Gewalt im Amateurfußball: Wenn der Bolzplatz zum Tatort wird

Gewalt im Amateurfußball : Wenn der Bolzplatz zum Tatort wird

Paul Hennemann will zurzeit nicht mehr über diesen 6. Mai sprechen, der Tag bedeutet einen Einschnitt in der langen Karriere des 71 Jahre alten Schiedsrichters vom SV Sambach bei Bamberg in Oberfranken.

Damals wurde er im Spiel zwischen dem SC Hertha Aisch und der zweiten Mannschaft der Spielvereinigung Jahn Forchheim in der 75. Minute von einem Forchheimer Spieler so heftig attackiert, dass er zu Boden ging und dort bewusstlos liegen blieb.

Auf dem Online-Portal „Infranken.de“ hieß es als Bildunterschrift über die Attacke: „Ein Fußballspiel wollte der Fotograf des ,Fränkischen Tag‘ beim SC Hertha Aisch fotografieren, in der 78. Minute verließ er einen Tatort.“ Schiedsrichter Hennemann hat seinen Angreifer verklagt. Das ist der Grund, warum er über den Vorfall im Moment öffentlich nichts mehr sagen möchte.

Nach Pfingsten sah sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gezwungen, Randale bei Amateurspielen offiziell zu verurteilen. Beim Spiel zwischen Babelsberg 03 und Energie Cottbus musste aus Sicherheitsgründen die Siegerehrung vertagt werden. Beim Koblenzer Stadtderby im Rheinlandpokal wurden drei Menschen, darunter ein sechsjähriger Junge, durch Pyrotechnik verletzt.

2015 wurde ein Fußballer in Essen nach einem Angriff auf den Schiedsrichter lebenslang gesperrt. Er hatte den Unparteiischen nach Zeugenaussagen zu Boden geschubst und nochmals zugeschlagen. Es war damals die dritte lebenslange Sperre im Fußballkreis Essen Nord/West innerhalb weniger Monate.

Erst am vergangenen Sonntag nun traten und schlugen Sportler zweier Amateurmannschaften in Dortmund aufeinander ein, der Schiedsrichter flüchtete in die Kabine. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff waren die Teams von SC Osmanlispor und TuS Westfalia Huckarde aus der Kreisliga A aufeinander losgegangen, die Polizei musste anrücken und das Feld räumen. Es läuft ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung. Tatort Fußballplatz.

Wenn im Amateurfußball ein Schiedsrichter geschlagen zu Boden geht, der Gegner über alle Maßen brutal gefoult wird oder Fans aufeinander losgehen, macht so etwas sofort Schlagzeilen, zumal in Deutschland. „Prinzipiell finden jedes Wochenende in Deutschland rund 80000 Begegnungen statt, die weitgehend friedlich verlaufen“, sagt der Sozialwissenschaftler Stefan Metzger von der Uni Siegen, der unter dem Titel „Das Spiel um Anerkennung“ zum Thema über Amateurfußball promoviert hat.

Dazu passt, dass der DFB erst vor wenigen Tagen meldete, dass 99,51 Prozent aller Spiele im deutschen Amateurfußball komplett störungsfrei verlaufen. Das ergab eine Auswertung der Online-Spielberichte der Schiedsrichter. Nur fünf von 10.000 Spielen wurden demnach wegen Gewalt oder Diskriminierung abgebrochen.

Allerdings wären das — bei den geschätzten 80.000 Spielen pro Wochenende — 40 an jedem einzelnen Wochenende in der Saison. Dass diese Spiele immer wieder Schlagzeilen machen, führt Thaya Vester vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen auch auf die unglaubliche Popularität des Sports zurück. Und es könnte eine Rolle spielen, dass die Berichte über Polizeieinsätze bei Amateurfußballspielen lange Zeit die totale Ausnahme waren. Gefühlt häufen sich die Einsätze in den letzten zehn Jahren. Statistisch nachzuvollziehen ist das nicht ohne weiteres, denn die Fußballverbände innerhalb des DFB führen keine Statistik über solche Spiele.

