Erste Klasse: Welche Fertigkeiten müssen I-Dötzchen bereits mitbringen?

Erste Klasse : Welche Fertigkeiten müssen I-Dötzchen bereits mitbringen?

„Rund 60 Prozent der zehnjährigen Kinder in Deutschland können kaum oder gar nicht schwimmen.“ — „Die Zahl der Kinder, die die Anforderungen der Fahrradprüfung in der Grundschule nicht erfüllen, steigt.“ — „Der Wortschatz von Schulanfängern wird immer eintöniger, immer mehr Kinder haben Probleme bei der Laut-, Wort- und Satzbildung.“

Ein paar Schlagzeilen aus den vergangenen Wochen, die ganz grundsätzliche Fragen aufwerfen: Sollten Kinder schon Grundfertigkeiten besitzen, wenn sie eingeschult werden? Wenn ja: welche? Wenn nein: Vor welchen Schwierigkeiten stehen dann die Grundschulen? Unser Redakteur Hermann-Josef Delonge hat bei Martin Tenholt, Grundschulleiter in Alsdorf, nachgefragt.

Herr Tenholt, konnten Ihre Kinder schon Rad fahren, als sie an die Grundschule kamen?

Martin Tenholt: Ja.

Sie waren also nicht auf den Unterricht an der Schule angewiesen?

Tenholt: Nein. Meine Frau und ich fahren selbst sehr gerne und viel Rad. Unsere Kinder sind schon relativ früh auf dem Laufrad unterwegs gewesen und sind dann viele alltägliche Wege, etwa zur Kita, mit dem Fahrrad gefahren.

Welche Erfahrungen machen Sie heute mit den Kindern an Ihrer Grundschule?

Tenholt: Wir haben vor wenigen Tagen eine Fortbildung zu dem Thema „Radfahren in der Grundschule“ gemacht. Der einhellige Tenor meiner Kolleginnen und Kollegen: Die Schere geht weit auseinander. Wir haben Kinder, die schon sehr sicher auf dem Rad unterwegs sind, aber auch einige, die kaum oder gar nicht Rad fahren können. Entsprechend anspruchsvoll ist der Unterricht. Ursprünglich war es nicht unser Auftrag, den Kindern das Radfahren beizubringen. Aber das kommt jetzt vereinzelt auch dazu.

Wie läuft die Radfahrausbildung praktisch ab?

Tenholt: Wir integrieren das in den Sport- und Sachunterricht. In Alsdorf gibt es eine Jugendverkehrsschule, wo wir üben können. Und auf dem Schulhof gibt es Markierungen, die bei der Vermittlung einfacher Regeln helfen. Nach unserer Fortbildung werden wir die praktischen Übungen intensivieren und schon in den ersten und zweiten Klassen mehr Angebote machen.

Wie sieht es beim Schwimmen aus? Auch hier gibt es Klagen, dass viele Kinder keine Grundfertigkeiten mitbringen.

Tenholt: Im Lehrplan Sport steht, dass jedes Kind am Ende der Grundschulzeit schwimmen können soll. Wir versuchen, das zu leisten, können das aber letztlich nur in Kooperation mit den Eltern. Die müssen mitziehen und zusätzlich in der Freizeit selbst mit ihren Kindern ins Schwimmbad gehen.

Geht die Schere auch hier auseinander?

Tenholt: Ja. An unserer Schule gibt es tatsächlich viele Kinder, die schon schwimmen können. Ich habe allerdings von Kolleginnen und Kollegen gehört, dass das an anderen Schulstandorten nicht mehr so ist. Hier in Alsdorf sind die Voraussetzungen mit Lehrschwimmbecken und Hallenbad aber auch recht gut. Und wir haben an unserer Schule ausreichend Kolleginnen und Kollegen, die Schwimmunterricht geben können. Das ist bedauerlicherweise nicht überall so.

Da schlägt der Mangel an Lehrkräften durch.

Tenholt: Genau. Das gilt vor allem an den Grundschulen. Es sind schlicht zu wenig freie Lehrkräfte auf dem Markt.

Ist die Diskussion um Schwimmfähigkeit oder Radfahren vor diesem Hintergrund nicht tatsächlich eine Luxusdiskussion? Die Schulen haben doch ganz andere Probleme.

