings kaum einen Pfennig. Der Löwenanteil des Geldes wandert über ein Sperrkonto in die Staatskasse. Gleiches gilt auch für den Erlös aus der Arisierung seines Wohnhauses an der Zollernstraße 25, als dessen neuer Eigentümer das Adressbuch von 1941 den Wirt der Gaststätte im Aachener Hauptbahnhof ausweist.

Die Arisierung zugunsten auswärtiger Interessenten ist in Aachen allerdings eher die Ausnahme. Meist sind es Einheimische, die auf das Vermögen ihrer jüdischen Nachbarn zugreifen. Beispielsweise auf das von Fritz Marx. Am 9. September 1938 veräußert der Fabrikant sein Familienunternehmen, das er in der vierten Generation führt, mitsamt des dazugehörigen Grundstücks für 641.000 Reichsmark an einen Aachener Bauunternehmer. Der wiederum reicht es — wohl als eine Art Mitgift — an seinen künftigen Schwiegersohn weiter. Aus „Marx & Auerbach“ wird „Grünzig & Charlier“. Marx hingegen hat alles verloren. Nahezu mittellos wandert er nach der Zahlung einer „Judenabgabe“ und der „Reichsfluchtsteuer“ im Dezember 1938 in die USA aus.

Lorenz schätzt, dass in Aachen damals jüdische Vermögen in Höhe von 35 Millionen Reichsmark zwangsarisiert wurden. Es ist eine gewaltige Summe. Gemessen an der Kaufkraft entspricht sie heute einem Betrag von rund 700 Millionen Euro. „Viele Aachener, die Geld hatten, griffen zu“, sagte Lorenz. „Sie wussten, dass die Juden unter enormem Druck standen. Manche haben das schamlos ausgenutzt.“

Hoch angesehene Aachener

Lorenz warnt allerdings vor Pauschalurteilen. „Die Annahme, alle Arisierer seien von einem fieberhaften Wettlauf angesteckt worden und hätten um jeden Preis nach einer Gelegenheit gesucht, sich zu bereichern, greift zumindest für die Aachener Tuchindustrie zu kurz.“ Laut Lorenz gab es in Einzelfällen auch „naive Geschäftsleute, die in ehrlicher Absicht den jüdischen Kaufleuten in ihrer Not helfen wollten“. Bei der großen Mehrheit habe es sich aber entweder um „Opportunisten gehandelt, die eine günstige Kaufgelegenheit witterten und zugriffen, ohne selbst Druck auf die jüdischen Verkäufer auszuüben“. Oder aber um „hemmungslose Arisierer“, die sich skrupellos an der Ausbeutung beteiligten.

Vor allem für die Wohnhäuser der jüdischen Unternehmer gibt es zahlreiche Interessenten. Anders als deren Firmen sind sie für breite Teile des Aachener Bürgertums plötzlich „erschwinglich“.

Bei seinen Recherchen ist Lorenz auf die Namen einer ganzen Reihe von prominenten und auch in der Nachkriegszeit hoch angesehenen Aachener gestoßen, die von der Notlage der Juden profitierten. Etwa auf den eines später international bekannten Orthopäden, der die Villa des jüdischen Textilunternehmers Kurt Schiff am Zweiweiherweg kauft. Oder auf den eines Krankenhaus-Chefarztes, der ein Haus in der Alfonsstraße aus dem Besitz der jüdischen Tuchmacherfamilie Franken erwirbt. Oder aber auf den Prokuristen einer Tuchfabrik, der das jüdische Unternehmen „Heinemann Nachfahren“ arisiert.

Lediglich die alteingesessenen Tuchfabrikanten und direkten Konkurrenten der jüdischen Tuchproduzenten hatten offenbar Skrupel. Sie beteiligten sich nicht an dem Ausverkauf. „Weniger zurückhaltend waren hingegen christliche Tuchhändler und Geschäftsführer“, sagt Lorenz. „Teo Matthey beispielsweise übernimmt Anfang April 1939 den jüdischen Tuchgrossisten Gebrüder Walbaum.“

Wie viel Geld bei den Zwangsverkäufen jeweils im Einzelfall floss, ist nur in wenigen Fällen bekannt. „Um mehr zu erfahren, müssten die damaligen Akten der Aachener Notare zur Forschung freigegeben werden“, sagt Lorenz. Er ist sich aber sicher, dass angesichts der vielen Firmen und Immobilien, die 1938 Hals über Kopf veräußert werden mussten, deren Verkaufspreise weit unter dem tatsächlichen Wert lagen.

