Eschweiler: Weltreisende mit Halt in Eschweiler: Helena Stormanns und Bruce Dickinson

Eschweiler: Weltreisende mit Halt in Eschweiler: Helena Stormanns und Bruce Dickinson

Eine Anekdote erzählt Helena Stormanns nur zu gerne. Paul Bruce Dickinson war zu Gast bei ihr, trug wie so oft Jogginghose und T-Shirt in seiner Freizeit und suchte sie in der Stallgasse. Der Bruce Dickinson, Sänger der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden, die seit Beginn ihrer Karriere im Jahr 1975 mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft hat, und Bruder von Helena Stormanns.

Ein Mitarbeiter entdeckte den berühmten Musiker, erkannte ihn aber nicht. Er fragte: „Ey, wer bist du denn?“, und fuhr in an: „Weg hier!“ Bruce Dickinson gehorchte und ging. „Mein Bruder ist dann keiner, der etwas sagt“, erklärt seine Schwester. Kurz darauf sei der Mitarbeiter zu ihr gekommen und habe gefragt: „Dein Bruder, wie sieht der eigentlich aus? Trägt er Jogginghose und T-Shirt?“

Da dämmerte dem Mitarbeiter, wen er da gerade weggeschickt hatte. Helena Stormanns kommentierte das Ganze mit einem Lachen: „Der ist nicht so wehleidig, der kommt wieder.“ Bruce Dickinson ist hin und wieder in Deutschland, denn seine Schwester, die sich selbst als Reiterin einen Namen gemacht hat, wohnt seit vielen Jahren in Eschweiler.

Das Vertrauen des Vaters

Helena Stormanns erinnert sich noch sehr gut an ihre ersten Reitversuche. Fünf Jahre alt war sie damals und wohnte im englischen Sheffield. Ein Mädchen aus ihrer Schulklasse ritt bereits, und die fünfjährige Helena, die damals noch Helena Dickinson hieß, begleitete ihre Freundin. Seit dem ersten Moment, in dem sie auf dem Rücken eines der Tiere saß, „bin ich total vernarrt in Pferde“, erzählt sie heute, „als hätte man mir etwas ins Blut gespritzt.“ Auch ihr Bruder war bei den ersten Reitstunden dabei. Ihre Eltern Sonja und Bruce Dickinson wollten das so, damit die kleine Helena nicht allein unterwegs ist.

Helena Stormanns ist 54 Jahre alt, und ein Leben ohne Pferde kann sie sich seit 50 Jahren nicht vorstellen. Muss sie auch nicht. In Eschweiler lebt sie seit 2005 auf einer großen Anlage am Sportplatz Weisweiler, kürzlich ging dort das Eschweiler Jumping-Festival zu Ende, ein Drei-Sterne-Turnier, bei dem mehr als 300 Reiter aus mehr als 30 verschiedenen Nationen am Start waren. „Es gibt im Rheinland nur noch zwei internationale Reitturniere: in Aachen und dieses hier“, sagt Helena Stormanns in perfektem Deutsch — mit englischem Akzent.

Seit Mitte der 1980er Jahre lebt sie in Deutschland. Bei der Hochzeit mit Peter Weinberg im Jahr 1987 nimmt sie dessen Namen und die deutsche Staatsbürgerschaft an. Und sie revolutioniert den deutschen Reitsport in gewisser Weise. 1977 nimmt sie zum ersten Mal an einem internationalen Springreitwettbewerb teil, damals noch für England. Erfolge lassen nicht lange auf sich warten. Insgesamt gewinnt sie sechs Nationenpreise für Großbritannien und 18 für Deutschland.

Dass sie so weit gekommen ist, hat sie auch ihrem Bruder zu verdanken. Der legte damals zunächst sein Abitur ab und ging dann nach London, um am Queen Mary College Geschichte zu studieren. Helena Stormanns erinnert sich. Nach einem Jahr sei Bruce nach Hause gekommen — mit etwas längeren Haaren. Der Vater habe sehr reserviert geschaut und gesagt: „Gibt es keinen Friseur in London?“ Ein Jahr später waren die Haare noch ein Stück länger. Nach dem dritten Jahr kam Bruce Dickinson wieder nach Hause. Mit dem Bachelor-Abschluss in der Tasche — und dem festen Vorsatz Rockmusiker zu werden. Ob man denn damit Geld verdienen könne, habe Bruce Dickinson senior den Junior gefragt. „Er hat gesagt: Ich denke schon“, blickt Helena Stormanns zurück.

Sie selbst hatte damals gerade die 10. Klasse abgeschlossen und nicht wirklich Lust, weiter zur Schule zu gehen. Also nahm sie den Vorstoß ihres Bruders zum Anlass, ihrem Vater ebenfalls ihren Entschluss mitzuteilen. Sie möchte Reiterin werden. Und auch Helena Dickinson hörte von ihrem Vater eine Frage: „Kannst du denn damit eine Familie ernähren?“ Die 54-Jährige sagt rückblickend: „Darüber musste ich erstmal nachdenken.“ Ihr sei damals klar geworden, was der Vater alles für die Familie mache. Dennoch stand für sie fest, die Schule zu verlassen. Die Familie stimmte zu. Bruce Dickinson senior schickte seine Tochter zum Lehrmeister Malcolm Pyrah, zwei Stunden entfernt von der Heimat.