Tenholt: Das würde ich nicht sagen. Es ist unsere Aufgabe, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen. Dazu gehört, dass sie sich sicher im Straßenverkehr bewegen können. Dazu gehört auch, dass sie sich über Wasser halten können. Im Übrigen ist das alles im Lehrplan verankert. Aber Eltern müssen auch Verständnis dafür haben, wenn es an einzelnen Schuldstandorten für eine Zeit mal nicht möglich ist, das zu leisten, weil die Voraussetzungen nicht gegeben sind.

Die Schere beim Radfahren und Schwimmen geht also auseinander. Tut sie das auch beim Lesen, Rechnen, Schreiben?

Tenholt: Ich fürchte ja. Das macht die Herausforderungen im Unterricht auch so anspruchsvoll. Wir müssen viel und sehr genau differenzieren, um sowohl die talentierten und begabten Kinder als auch die, die Nachholbedarf haben, angemessen fördern und fordern zu können.

Ist diese Notwendigkeit größer geworden?

Tenholt: Ja. Andererseits war es grundsätzlich auch in der Vergangenheit schon immer so: Niemand kann guten Unterricht machen, wenn er nicht differenziert.

Bedeutet Differenzierung auch Nivellierung?

Tenholt: Im Idealfall nicht.

Und praktisch?

Tenholt: Es ist unsere Aufgabe, alle Kinder ganz individuell zu fördern und allen Kindern einer Klasse gerecht zu werden. Die einzelnen Kinder benötigen im Laufe ihrer Lernbiografie phasenweise mehr und phasenweise auch weniger Begleitung, Unterstützung und Zuwendung.

Apropos Herausforderungen: Dazu gehören auch die mittlerweile schon berüchtigten Helikoptereltern, die ihre Kinder nicht von der Leine lassen wollen. Gibt es auch davon mehr?

Tenholt: Auch hier: leider ja. Ich beobachte weniger Bereitschaft, die Kinder alleine zur Schule gehen zu lassen. Ich beobachte die Tendenz, viele Dinge zu kontrollieren. Aber natürlich: Wir brauchen die Unterstützung der Eltern.

Dann sollten sich die Schulen doch darüber freuen, wenn Eltern sich intensiv kümmern.

Tenholt: Es kann aber auch zu viel sein. Wenn andauernd Dinge in Frage gestellt werden, hilft das niemandem. Die Kooperation muss in einem gesunden Wechselspiel zwischen Schule und Elternhaus geschehen und ist nur dann zielführend. Mit den meisten Eltern ist die Zusammenarbeit allerdings sehr gut.

Was wünschen Sie sich von den Eltern, deren Kinder eingeschult werden?

Tenholt: Zuversicht. Optimismus. Vertrauen. Gelassenheit. Das Wichtigste ist, dass die Kinder glücklich sind und dass sie die Hürden, vor denen sie stehen und die immer ein Stück höher gelegt werden, meistern können.

Was wünschen Sie sich von den Kindern — Stichwort Grundfertigkeiten?

Tenholt: Dass sie zuhören können. Nicht nur den Lehrkräften, sondern auch den anderen Kindern. Dass sie sich selbst zurücknehmen können. Dass sie auf den anderen achten, Rücksicht nehmen, sich gegenseitig helfen. Das sind Lebenstugenden, die die Kinder mitbringen können und sollten. Dazu: ein Gefühl für Rhythmik, ein Vorstellung von Zahlen und Mengen. Und ganz praktisch: Dass sie im motorischen Bereich wieder mehr Vorerfahrungen machen können und mitbringen, also durch Sport und Bewegung in der Natur, aber auch feinmotorisch etwa mit Stiften oder Scheren.

Und zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Institution Schule?

Tenholt: Die personelle Ausstattung ist tatsächlich das A und O. Wenn ausreichend Lehrkräfte vorhanden wären und die Anzahl der Kinder in den Klassen dann auch kleiner wäre, könnte Schule eine deutlich bessere Arbeit leisten. Ich habe aber die Hoffnung, dass sich wieder mehr junge Leute für diesen Beruf begeistern können.