Eschweiler: Weihnachtskisten-Aktion: Wohltätigkeit kann jeder leisten

Eschweiler: Weihnachtskisten-Aktion: Wohltätigkeit kann jeder leisten

Seit vier Jahren befindet sich die Eschweiler Tafel an der Röthgener Straße, in einem ehemaligen Netto-Markt. Seit dieser Zeit steigt die Kurve der Tafelkunden in Eschweiler von Jahr zu Jahr an. Nicht, dass dies etwas mit den Räumlichkeiten zu tun hätte. Der Grund dafür sind einzig und allein die sozialen Verhältnisse.

Immer mehr Rentner, die nicht auskommen; immer mehr Alleinerziehende, die — wenn überhaupt — einen Teilzeitjob haben; immer mehr Väter, die Vollzeit arbeiten, aber trotzdem so wenig verdienen, dass es für die Familie nicht reicht.

Die Zahlen der Eschweiler Tafel sprechen eine eindeutige Sprache, wenn es um die Bedürftigkeit von Menschen in unserer Gesellschaft geht. 25 Kunden hatte der Tafelverein bei seiner Gründung vor 15 Jahren. Heute sind es 850 Menschen, die eine der gelben oder grünen Berechtigungskarten für die Tafel besitzen und dort Waren für zehn Prozent des normalen Ladenpreises einkaufen können. Familienangehörige sind da nicht enthalten, weshalb die Gesamtzahl der Eschweiler Tafelkunden in Wirklichkeit viel höher ist: 2427.

Jeden Tag ab 14.30 Uhr ist der Verkaufsraum der Tafel geöffnet, an den meisten Tagen warten die Menschen dann schon im Vorraum. Montag und Dienstag sind die besten Tage, das heißt, die Tage mit der besten und größten Auswahl; nach dem Wochenende durchforsten die Supermärkte ihre Regale nach Lebensmitteln, die nicht mehr verkauft werden dürfen. Artikel, deren Haltbarkeitsdatum erreicht oder deren Verpackung beschädigt ist.

Sieben bis acht ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich fünf Tage die Woche bei der Tafel, schleppen Kisten, räumen die Regale ein, packen die Lebensmittel ab, verkaufen sie und räumen am Ende des Tages alles wieder auf. Ein Acht-Stunden-Tag, unentgeltlich. Helfer könne man immer gebrauchen, meint der stellvertretende Vorsitzende Horst Berretz. Er freut sich besonders über junge Leute, die bei der Tafel mithelfen wollen. Angestoßen wird solches Engagement seit Jahren von einer Sozial-AG der Städtischen Realschule.

Und nun, fünf Wochen vor Weihnachten, stapeln sich an der Röthgener Straße prall gefüllte Tüten aus der Weihnachtsaktion eines Supermarkts. „Die halten wir noch in Reserve“ sagt die Tafelvorsitzende Karin Schmaling. Denn sie rechnet damit, dass die überaus begehrten Weihnachtskisten, die am 18. Dezember ausgegeben werden, bei weitem nicht ausreichen werden. Schon im vergangenen Jahr waren mehr Bedürftige in die St. Michael-Kirche gekommen als dort Kisten abzuholen waren. An solch einem Tag kommen auch Menschen, die keinen Tafelausweis haben, „die können wir doch nicht wegschicken“, sagt Karin Schmaling.

In diesem Jahr dürfte sich die Situation noch mal verschärfen, fürchtet sie. „Allein in den letzten fünf Wochen haben sich 38 neue Familien mit Flüchtlingshintergrund bei uns gemeldet“, berichtet Horst Berretz. Migrantenfamilien sind natürlich nichts Neues für eine Einrichtung wie die Tafel, doch die Schicksale der aktuellen Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder dem Irak gehen auch alt gedienten Tafelleuten an die Nieren.

Nur eine Geschichte möchte Karin Schmaling gerne erzählen. Sie handelt von der Flucht aus dem Irak, der zunehmend von der Terrorgruppe IS beherrscht wird. Um seinen vier jüngeren Geschwistern die Flucht zu ermöglichen, verkauft ein junger Iraker sein Auto. 2000 Euro pro Person werden an einen Schlepper bezahlt. Die vier überqueren das Mittelmeer tagelang in einem offenen Kahn, sitzen 30 Stunden eingepfercht mit anderen Flüchtlingen - unter unwürdigsten Bedingungen. „Mir sind die Tränen gekommen, als eine der Schwestern mir davon erzählt hat“, sagt Karin Schmaling.

Im vergangenen Jahr wurden 450 Weihnachtskisten bei der Eschweiler Tafel abgegeben, das waren 150 zu wenig. In diesem Jahr hofft Karin Schmaling auf 800 Pakete. Natürlich weiß sie, dass die Spendenfreude der Menschen gerade zur Weihnachtszeit arg strapaziert wird. Aber eine gut gefüllte Weihnachtskiste mit Lebensmitteln für ein Festmahl, „das ist direkte Wohltätigkeit, die man als Bürger leisten kann“, sagt sie.

Über die Spendenbereitschaft der Eschweiler kann sie sich nicht beklagen, besonders die der Schulen. Neulich hat ein Kind von seinem Taschengeld Adventskalender für die Tafel gekauft. Und eine Familie packt jedes Jahr eine Weihnachtskiste mit Rezepten und allen Zutaten für drei Festmahle an drei Festtagen. Dazu wird ein Gutschein vom Metzger gelegt. Ein herausragendes Beispiel.

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