Abgase: Wie schädlich sind Stickoxide wirklich?

Abgase : Wie schädlich sind Stickoxide wirklich?

Der Grenzwert von 40 Mikrogramm macht einigen Städten zu schaffen – aber wie ist der Wert überhaupt zu Stande gekommen? Und wie gefährlich sind die Abgase überhaupt?

Vergangenes Frühjahr saß Dieter Köhler in einem Studio des Südwestrundfunks und erklärte den Hörern von SWR 1, dass der Kampf gegen die Diesel-Fahrzeuge in Deutschland ideologisiert sei, dass die EU-Grenzwerte wissenschaftlich nicht haltbar und aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar seien. Wäre Köhler einer der Autolobbyisten, die sich öffentlich zum Thema äußern, wäre sein Interview kaum der Erwähnung wert gewesen, aber Köhler ist emeritierter Medizin-Professor und ehemaliger Leiter einer Lungenfachklinik im Sauerland. Köhler ist jemand, der beurteilen kann, welche Schadstoffbelastungen für den Menschen gefährlich sind und welche nicht.

In einem Beitrag für das „Ärzteblatt“ konkretisierte Köhler im September: „Es drängt sich (…) der Eindruck auf, dass“ die in mehreren Studien erhobenen Daten zur Festlegung der EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) „im Sinne einer Erwartungshaltung ausgewertet worden sind“ – und einer „ausreichenden wissenschaftlichen Basis“ entbehrten.

Zwar schafften es Köhlers Thesen bislang nicht in die politische Debatte, aber immerhin stellen einige Medien inzwischen die Frage, wie die Grenzwerte überhaupt zustande kamen, auf deren Grundlage in manchen deutschen Städten mittlerweile Diesel-Fahrverbote verhängt werden. Der Leiter des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle, Alexander Kekulé, bezeichnete die Entstehungsgeschichte des in der EU-Richtlinie 1999/30/EG festgelegten NO2-Grenzwerts von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft in einem Beitrag für die „Zeit“ Anfang November als „bizarr“. Grob zusammengefasst geht sie etwa so:

Die EU hatte 1993 entschieden, sich ehrgeizigere Ziele beim Umweltschutz zu setzen. Der Richtwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für NO2 lag damals bei 150 Mikrogramm – ähnlich hoch wie in Europa. Die WHO erstellte im Auftrag der EU eine neue Analyse, die eine Senkung der Grenzwerte rechtfertigen sollte. Dabei fassten die WHO-Mitarbeiter die Ergebnisse älterer Studien zusammen, in denen es vor allem um die Wirkung der Emission von Gasherden auf die Atemorgane von Kindern ging.

Ein Vorgehen, das „in dieser Form keine brauchbaren Ergebnisse lieferte“, sagte Kekulé Ende November im Gespräch mit der „Welt“. „Weil die Datengrundlage schwach war, schätzten die Gutachter einfach, dass ein Gasherd die mittlere jährliche NO2-Konzentration im Haushalt auf ungefähr 40 Mikrogramm erhöht. Dieser Wert wurde dann als Richtwert vorgeschlagen“ – und von der EU als Grenzwert für die NO2-Belastung im Freien übernommen. Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA, die nicht im Ruf steht, übermäßig viel Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen zu nehmen, erfuhr von den Ergebnissen der WHO – und übernahm den 40-Mikrogramm-Wert nicht. In den USA gilt weiterhin ein Grenzwert von 100 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft.

Nur verifizieren, nicht falsifizieren

Lungenfacharzt Köhler kritisiert vor allem, dass die Studien, die auch die WHO auswertete, nur verifizieren, nicht falsifizieren würden, aus Korrelationen also Kausalitäten konstruieren. Wie problematisch ein solches Vorgehen ist, veranschaulichte Köhler im „Ärzteblatt“ mit folgendem Beispiel: Die Zunahme der Lebenserwartung zwischen 1950 und 2013 korreliere stark mit der Zunahme der im selben Zeitraum zugelassenen Autos. Daraus aber eine Kausalität abzuleiten, also zu behaupten, dass man nur mehr Autos zulassen müsse, um die Lebenserwartung weiter zu erhöhen, „ist natürlich nicht plausibel“, schrieb Köhler.

Um den EU-Grenzwert für NO2 von 40 Mikrogramm ins Verhältnis zu setzen, wies Köhler darauf hin, dass der Raucher einer Zigarette etwa 1000 Mikrogramm NO2 inhaliert. Der vorgeschriebene Grenzwert für NO2-Belastung am Arbeitsplatz liege in Deutschland bei 950, in der Schweiz bei 6000 und in den USA bei 9500 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Und jedenfalls in der Schweiz sei die Lebenserwartung höher als in Deutschland. Denn „die anderen starken Einflussfaktoren (insbesondere Rauchen, Hypertonie, Alkoholkonsum, sportliche Aktivität, Impfverhalten)“ hätten oft „50- bis 1000-mal“ größeren Einfluss auf die Sterblichkeit als die NO2-Belastung.

Die Düsseldorfer Professorin für Umweltepidemiologie Barbara Hoffmann ist dennoch der Auffassung, dass der EU-Grenzwert für NO2 noch zu hoch sei. Sie vertritt die Auffassung, dass der NO2-Grenzwert nur ein Indikator für weitere Schadstoffe sei, die in Autoabgasen enthalten seien: unter anderem Ultrafeinstäube, Ruß und krebserregende Kohlenwasserstoffe. „Wir wissen aus Studien, dass es auch unterhalb des jetzigen Grenzwerts von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter erhebliche Gesundheitseffekte durch Verkehrsabgase gibt“, sagte Hoffmann der „Zeit“. Ähnlich äußerte sich auch Alexander Kekulé.

Am Ende seines SWR-Interviews stellte Köhler vergangenes Frühjahr fest, dass die heutige Wissenschaftlergeneration sich schwer damit tue, einmal aufgestellte eigene Hypothesen später wieder infrage zu stellen. Dass Köhler bislang der einzige namhafte deutsche Arzt ist, der sich an der emotional geführten Debatte um Fahrverbote und Grenzwerte einbrachte, könnte allerdings noch einen anderen Grund haben. Köhler ist 70 Jahre alt und seit 2013 im Ruhestand. Medizin-Professoren und andere Wissenschaftler, die noch arbeiten und möglicherweise etwas zu verlieren haben, sind bei öffentlichen Äußerungen deutlich zurückhaltender, wie auch unsere Zeitung in den vergangenen Wochen festgestellt hat.

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