Lüttich: Was ist das Motiv für die Lütticher Bluttat mit vier Toten?

Lüttich : Was ist das Motiv für die Lütticher Bluttat mit vier Toten?

Der Terror ist offenbar nach Belgien zurückgekehrt. Unweit einer Schule in der Lütticher Innenstadt fielen am Dienstvormittag Schüssel. Drei Menschen starben, zwei weitere wurden verletzt. Ein Spezialkommando der Polizei erschoss den mutmaßlichen Täter. Doch die Hintergründe blieben lange unklar.

Es war eine Geste der Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen — in einem Augenblick, in dem Belgien seinen König mehr braucht als sonst. Nur wenige Stunden nach dem Anschlag in der Lütticher Innenstadt reiste der Monarch Philippe in Begleitung von Premierminister Louis Michel am Dienstagmittag in die wallonische Stadt an der Maas. Auch wenn die Ereignisse noch nicht alle restlos aufgeklärt werden konnten, so wurden die Indizien für einen Terroranschlag doch im Laufe des Tages immer mehr.

Der Attentäter stach angeblich erst mit einem Messer auf seine Opfer ein, bis er sie schließlich mit Schüsen aus einer Dienstpistole tötete. Foto: Geert Vanden Wijngaert/AP/dpa

Geisel in einer Schule

Dieses Videostandbild zeigt mehrere Einsatzfahrzeuge. Foto: Victor Jay/AP/dpa

Gegen halb elf am Dienstagmorgen griff der Täter, der mit einem Messer ausgerüstet war, in der Innenstadt von Lüttich zwei Polizistinnen von hinten an. Er entriss einer Beamtin ihre Waffe und erschoss beide.

Polizisten untersuchen den Tatort, an dem zuvor Schüsse gefallen sind. Foto: Geert Vanden Wijngaert/AP/dpa

Anschließend lief er zunächst zu Fuß weiter, ermordete einen 22-Jährigen Autofahrer in seinem Fahrzeug und floh dann in die nahe gelegene Schule Athenée Léonie de Waha, wo er eine Reinemachefrau als Geisel in seine Gewalt brachte. Inzwischen hatte die Polizei Sicherheitskräfte zusammengezogen. Es begann eine heftige Schießerei. Zwei Polizisten wurden verletzt, ehe der Täter selbst „neutralisiert“ werden konnte. Die Reinigungskraft blieb unverletzt.

König Philippe von Belgien kam zu einem Treffen in der Polizeizentrale von Lüttich. Foto: Virginie Lefour/BELGA/dpa

Schwarz gekleidet sei der Täter gewesen, teilte die Polizei später mit und es gab offenbar auch „Allahu Akbar“-Rufe (Allah ist groß). Ob im Verlaufe der Ermittlungen weitere Indizien für einen islamistischen Hintergrund gefunden werden können, war gestern noch ungewiss. Da der Vorfall dennoch als mutmaßlicher Terroranschlag eingestuft werde, sagte Staatsanwalt Philippe Dulieu, habe die Föderale Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.

Polizisten leiten den Verkehr um, nachdem in der Nähe bei einer Geiselnahme Schüsse gefallen sind. Foto: Virginie Lefour/BELGA/dpa

Zunächst einmal sicherten Polizeibeamte das Umfeld des Boulevard d’Avroy unweit der Maas. Dann wurden die Schüler aus dem Gebäude geholt. Lüttichs Bürgermeister Willy Demeyer bestätigte gegen Mittag, dass alle unverletzt, aber teilweise sehr schockiert gewesen seien. Sie wurden von Psychologen betreut.

Blick auf eine Straße, in der bei einer Geiselnahme Schüsse gefallen sind. Bei der Geiselnahme sind drei Menschen gestorben, darunter auch zwei Polizisten. Foto: Frederic De Biolley/BELGA/dpa

Die Hintergründe der Tat blieben lange ungewiss. Bei dem Täter soll es sich um einen 36-jährigen Belgier aus Rochefort handeln. Offenbar war er erst am Tag zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden — auf Bewährung. Er verbüßte eine Haftstrafe wegen diverser Drogendelikte, galt auch als gewaltbereit. Für eine Radikalisierung oder gar eine islamistischen Hintergrund gab es aber offenbar auch bei den Sicherheitsbehörden keine Hinweise.

„Unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser schrecklichen Tat“, schrieb König Philippe in einer ersten Reaktion auf Twitter und wünschte den Angehörigen der Verletzten und Opfer „viel Mut“. Premierminister Charles Michel verurteilte die „feige und blinde Gewalt“ und sagte den Hinterbliebenen Unterstützung zu. Die wurde in Belgien gerade erst neu geregelt, weil man Konsequenzen aus der fehlenden öffentlichen Hilfe für die Betroffenen der Anschläge vom 22. März 2016 ziehen wollte.

Anschläge in Brüssel

Damals starben 32 Menschen bei Anschlägen am Brüsseler Flughafen und in einer Bombe in einem Metro-Zug. Trotz der Ereignisse von Lüttich wollte das Krisenzentrum des Landes am Dienstag die Terrorwarnstufe zwei nicht anheben. Sie besagt, dass ein Anschlag derzeit „wenig wahrscheinlich“ ist.

Auch Belgiens Außenminister Didier Reynders, der selbst aus Lüttich stammt, sagte, dass „die Gedanken bei den Opfern, ihren Familien, ihren Kollegen und ihren Familien“ seien. Außerdem sicherte er der Polizei „uneingeschränkte Solidarität und die volle Unterstützung bei ihrer schweren Mission“ zu. Die ebenfalls aus Lüttich stammende Senatspräsidentin Christine Defraigne zeigte sich tief erschüttert darüber, dass jene angegriffen wurden, die „jeden Tag ihr Leben riskieren, um uns zu schützen.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hat Belgien nach dem tödlichen Angriff auf Polizisten in Lüttich der Solidarität seines Landes versichert. Macron sprach am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Paris von einer „furchtbaren Attacke“. „Es ist wahrscheinlich zu früh, um sich zu äußern, aber ich wollte unseren belgischen Nachbarn hier das ganze Beileid und die Solidarität des französischen Volkes übermitteln“, sagte er.

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