Aachen: Wenn die Welt im Drogenrausch zerfällt

Aachen: Wenn die Welt im Drogenrausch zerfällt

Manchmal erleben Menschen Momente, die weit über den Augenblick hinaustrahlen, in dem sie sich ereignen. Jörg Böckem erinnert sich in seinem autobiographischen Buch „Lass mich die Nacht überleben” an einen Moment, als er im Drogenrausch zur Besinnung kam und langsam realisierte, dass die würgenden Hände um den Hals seiner Freundin seine eigenen waren.

Es folgten der totale Zusammenbruch in den Armen seiner Freundin, noch mehr Drogen und die Angst, auch den letzten Rest Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Letztendlich schaffte es Böckem, seine zerfallende Welt wieder zusammenzufügen, doch dafür musste er einen beschwerlichen Weg gehen.

Seine Erlebnisse aus der Zeit, als er als Journalist in Hamburg arbeitete und gleichzeitig schwer heroinabhängig war, teilte Böckem kürzlich wieder auf einer Lesung in der Klangbrücke. Die Lesung fand im Rahmen der Aktionstage „Sucht hat immer eine Geschichte” statt und wurde organisiert von der Suchthilfe Aachen.

In drastischen Bildern und Worten schildert sein Buch den Alltag eines Junkies, der auf dem Weg in den Ruin ist, aber es immer noch schafft, irgendwie zu funktionieren. Da ist Böckem auf der Toilette der Redaktion und sucht mit der Nadel verzweifelt nach einer intakten Ader, verteilt Blut auf den Kacheln und fühlt die Panik in sich aufsteigen. Niemand darf ihn entdecken, und doch muss die Droge in seinen geschundenen Körper, damit der während zähen Konferenzen und Besprechungen funktioniert wie er soll.

Zugedröhnt führt Böckem Interviews und schreibt seine Texte, mit kaltem Schweiß auf der Stirn und in halber Bewusstlosigkeit ist er im Taxi auf dem Weg nach Hause oder zu Terminen.

Er empfindet Todesangst, schreibt täglich um sein Leben, das nur noch durch den Job zusammengehalten und durch das verdiente Geld ermöglicht wird. Freude am Schreiben empfindet er nicht mehr, es ist zu einer täglichen Qual geworden. Was seinem Alltag Struktur gibt, ist die Droge, die er in regelmäßigen Abständen um wirklich jeden Preis injizieren muss.

Die Erinnerung an seinen ersten Rausch ist in diesem Stadium bereits kraftlos und blass. Nichts ist geblieben von der wohligen Wärme und dem Hochgefühl, das seine Bekanntschaft mit dem Heroin anfänglich begleitete. Als ihm schließlich der Ausstieg gelingt, ist auch der verbunden mit hohen Kosten. Während er sich wegen einer Hepatitis C-Erkrankung einer zusätzlichen Therapie unterziehen muss, zerbricht seine Beziehung, Angstzustände und körperliche Schmerzen begleiten ihn permanent.

Diese Art Epilog der Drogenkarriere wird in seinem Buch „Freitags Gift” geschildert, aus dem Böckem während des Abends in der Klangbrücke ebenfalls einige Passagen vorlas. Das letzte Mal spritzte er sich vor über zehn Jahren Heroin, nach mehreren Rückfällen gelang dann 2001 der Entzug.

Da Böckem in einer intakten Familie in Erkelenz aufwuchs, erscheint vielen seine Sucht untypisch, die im späten Jugendalter begann. Einen erstaunten Unterton hatten nach der Lesung auch einige Fragen aus dem Publikum. Wie er denn habe funktionieren können und wann und aus welchen Gründen seine Sucht begonnen habe, wollten einige wissen. Mit jeder Antwort offenbarte Böckem einen Teil seiner privaten Geschichte, die zwar ungewöhnlich ist, im Rückblick aber kohärent.

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