Allerdings scheinen sie nicht völlig ins Bodenlose gestürzt zu sein. Während die Preise beim Zwangsverkauf von Wohnhäusern zunächst zwischen den Parteien frei verhandelbar waren, mussten sie bei der Arisierung von Unternehmen durch die Industrie- und Handelskammer sowie durch verschiedene NS-Behörden abgesegnet werden. Da das Geld von den jüdischen Sperrkonten in die Staatskasse floss, waren diese Stellen daran interessiert, dass die Firmen nicht gänzlich zu Spottpreisen den Besitzer wechselten.

Blick in alte Akten

Lorenz ist nicht nur der Familiengeschichte vieler jüdischer Tuchunternehmer nachgegangen. Er hat auch Teile der Akten des Aachener Wiedergutmachungsamtes eingesehen. Vor dieser Abteilung des Amtsgerichts wurden ab Ende der 40er Jahre Klagen von Holocaust-Überlebenden auf Entschädigung für das ihnen unter Zwang entzogene Vermögen verhandelt. „Schon ein oberflächlicher Blick in die Akten offenbart den empörenden Umgang mit den Anträgen der jüdischen Opfer“, sagt Lorenz.

Immer wieder bestreiten in den Verfahren die Profiteure der Arisierungen, dass die Verkäufe unter Zwang stattgefunden haben. Ein Unrechtsbewusstsein fehlt ihnen völlig. Allenfalls gestehen die Beklagten ein, dass sie vielleicht etwas zu wenig Geld gezahlt hatten. Viele feilschen wie auf einem Basar. Die einen geben an, von den Opfern nur minderwertige, so gut wie wertlose Lagerbestände aufgekauft zu haben. Andere erklären, die von ihnen übernommenen Immobilien und deren Mobiliar seien in einem äußerst schlechten Zustand gewesen.

Meist enden die Verfahren mit einem Vergleich. Das Wiedergutmachungsamt drängt auf schnelle Einigungen. Offenbar will die Behörde den Wiederaufbau nicht stören und die neuen Besitzer der alten jüdischen Immobilien und Unternehmen „unbelastet“ möglichst schnell in die neue bundesrepublikanische Normalität entlassen.

Leidtragende sind wieder die beraubten Juden. „Die den Familien zugesprochenen Entschädigungen stehen nahezu durchgängig in keinem Verhältnis zu dem, was ihnen entzogen wurde“, sagt Lorenz. „Eine der wenigen rühmlichen Ausnahme war der Chefarzt des Marienhospitals, der das vom jüdischen Texilunternehmer Hermann Heinemann für 52.000 Reichsmark erworbene Haus in der Goldbachstraße 4 noch einmal mit 52.000 DM entschädigte.“

Der Exodus wirkte nach

Nur wenige Juden beharren damals darauf, ihre Immobilien und Firmen zurückzuerhalten. Die meisten wollen nicht in das Land der Täter zurückkehren.

Eine Ausnahme sind die Nachfahren des 1944 in den USA verstorbenen Paul Königsberger. Sie drängen erfolgreich auf eine Rückübertragung des alten Firmenbesitzes, führen das Tuchunternehmen in Aachen zunächst bis in die 50er Jahre weiter, um es dann tatsächlich zu verkaufen — wohl auch, weil sie sich in Deutschland nicht mehr heimisch fühlen konnten.

Für das Wirtschaftsleben der Stadt hatte der Exodus der jüdischen Unternehmerfamilien langfristige Folgen. „Mit ihnen ist der Tuchindustrie sehr viel Fachwissen und Kreativität verloren gegangen“, sagt Lorenz. „Das hat den Niedergang der Branche in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sicherlich erheblich beschleunigt.“

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