Der DFB hat sieben Millionen Mitgliedern, fast alle sind Amateurspieler. „Allein in Bayern sind jedes Wochenende rund eine Million Menschen auf Amateurfußballplätzen unterwegs“, sagt Soziologe Tim Frohwein, Dozent an der Hochschule Fresenius München. „Die gesellschaftliche Bedeutung des Amateurfußballs wird in Deutschland auf jeden Fall unterschätzt.“

Und was auch unterschätzt wird, ist die Wirkung, die gewalttätige Ausschreitungen auch dem Kreisligaplatz für die Betroffenen haben, insbesondere auf Schiedsrichter wie Paul Hennemann. „Es stecken ja immer Menschen dahinter“, sagt Kriminologin Vester, die ein Buch mit dem Titel „Zielscheibe Schiedsrichter“ geschrieben hat. „Und für einen Schiedsrichter ist so etwas immer traumatisierend.“ Sie sagt auch: „Das, was in den Statistiken auftaucht, ist die Spitze des Eisbergs. Wir haben einen riesigen Graubereich an Unhöflichkeiten und Beleidigungen.“ Und dabei sei so etwas wie der Schlachtgesang „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“, das ja formal eine Bedrohung sei, heute „allgemeines Liedgut“.

Gewalttätige Attacken auch in der Region Aachen, Düren, Heinsberg

Eine weitere interessante Beobachtung, die sie gemacht hat: Gewalttätige Attacken kommen fast ausschließlich im Männerfußball vor. Das gilt auch für Amateurfußballspiele in der Region Aachen, Düren, Heinsberg. Allein in der ersten Jahreshälfte gab es zwei größere Polizeieinsätze, natürlich im Herren-Spielbetrieb. Ende März lieferten sich die zweite Mannschaft des SV Kellersberg und Blau-Weiß Alsdorf in der Kreisliga D eine derart wüste Keilerei, dass nicht nur das Spiel abgebrochen wurde, sondern beide Mannschaften vom zuständigen Sportgericht bis zum Saisonende aus dem laufenden Spielbetrieb genommen wurden. Eine so harte Strafe hat es in einer Kreisliga des Fußballverbandes Mittelrhein jedenfalls in der jüngeren Geschichte nicht gegeben, wenn überhaupt schon einmal.

Einige Wochen später verpasste bei der Bezirksligabegegnung DJK FV Haaren gegen Columbia Donnerberg ein 28 Jahre alter Stolberger dem Schiedsrichter einen Kopfstoß. Auch bei diesem Spiel: Abbruch, Polizeieinsatz. Der 28-Jährige wird sich aller Voraussicht nach vor dem Amtsgericht Aachen wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten müssen.

Kann man das Problem also überhaupt irgendwie in den Griff bekommen?

Ein Lösungsansatz

Vielleicht so: Als ein junger Spieler mit einer abgebrochenen Glasflasche bei einem Spiel vor einigen Jahren auf den Schiedsrichter losging, wusste Salih Aydogan, dass er etwas tun muss. Der 37 Jahre alte Polizeibeamte verbringt seine Zeit auch als Krisenmanager für den Bayerischen Fußball-Verband. Aydogan arbeitet mit Vereinen, deren Spieler auffällig geworden sind. Wenn es in einem Hinspiel zwischen zwei Clubs Probleme oder sogar Prügeleien gab, ist er zur Stelle, damit so etwas nicht noch einmal vorkommt — und wenigstens das Rückspiel friedlich verläuft.

Einmal, so sagt er im Interview, hat er die Spieler der verfeindeten Vereine miteinander frühstücken lassen. „Wer sich gegenseitig das Salz oder die Butter gereicht hat, geht im Spiel nicht aufeinander los.“

Der Plan ging auf. Das Rückspiel verlief ohne jede Komplikation.

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