Ein großer Schritt für die junge Helena. „Ich habe nach drei Wochen heulend zu Hause angerufen, dass ich es nicht mehr aushalte“, sagt sie. Der Alltag sei anstrengend gewesen, Pyrah streng. „Bei uns zu Hause wohnten auch Oma und Opa mit im Haus. Das war schön, und es kam auch immer ein leckeres Essen auf den Tisch. Die ersten Wochen bei der Ausbildung habe ich mich nur von Cornflakes ernährt“, sagt Stormanns. Und wieder spielte der Vater eine wichtige Rolle. Er sagte seiner Tochter, dass sie natürlich wieder nach Hause kommen kann. Dann müsse sie jedoch wieder zur Schule. Helena Dickinson überlegte, sie habe nur reiten wollen — und setzte die Ausbildung fort: „Das war das beste, was mir passieren konnte.“

Ihrem Vater ist sie sehr dankbar, weil er ihr und ihrem Bruder keine Steine in den Weg gelegt habe. In Sheffield betrieb er damals einen Autohandel und hätte es natürlich gerne gesehen, wenn eins der beiden Kinder dort eingestiegen wäre. Er sei konservativ gewesen, sagt Helena Stormanns. Dennoch habe er seinen Kindern gesagt: „Ihr müsst etwas machen, bei dem ihr nicht das Gefühl habt, dass es Arbeit ist.“ Das machen sowohl Helena und Paul. Mehr noch: Als Helena Dickinson in Deutschland den Springreiter Peter Weinberg heiratet und in die Aachener Region zieht, verlassen ihre Eltern Sheffield und kommen ebenfalls nach Deutschland. Ein Geschenk, denn als Reiterin ist sie viel unterwegs, bereist zig Länder. Und das mit kleinen Kindern. Die Eltern helfen als „Nanny“ aus.

Apropos kämpfen: Als Helena Weinberg nach ihrer Heirat 1987 für die deutsche Nationalmannschaft startet, ist Springreiten hierzulande eine reine Männerdomäne. Frauen tragen ihre eigene deutsche Meisterschaft aus, weil „sie belächelt wurden“. In England und anderen Staaten starten Frauen und Männer längst gemeinsam in einem Team, und für sie ist klar, dass sie für Deutschland starten möchte. Tut sie auch, gegen einige Widerstände. „Ich war eine Vorreiterin“, sagt sie und lacht. Heute spricht sie von einer „erzwungenen Akzeptanz“.

Auch privat fällt der Umzug nach Deutschland nicht immer leicht. Die Reiterin erinnert sich an ihren ersten Einkauf in einer deutschen Bäckerei. Niemand steht Schlange! Alle drängeln sich an der Theke! In England undenkbar. Auch die lockeren und aufgeschlossenen Menschen in der alten Heimat vermisst sie hin und wieder. In Deutschland sei man viel ernster, mitunter misstrauisch. „Fremde Leute, fremde Lüh“, schiebt Helena Stormanns, die 2006 den Reiter Tim Stormanns geheiratet hat, hinterher. Es gibt aber auch viel Positives. Die Pünktlichkeit. Und: „Das deutsche Gesundheitssystem ist das beste, das es gibt.“

Ein- bis zwei mal pro Jahr sehen sich die Geschwister. Und was sagt die kleine Schwester zur Musik ihres Bruders? „Live mag ich seine Musik, aber im Auto bin ich eher der Ed-Sheeran-Typ“, sagt sie und lacht, „der ist auch aus Yorkshire.“

2017 haben sich die Geschwister häufiger gesehen als normalerweise. „Leider“, sagt Helena Stormanns. Ihr Vater erkrankte an Krebs. Die Geschwister halten zusammen. Als 2017 Helenas Tochter Andrea in England heiratete und gleichzeitig der kranke Vater in Deutschland versorgt werden musste, rief der Bruder sie an und sagte: „Ich komme für eine Woche nach Deutschland. Flieg du für eine Woche nach England und kümmere dich um die Hochzeit.“ Im Januar 2018 stirbt der Vater.

Mit der Popularität geht Bruce Dickinson laut seiner Schwester „ganz normal“ um. Wenn jemand um ein Autogramm bittet, dann bekomme er das auch. „Das ist eben Teil des Jobs“, sagt sie.

Helena Stormanns trainiert derzeit Jessica Springsteen, Tochter von Bruce Springsteen. Im September begleitet sie die neuseeländischen Springreiter als Chef d’Equipe zu den Weltreiterspielen nach Tryon in den USA. Wann sie ihren Bruder wiedersieht, vermag die 54-Jährige nicht zu sagen. Zumindest weiß der Mitarbeiter im Stall jetzt, wie der berühmte Musiker aussieht.

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