Marvin H. vor Gericht: Wenn sich immer alles um Autos dreht

Marvin H. vor Gericht : Wenn sich immer alles um Autos dreht

Normalerweise haben Verhandlungen vor dem Amtsgericht keine große Öffentlichkeit. Die Fälle sind oft nicht übermäßig spektakulär, die Strafen niedrig. An diesem Mittwochmittag aber sind die Medien vor Ort, als das Jugendschöffengericht in Aachen tagt. Das liegt an einem der Angeklagten: Marvin H. ist der Verursacher des schweren Unfalls kurz vor Weihnachten in Stolberg, bei dem fünf Menschen starben.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 21-Jährigen seitdem wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des öffentlichen Straßenverkehres.

An diesem Tag geht es am Amtsgericht aber nicht um den Unfall, sondern um andere Delikte, auch sie haben irgendwie mit Autos zu tun. Weil Marvin H. im Sinne des Gesetzes noch ein Heranwachsender ist, wird vor dem Jugendschöffengericht verhandelt, obwohl die mitangeklagten Angelo E. und Haris K. schon 23 Jahre alt sind.

Die Folgen des Unfalls kurz vor Weihnachten sind noch erkennbar: Marvin H. betritt den Gerichtssaal auf Krücken, der Kapuzenpullover ist tief ins Gesicht gezogen. Er macht in dem Verfahren bislang keine Angaben, auch nicht zur Person. Für ihn redet nur sein Anwalt. Die Angeklagten Marvin H., Angelo E. und Haris K. sind befreundet, sie verbindet eine gemeinsame Leidenschaft: Autos.

In einer langen Nacht im November 2018 jedenfalls haben Marvin H. und Haris K. einen ziemlich handfesten Krach in der Aachener Diskothek Starfish, der Anlass lässt sich nicht mehr ermitteln. Das Bier ist verbilligt an diesem Abend, ein Alkoholtest bei Haris K. gegen 4.20 Uhr ergibt etwa 1,5 Promille, er kommt ins Polizeigewahrsam. Zuvor ist er nach einem Streit mit seinem Kumpel Marvin H. aus der Diskothek geflogen. Er kassiert ein paar Schläge von Marvin H., dem nun Körperverletzung vorgeworfen wird, obwohl Haris K. sagt, nicht verletzt worden zu sein. „Aus Rage habe ich danach gegen das Auto getreten“, sagt der Gelegenheitsarbeiter Haris K. aus. Der Wagen ist der gepflegte SUV seines Freundes Angelo E., der an dem Streit unbeteiligt war. Die Reparaturkosten wurden auf 7400 Euro taxiert, Haris K. ist der Sachbeschädigung verdächtig.

Der Fall ist unstrittig, der zweite eher kompliziert. An einem Freitagabend im Januar 2018 trifft sich eine Gruppe von Autofans – darunter die drei Angeklagten – auf dem Aachener Lousberg. Die Wagen werden zwischen Absperrpollern auf eine Aussichtsplattform gelenkt. Das ist die Kulisse für Auto-Fotos, die an diesem Abend dort entstehen. Später aber gibt es ein Opfer.

Ein 25-Jähriger ist an diesem Abend am Lousberg erstmals mit einer jungen Frau verabredet, die die Ex-Freundin von Marvin H. ist. Der 25-Jährige ist nicht ortskundig, lässt sich via Handy von der jungen Frau bei seiner Wanderung den Berg hinauf lotsen. In einer Kurve wartet er auf die erste Begegnung, stattdessen tauchen drei Männer auf und umzingeln ihn. „Ich wurde in eine Falle gelockt“, vermutet er.

Der 25-Jährige registriert, wie die Männer Schlagstöcke herausholen, er wird als „gottverdammter Hurensohn“ beleidigt, sagt er aus. Er registriert, wie jemand hinter ihm ausgeholt habe, „und dann bin ich um mein Leben gelaufen“, sagt er. Erkannt hat er an diesem Abend nur Angelo E., mit dem ihn eine alte Geschichte verbindet. Ein paar Jahre zuvor, war er mit dessen Freundin für ein paar Tage zusammen, danach brüstete er sich wohl mit seinen amourösen Erlebnissen. Ist das die späte Rache?

Das Urteil könnte nächsten Mittwoch fallen.

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