Aachen: Wenn Nieren das Herz in Gefahr bringen

Aachen : Wenn Nieren das Herz in Gefahr bringen

Bei Patienten, die unter einer chronischen Nierenerkrankung leiden, erhöht sich das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko um bis zu 50 Prozent im Vergleich zu anderen Menschen. Wie kommt es zu diesen auffallenden und gefährlichen Veränderungen im Herz-Kreislaufsystem?

Die diesen Veränderungen zugrunde liegenden Mechanismen stehen im Mittelpunkt eines Sonderforschungsbereichs, bei dem Wissenschaftler des Universitätsklinikums der RWTH Aachen und des Universitätsklinikums Homburg gemeinsam herausfinden wollen, welche Zusammenhänge zwischen beiden Erkrankungsformen bestehen und wie man gravierende Folgen frühzeitig vermeiden kann.

Das Projekt „Mechanismen kardiovaskulärer Komplikationen bei chronischer Niereninsuffizienz“ hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft für die ersten vier von insgesamt zwölf Jahren mit einem Budget von zehn Millionen Euro ausgestattet. Es steht unter der Leitung von Professor Joachim Jankowski vom Lehrstuhl für Molekulare Herz-Kreislaufforschung der Uniklinik geleitet wird.

Blutdruck ist stark erhöht

Im Rahmen umfangreicher klinischer Studien werden zunächst Veränderungen der Nieren, im Blut, im Herzen und in den Gefäßen ausfindig gemacht, die die Ursachen von Erkrankungen sind. Ziel ist es jetzt, durch Ergebnisse des Sonderforschungsbereiches neue Therapien zu entwickeln.

Die Forscher sind dabei besonders Veränderungen in den Zellen bei chronischer Niereninsuffizienz auf der Spur. „Unter anderem zerstört überhöhter Blutdruck Zellen in den Nieren“, erklärt Jankowski. „Dadurch wird die Filtrationsleistung der Nieren beeinträchtigt, und es entwickelt sich die chronische Niereninsuffizienz.“

Bereits im Alter ab 45 Jahre leidet ein Großteil der Bevölkerung unter einem erhöhten Blutdruck, was den Betroffenen oft nicht bewusst ist — ein großes Gesundheitsrisiko. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden 18 Teams Erkenntnisse aus Kardiologie, Nephrologie, Biophysik und Molekularbiologie zusammentragen, um die Ursachen der Erkrankung zu finden. „Wir müssen unbedingt Diagnose und Therapie der Erkrankung verbessern“, sagt Jankowski. „Für einen Großteil der Betroffenen ist sie lebensbedrohlich.“

Die Erkenntnis, dass sich der Anteil der Stoffwechselprodukte im Blut erhöht, wenn die Nieren Probleme haben, ist nicht neu. „Aber es gibt keinen Marker, der uns ein Frühstadium anzeigt, und wir kennen auch nur wenig über die Ursachen der Erkrankung“, berichtet Jankowski. Tatsache ist: Die Ursachen für eine Niereninsuffizienz sind letztlich nicht bekannt. „Den Patienten geht es eigentlich nie gut, die hohe Toxinkonzentration im Körper wirkt sich aus“, weiß der Wissenschaftler. „Unsere Aufgabe ist es in diesem Projekt, die molekularen Mechanismen zu finden, die verantwortlichen Substanzen zu ermitteln“, erklärt er. Man will den Vorgängen in den Zellen auf die Spur kommen, die sich offensichtlich von denen bei „normalen“ Patienten unterscheiden — also jenen rund 26 Prozent, die zwar ein Gefäßproblem, jedoch gesunde Nieren haben.

Bislang gibt es keine Therapie

Über 15.000 Patienten werden in die Studien einbezogen, eine ungewöhnlich große Zahl, wie Jankowski betont. Zu den Gemeinsamkeiten bei allen Betroffenen gehört die Verkalkung der Gefäße. Bisher gibt es keine Therapie, die Gefäßverkalkung stoppt oder sogar aufhebet. „Wir brauchen dringend neue Therapieansätze“, fordert Jankowski, der etwa die Frage stellt, warum ein Infekt bei Menschen mit Nierenerkrankungen die Blutgerinnung verändert und sogar zum Verstopfen der Gefäße führen kann.

Erstes Forschungsergebnis: „Es gibt molekulare Veränderungen im Blutplasma“, verrät der Wissenschaftler. Genauer gesagt: Proteine (Eiweiße) verändern sich durch die Toxine, die bei der Nierenerkrankung vermehrt auftreten.

Ganz vorn dabei: Das Bluteiweiß Albumin, das den größten Anteil der Bluteiweißstoffe bildet. „Wenn sich die Toxine mit dem Eiweiß verbinden, wird die Funktion des Albumins beeinträchtigt.“ Und das ist schlecht, denn Albumin hat unter anderem die Funktion, eine Anzahl verschiedener Stoffe wie Fette, Hormone, Vitamine und Mineralstoffe zu binden und abzutransportieren beziehungsweise in die Blutbahn zu schicken. „Unser Ziel ist es, herauszufinden, was bei Nierenkranken nicht mehr stimmt.“

Auf dem Prüfstand stehen zudem das HDL-Cholesterin, das oft als „gut“ und das LDL-Cholesterin, das als „schlecht“ gilt. Erstes Ergebnis: Die Wirkung kehrt sich bei Nierenpatienten um, das HDL-Cholesterin ist schädigend. „Wenn wir dort ein Frühstadium ermitteln, also eine HDL-Veränderung, könnte das ein wichtiger Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Nieren- und Gefäßerkrankung sein, und das zu einem sehr frühen Zeitpunkt.

Auch das Kollagen verändert sich, das müssen wir uns anschauen“, meint Jankowski. Die Verbindung von Nieren- und Herzinsuffizienz ist für ihn nicht zuletzt das „Modell beschleunigten Alterns“.

Neue Therapieansätze bei chronischer Niereninsuffizienz könnten auch neue Ansätze zur Behandlung von lebensbedrohlichen Herz-Kreislauferkrankungen bei Menschen sein, die gesunde Nieren haben.

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