Werke des Aachener Bildhauers Bonifatius Stirnberg kennt fast jeder

Aachen : Der Aachener Bildhauer, der mit Bronze Geschichten erzählt

Warmer Schal, dicke Schuhe, Kappe — der in Aachen lebende, international bekannte Bildhauer Bonifatius Stirnberg ist es gewohnt, in seiner kalten, staubigen Werkstatt zu arbeiten, umgeben von Werkzeug, hartem Material, halbfertigen Skulpturen, schimmernder oder rauer Bronze. Sie wird erst ganz zum Schluss, wenn eine Figur ihr „Leben“ beginnt, schön glatt schimmern.

Am Dienstag feiert Stirnberg, der in Freienohl im Sauerland geboren wurde, aber 1953 zum Besuch der Werkkunstschule nach Aachen kam, seinen 85. Geburtstag. Den Jubeltag wird er in der Werkstatt verbringen, der Herzkammer seiner Arbeit, in der seine einzigartigen Werke entstehen. „Freunde und Mitarbeiter werden mit mir frühstücken, darauf freue ich mich schon sehr“, sagt der Künstler strahlend.

Dann wird er arbeiten — wie immer. „Ein bisschen habe ich mich kürzlich aber doch verhoben“, meint er nachdenklich und zeigt auf seine neueste Skulpturengruppe: zwei handfeste Burschen in schweren Schuhen, Holzfäller, die mit ihren Ziehhaken drei Baumstämme bewegen. Sie erinnern an alte Zeiten, wo statt des Schutzhelms ein Trachtenhütchen auf dem Kopf saß, in Lederhosen und Strickjacke gearbeitet wurde.

Das Ganze ist lebensnah und 300 Kilogramm schwer. In wenigen Wochen werden die „Holzfäller“ nach Immenstadt ins Allgäu reisen und vor dem „Grünen Zentrum“ ihren Platz finden. „In diesem Gebäudekomplex ist unter anderem das Amt für Forstwirtschaft untergebracht“, erzählt Stirnberg, der in historischen Büchern geforscht hat, um die Figuren stilecht zu gestalten.

Bewegliche Elemente

Rund 200 Großprojekte von Bonifatius Stirnberg gibt es in Deutschland und im Ausland — sie schmücken den öffentlichen Raum. Darunter sind immer wieder Brunnen, deren Figuren bewegliche Elemente haben und dadurch ein besonderes Eigenleben entwickeln, zu seinem Markenzeichen geworden. Bereits 1967 hatte Stirnberg eine Skulpturengruppe mit beweglichen Elementen entworfen, sie wurde erst 1975 als „Puppenbrunnen“ an der Aachener Krämerstraße realisiert. Damit begann die Erfolgsgeschichte des Bonifatius Stirnberg. 1973 hatte er sich ein eigenes Atelier mit angeschlossener Bronzegießerei eingerichtet. Und ruckzuck waren Städte und Gemeinden nah und fern begeistert von seiner „Kunst zum Anfassen“.

Jeder Brunnen, jede Gruppe mit Personen oder Tieren erzählt eine Geschichte, die stark mit der Geschichte des jeweiligen Standorts verbunden ist. In Monschau sind es die präzisen Darstellungen des Weberhandwerks, in Alsdorf die Lore aus dem Bergbau, in Aachen die Pferde vor dem Hauptbahnhof, in Würselen der Brunnen, der an die Tradition der „Jungenspiele“ erinnert, in Jever die Sagen der Region, und im Allgäu steht sogar ein „Amtsschimmelbrunnen“.

Jeder Arbeit gingen und gehen intensive Recherchen voraus. Was ist den Auftraggebern wichtig? Was hat sich im Ort ereignet? Was werden Brunnen oder Platzgestaltung mit den Menschen zu tun haben? Mit der Zeit ist so eine Art „bronzenes Geschichtsbuch“ entstanden — mit vielen Gestalten und besonderen Typen. Hier und da hat Stirnberg kleine ironische Anspielungen untergebracht, für Gesichter gesorgt, die einem bekannt vorkommen könnten, Gänsen Hüte aufgesetzt, und in Heinsberg Ratten sogar Narrenkappen.

Bei Joseph Beuys gelernt

Und dann gibt es da noch die Kunst des anderen Stirnberg, Werke eines Künstlers, der auch ganz anderes gestaltet, vielfach Stücke, die er noch nie ausgestellt hat, Stücke, die er nur für sich hergestellt hat. Wie die gelenkige Ballerina mit einem Tütü aus Edelstahl oder zweimal sechs übereinandergestapelte Bronze-Stühle, die aussehen, als ob sie schmelzen: „die Lebensstationen von Mann und Frau“, beschreibt Stirnberg sie. Sogar ein Stuhl mit rundem Babybauch ist dabei.

In seinem Atelier arbeitet Stirnberg nicht allein. „Ich habe sogar noch sechs Schüler, die mich immer wieder überraschen“, sagt er. Ein Objekt bewegt den Künstler zurzeit besonders: ein Brunnen für einen Kunden aus Köln. „Der Mann ist Syrer. Sein Sohn war Kommilitone meines Sohnes, er ist mit einer Deutschen verheiratet“, berichtet Stirnberg, der den Brunnen als Symbol für das Zusammenwachsen von drei großen Religionen — Christentum, Judentum, Islam — geschaffen hat: Drei gleich gestaltete Figuren tragen das jeweilige Zeichen ihrer Religion auf der Brust — Kreuz, Stern und Halbmond. „Sie stehen auf dem Brunnen und halten sich an den Händen“, sagt Stirnberg. In der Mitte wird ein Olivenbaum wachsen — in einem bronzenen Behälter.

In Stirnbergs Arbeiten verbinden sich Kreativität, Kraft und Perfektion. Er weiß, dass er sich trotzdem künstlerische Freiheiten leisten darf und muss. Das hat er an der Kunstakademie Düsseldorf gelernt, bei Joseph Beuys, bei dem Stirnberg nach Holzbildhauer- und Tischlerlehre studierte.

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