Aachen/Riedlingen: „Wider den tierischen Ernst“: Traditionen prallen aufeinander

Aachen/Riedlingen : „Wider den tierischen Ernst“: Traditionen prallen aufeinander

Für Schwaben ist das Rheinland Brauchtums-Ausland. Im Karneval umso mehr. Denn während die Rheinländer sich in der fünften Jahreszeit einfach ein buntes Hütchen aufsetzen und losschunkeln, ist der Fastnachts-Humor in Baden-Württemberg von einer traditionellen Ernsthaftigkeit geprägt.

Beim Aachener Orden wider den tierischen Ernst prallen am Samstag, 27. Januar, beide Traditionen aufeinander: Winfried Kretschmann, Ministerpräsident im Südwesten und eingefleischter Narr, wagt sich in die Bütt. Grund genug für einen Blick auf einige Kuriositäten in beiden Traditionen.

Häs oder Häschen? Das Häs, also das Kostüm, ist das Entscheidende für einen schwäbisch-alemannischen Narren: Oft orientiert es sich an jahrhundertealten Vorbildern, wird in kunstvoller Handarbeit hergestellt und kann so einige tausend Euro kosten. Die Larve, also die handgeschnitzte Holzmaske, muss in Fastnachtshochburgen wie Rottweil erst einmal das strenge Prüfverfahren der Zunft überstehen - denn nichts soll die Tradition des berühmten Narrensprungs verwässern. Und im Rheinland? Da ist das Häs oft genug ein Häschen. Der Overall aus Plüsch mit langen Ohren ist in Kostümgeschäften ab 25 Euro zu haben. Echte Karnevals-Fans geben sich mit ihrem Kostüm allerdings sehr viel Mühe und würden niemals etwas fertig kaufen.

Süß oder herzhaft? Der Rheinländer mag es im Karneval süß: Tonnen von Kamelle werden bei den Rosenmontagsumzügen ins jecke Publikum geworfen. Schwäbisch-alemannische Narren mögen es da auch gerne herzhaft: Kretschmann zum Beispiel isst zur Fastnacht am liebsten Froschkutteln. Das ist das traditionelle Gericht seiner Narrenzunft Gole im oberschwäbischen Riedlingen. Dort geht es urig-derb zu, Frauen sind von dem traditionellen Mahl bis heute ausgeschlossen. Und bevor die Rheinländer das Würgen kriegen: Froschkutteln sind eine Suppe aus Rinderinnereien.

Bützje oder Saublodere? Man hakt sich ein, rückt zusammen und gibt sich auch gerne mal ein Küsschen auf die Wange. Bützje gehören zum rheinischen Karneval einfach dazu. Und im Schwäbisch-Alemannischen? Da bekommt man auch öfters mal was auf die Wange, aber anders: Im Rottweiler Narrensprung stürmt der Federahannes auf die Zuschauer zu und zieht ihnen ein dubios parfümiertes Kalbsschwänzle durchs Gesicht. Bei manchem Fastnachtszug werden junge Frauen auch mit einer Saublodere (der aufgepumpten Blase eines Schweins) oder einem Farrenschwanz (dem gedürrten Penis eines Ochsen) im Gesicht geneckt.

Feiner Humor oder Pointen mit Tusch? Die Rosenmontagszüge sind zwar Publikumsmagnete, aber das eigentliche Herz des rheinischen Karnevals sind bis Weiberfastnacht die Saalveranstaltungen. Redner gehen in die Bütt, nehmen die große Politik aufs Korn - und nach jeder Pointe spielt die Kapelle einen Tusch und das Publikum lacht. Diese Art von Humor ist manchem schwäbisch-alemannischen Narren wohl eher suspekt. Fastnacht feiert man auf der Straße und im Wirtshaus. Bei den wenigen Saalveranstaltungen, etwa bei den Narrengerichten, ist der Humor ein anderer als im Rheinland: „Da herrscht nicht so eine hohe Schlagzahl bei der Gag-Abfolge, der Humor ist feingeistiger und weniger beliebig”, sagt der Kölner Karnevals-Experte und Buchautor Wolfgang Oelsner.

Nun also kommt Kretschmann mit seinem schwäbischen Temperament in den rheinischen Karneval. Im Aachener Narrenkäfig sind schon manche Politiker mit einer um Witzigkeit bemühten Rede gescheitert. Dass das dem eingefleischten Narren aus Baden-Württemberg passiert, glaubt der Freiburger Kulturanthropologe und Fastnachtsspezialist Werner Mezger aber nicht. „Ein eher etwas schwerzüngiger Schwabe im zungenfertigen Rheinland - aus dieser Diskrepanz der Mentalitäten kann sich etwas sehr Witziges entwickeln.”

(dpa)
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