Langerwehe: Weihnachtskisten-Aktion der Tafeln gestartet

Langerwehe: Weihnachtskisten-Aktion der Tafeln gestartet

Wenn Elvira S. an den Verkaufstresen tritt, wird sie herzlich begrüßt. Die Frauen hinter dem Tresen kennen ihre Kunden und sehen, was los ist: „Schon wieder ein paar Pfunde runter?“ Das kann Elvira leider nicht bestätigen: „Im Moment stagniert es.“ Auch der junge Mann, der gleich hinter Elvira in der Schlange steht, kann heute nicht mit einer Erfolgsmeldung aufwarten. Nein, er hat immer noch keine nette Frau gefunden.

Es ist Mittwoch, Ausgabetag bei der Langerweher Tafel, der jüngsten im Kreise der regionalen Tafeln. Ab 14 Uhr sind in der Kulturhalle an der Josef-Schwarz-Straße die Türen geöffnet. Männer und Frauen, Mütter mit Kindern, Deutsche und Ausländer stehen vor der Tür. Menschen, in deren Leben das Pech die Hauptrolle übernommen hat. Da hatte eine Frau einen Schlaganfall, ein junger Koch ist gestürzt und wurde arbeitsunfähig.

Jede Woche ein anderes Team: Ursula Schober (l.), Vorsitzende der Langerweher Tafel, ist stolz auf ihre vielen Mitarbeiterinnen.

Sie alle warten geduldig, bis sie an der Reihe sind, um ihre Einkäufe zu tätigen. Hier gibt es Lebensmittel für die wirklich bedürftigen Bürger der Gemeinde, täglich frisch gespendet von ortsansässigen Geschäften, und — was mindestens genauso wichtig ist — ein herzliches Wort für jeden. Obwohl die Tafel erst seit acht Monaten existiert, hat sie bereits 120 Kunden. Menschen, denen es nicht nur an Essen mangelt, sondern oft auch an freundlicher Ansprache. Die ist hier garantiert — wenigstens für das halbe Stündchen, das diese Menschen mittwochs in der Kulturhalle verbringen.

Die acht Frauen um Teamleiterin Dimphy Nussbaum sind seit 7.30 Uhr vor Ort und bauen die Einkaufsmeile der Tafel Stück für Stück auf und am Ende des Tages wieder ab. Gut acht Stunden hat jede von ihnen dann für den Verein gearbeitet — ehrenamtlich selbstverständlich. Sie wissen, was ihre Kunden mögen. Für den einen gibt es noch einen Fruchtjoghurt obendrauf, ein anderer freut sich über eine Packung Schinkenwurst. Geschenkt. Ansonsten muss hier bezahlt werden für das, was man nach Hause trägt. „Niemand soll das Gefühl haben, auf Almosen angewiesen zu sein“, sagt Ursula Schober, die Vorsitzende der Langerweher Tafel. Zehn Cent kostet hier jedes Teil — ein Beutel mit vier Brötchen genauso wie ein halbes Brot oder eine Packung Cornflakes.

Die Lebensmittel haben Dimphys Mann Friedhelm und sein Beifahrer seit 8 Uhr morgens mit dem gesponserten Kastenwagen herangeschafft. Er ist die Geschäfte abgefahren, und hat die Kisten vollgepackt, sogar beim Wochenmarkt hat er um 13 Uhr noch einmal vorbeigeschaut. „Ohne den Wagen wären wir total aufgeschmissen“, sagt Ursula Schober. Dass ein alteingesessener Autohändler dem neu gegründeten Verein das Auto einfach mal so überlassen hat, soviel Glück sei wohl kaum zu fassen, meint sie.

Glück hat wohl auch der Verein mit seiner Vorsitzenden. Ursula Schober, die frühere Lehrerin für Deutsch und Französisch am Gymnasium Overbach in Jülich, sagt, dass sie lange überlegt habe. Den Ausschlag gab das „Superteam“ um sie herum, in dem ursprünglich keiner den anderen kannte: Stellvertreterin Stephanie Münstermann, Kassierer Heinz Mertens und nicht zuletzt Gisela Hellmanns, nimmermüde Kämpferin und Kümmerin. Sie ist die „Ankerfrau“ der Vereins, hat das Projekt maßgeblich vorangetrieben.

Begonnen hat alles vor drei Jahren bei einer „Zukunftswerkstatt“ der Aachener Stiftung im Rahmen des Projekts Indeland 2050. Wo will Langerwehe in 30 Jahren stehen, lautete die Frage, die unter anderem vom Arbeitskreis „Soziales“ diskutiert wurde — einer Gruppe von 15 bis 20 „explosiv-kreativen“ Frauen, zwölf von ihnen sind heute Mitglieder im Verein Langerweher Tafel.

„Wir wollen auch in 30 Jahren noch ein gutes soziales Klima haben“, lautete die Antwort, und flugs wurde eine Umfrage im Gemeindeblatt lanciert: Was fehlt in Langerwehe? Kindergartenplätze, Spielplätze, Aktivitäten für Senioren... und eine Tafel. Die stand an erster Stelle der Wünsche.

Was folgte, war Skepsis: „Haben wir sowas in Langerwehe nötig?“ mussten und müssen sich die Vereinsmitglieder immer wieder fragen lassen. Wer das tut, hat nicht mit Gisela Hellmanns ge- rechnet, die jedes noch so kleine Bedürfnis ihrer Mitbürger intuitiv erfasst. „Langerwehe hat durchaus Bedarf an sozialem Engagement“, sagte sie also und überzeugte im Handumdrehen alle Skeptiker.

In der Tat: Das Sozialamt beziffert die Anzahl der Bedürftigen in Langerwehe auf 300 Personen. Und so kamen die Frauen „kreativ“ „explosiv“ zur Sache: Im November 2012 wurde der Verein Langerweher Tafel gegründet, eine junge Designerin entwarf kostenlos das Töpfer-Logo für die Schürzen und Poloshirts der über 60 ehrenamtlichen Mitarbeiter, ein ortsansässiges Sportgeschäft ließ diese anfertigen, und am 6. März 2013 erfolgte die erste Lebensmittelausgabe in der Kulturhalle.

30 Menschen freuten sich auf Anhieb über das neue Angebot, und „jede Woche kamen fünf bis zehn Neue hinzu“, erzählt Schober. Jetzt, kurz vor Weihnachten, gibt es wieder mehr Anmeldungen. Die fleißigen Tafel-Frauen hoffen, am 18. Dezember jedem ihrer Kunden zum ersten Mal eine Weihnachtskiste überreichen zu können: gefüllt mit allem, was ein ansehnliches Festessen wahr werden lässt. „So stellen wir uns die Aktion vor: bürgerschaftliches Engagement vor Ort in der Gewissheit, dass die Hilfe ankommt. Und ein Zeichen der Solidarität in einer für manchen sehr kalten Zeit“, sagt Ursula Schober und hofft, dass am Ende tatsächlich mindestens 120 Kisten zusammenkommen.

Schulen und Kindergärten machen mit, aber hoffentlich auch viele Bürger, die ihren Mitbürgern auf diese Weise ein Geschenk machen wollen. Auch Elvira S. wird eines mit nach Hause nehmen. Je nachdem, welche Leckereien sie dann auspacken wird, könnte es mit dem Purzeln der Pfunde aber noch etwas dauern.

Die Tafeln in der Region: Hier können die Weihnachtskisten abgegeben und abgeholt werden

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