Schulfahndung: Wenn Lehrer Missbrauchsopfer erkennen

Schulfahndung : Wenn Lehrer Missbrauchsopfer erkennen

Es ist ein außergewöhnlicher Schritt, den Ermittler seit einigen Jahren gehen. Sie nutzen Fotos von Missbrauchsopfern und zeigen sie Lehrern und Lehrerinnen. Sie sollen dabei helfen, anhand der Gesichter – denn natürlich sind es keine pornografischen Bilder – die Täter zu finden.

Die sogenannte Schulfahndung ist sehr erfolgreich. 80 Prozent der Fälle, in denen andere polizeiliche Ermittlungen die Beamten nicht weiterführen, führen zu einem Verdächtigen, erklärt die bundesweit zuständige Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, an der die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) angesiedelt ist.

Rücklaufquote variiert in Ländern

Die Rücklaufquoten aus den Bundesländern variieren aber. Das liegt auch an der Art, wie den Lehrern die Fotos gezeigt werden. Während in Hessen Polizisten in die Schulen gehen, müssen Lehrer in Nordrhein-Westfalen die Daten erst herunterladen. Dabei kann jeder Hinweis einen potenziellen Vergewaltiger stellen. Der jüngste Ermittlungserfolg verdeutliche, wie wichtig das Instrument der sogenannten Schulfahndung bei der Identifizierung von Opfern sexuellen Missbrauchs sei, erklärt Georg Ungefuk, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Frankfurt, auf Anfrage.

Dieser jüngste Fahndungserfolg datiert von Ende Januar und zeigt beispielhaft, wie das Instrument der Schulfahndung funktioniert. Die Polizei konnte einen 49-jährigen Mann festnehmen, der im Verdacht steht, seine neunjährige Tochter mehrfach schwer sexuell missbraucht zu haben. Außerdem soll der Mann aus aus dem Main-Kinzig-Kreis in Hessen Aufnahmen des sexuellen Missbrauchs über eine US-amerikanische Chatplattform Dritten zugänglich gemacht haben, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt mitteilte.

Nachdem die gängigen polizeiliche Ermittlungen ergebnislos verlaufen waren, wurde die ZIT eingeschaltet. Diese Sondereinheit ist seit 2010 federführend bei Verbrechen im Netz. In dem Fall des neunjährigen Mädchens gab es Anhaltspunkte, die dafür sprachen, dass der Tatort in Hessen sein müsse. Deshalb wurde auch nur in Hessen eine Öffentlichkeitsfahndung an Schulen eingeleitet, die Schulfahndung. „Wenn wir Hinweise auf den Tatort haben, können wir die Fahndungen einschränken. Gibt es diese Hinweise nicht, ermitteln wir bundesweit“, erklärt Ungefuk. Könne man das Alter des Missbrauchsopfers eingrenzen, könne man auch die Schulform eingrenzen, erklärt Ungefuk weiter. In dem jüngsten Fall der Neunjährigen wurden deshalb nur Grundschullehrer einbezogen. „Der Hinweis einer Lehrkraft führte schließlich zur eindeutigen Identifizierung des Opferkindes und des Beschuldigten.“ Der Mann sitzt nun in Untersuchungshaft.

Seit Dezember läuft auch in Nordrhein-Westfalen eine Schulfahndung. Ob diese Fahndung nur in NRW oder bundesweit läuft, konnten die Beamten aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.  Im Februar hat das NRW-Schulministerium die Schulen in einem Brief, der unserer Zeitung vorliegt, erneut aufgefordert, die entsprechenden Bilder herunterzuladen. Die Rücklaufquote lag im Februar – zwei Monate also nach Beginn der Fahndung – bei 80 Prozent. Wie das Landeskriminalamt auf Anfrage mitteilte, beliefen sich die Downloadzahlen kurz darauf immerhin auf beinahe 90 Prozent. Das Versenden der Briefe sei eine Maßnahme, um die Rücklaufquote zu verbessern, erklärte LKA-Sprecher Frank Scheulen unserer Zeitung.

Beamte gehen in Schulen

In Hessen gehen die Polizeibeamten in die Schulen und zeigen dem Lehrerkollegium die Bilder der Kinder. Die Rücklaufquote dort liegt natürlich bei hundert Prozent, weil die Polizisten jeden Lehrer befragen und notfalls mehrfach wiederkommen, erklärt Ungefuk. Hessen sei allerdings auch ein kleineres Land als Nordrhein-Westfalen. Abhängig von der Schulform, der ein abgebildetes Kind zugeordnet werden kann, werden in NRW bis zu 6130 Schulen eingebunden. „Der Zeitaufwand für Terminierung und Durchführung persönlicher Besuche – und pro Schule seien mindestens zwei Besuche notwendig –  entfällt“, sagt Scheulen. Eine exakte Übersicht, wie die Bundesländer die Schulfahndung handhaben haben weder das ZIT noch das BKA. Scheulen verteidigt die Methode in NRW: „In der überwiegenden Mehrzahl der Bundesländer werden die gleichen Bilder den Schulleitungen mittlerweile zum Download angeboten.“ Ungefuk präzisiert diese Aussage. Es stimme, dass viele Länder die Bilder online verschickten. Allerdings müssten sie oftmals nicht erst heruntergeladen werden, sondern würden direkt als Anhang geschickt. „Die Hemmschwelle oder Barriere, auf einen Link zu klicken und die Bilder erst herunterzuladen ist natürlich höher, als wenn den Lehrern die Bilder von Beamten gezeigt werden.“

Wenn Lehrer sich die Bilder ansehen, helfen sie den Missbrauchsopfern aber nicht nur, weil sie die Ermittler zu den Kindern und zu den Tätern führen können. Vielmehr wird den Kindern auf diesem Weg auch eine öffentliche Fahndung erspart. Das dient dem Schutz der Opfer.

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