Jülich: Wie evakuiert man eine ganze Region?

Jülich : Wie evakuiert man eine ganze Region?

Es ist der größte anzunehmende Unfall in der Region: Ein schwerer Störfall im als Pannenreaktor bekanntgewordenen Kernkraftwerk im belgischen Tihange. Mit dem in der Region üblichen Westwind und einer Windgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde dauert es nicht viel mehr als vier Stunden, bis die radioaktiven Wolken Aachen erreichen.

„Jeder, der ein Auto zur Verfügung hat, versucht dann, die Region so schnell wie möglich zu verlassen“, sagt Stefan Holl. „Das führt unweigerlich dazu, dass die Autobahnen sehr schnell verstopft sind und nichts mehr geht. Deswegen schauen wir auf die Bahnhöfe.“

Holl ist Wissenschaftler, arbeitet am Forschungszentrum Jülich im Bereich für Zivile Sicherheitsforschung. Er leitet das vom Forschungsministerium mit 1,1 Millionen Euro geförderte Projekt, bei dem mit Computersimulationen ermittelt werden soll, wie ein großer Bahnhof ausgestattet sein muss, damit das schnelle Evakuieren möglichst vieler Menschen klappt. Bisher gibt es einen solchen großen Notfallplan nicht.

Loveparade-Unglück prägt Arbeit

In den vergangenen Jahren waren das Gedränge einer Menschenmasse vor einem Ein- beziehungsweise Ausgang oder die Sicherheitskonzepte für Großveranstaltungen wie die Dürener Annakirmes das Thema der Jülicher Forschungsgruppe. Das Unglück bei der Loveparade in Duisburg 2010 beispielsweise, bei dem 21 Menschen im Gedränge starben, hat die Arbeit der Gruppe geprägt. Nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima 2011 haben die Innenminister der Länder beschlossen, dass die Notfallpläne in Deutschland überarbeitet werden müssen.

Das große Ganze soll betrachtet werden: Wie schafft man es am besten, eine ganze Region so schnell wie möglich zu evakuieren, falls ein nuklearer Super-Gau eintritt, ein Chemieunfall oder eine Naturkatastrophe? In wenigen Wochen soll die Arbeit beginnen, an deren Ende ein Evakuierungskonzept stehen soll, in dem Bahnhöfe die wichtigste Rolle haben. „Es geht dabei nicht darum, einen Bahnhof so schnell wie möglich zu evakuieren. Wir wollen simulieren, wie wir so effektiv wie möglich so viele Menschen wie möglich über einen Bahnhof aus dem betroffenen Gebiet herausbringen können“, sagt Projektkoordinator Holl.

Obwohl es um das große Ganze eines Super-Gaus geht, konzentrieren sich die Forscher auf einen Teilaspekt — den Bahnhof selbst. „Wie die Menschen bis zur Türe des Bahnhofs kommen — diese Simulation ist mit allen Details nicht möglich. Für die Reise zum Bahnhof können wir im Moment nur auf den gesunden Menschenverstand verweisen“, sagt Holl. Als Gegenstand der Simulation haben sich die Forscher für den Dortmunder Hauptbahnhof entschieden. Der habe mit 130 000 Reisenden pro Tag eine hohe Grundlast. In seinem Einzugsgebiet leben fünf Millionen Menschen. Deswegen Dortmund.

„Die Ergebnisse unserer Simulation sind dann auch auf Aachen und jeden anderen größeren Bahnhof anwendbar“, erklärt Holl. Versuche mit vielen Menschen, die den Dortmunder Hauptbahnhof stürmen, sind nicht geplant. Stattdessen führen die Forscher die Ergebnisse aus bisherigen Detailstudien zusammen.

In vorangegangenen Studien haben die Forscher sich damit beschäftigt, bei welcher Dichte an Menschen sich Einzelpersonen noch mit welcher Geschwindigkeit bewegen können. Wie müssen Türen und Schleusen beschaffen sein, damit sie ohne Gedränge und schnell passiert werden können? Wie müssen Schilder und Wegweiser auf dem Boden aussehen, damit sie auch von panischen Menschen noch wahrgenommen werden? Wie viele Menschen passen gleichzeitig in den jeweiligen Bahnhof, ohne dass es zu einem Rückstau kommt, weil die Treppen überlastet sind?

In Absprache mit der Deutschen Bahn wollen Verkehrsforscher der Hochschule Bochum abschätzen, wie viele Züge in den Bahnhof einfahren können, wie lange diese dort halten müssen, bis alle eingestiegen sind. „Im Moment ist ein Bahnhof beim Evakuieren einer ganzen Region noch ein Nadelöhr. Das wollen wir ändern“, sagt Holl.

Die Antworten sollen dann in Summe dafür sorgen, dass eine Blaupause entsteht für einen Bahnhof als ideale Anlaufstelle im Fall einer Evakuierung. Die Blaupause geben die Forscher weiter in Form eines neu entwickelten und frei verfügbaren Simulationsprogramms, etwa an die Bahn. Die Förderung des Forschungsministeriums läuft über drei Jahre.

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