Region: Warum Francis Rossi jetzt jedes Konzert feiern möchte

Region : Warum Francis Rossi jetzt jedes Konzert feiern möchte

„Es tut mir leid!“ Francis Rossi sitzt im Büroraum seines Anwesens in Purley, einer einst ländlichen, heute stärker bevölkerten Gegend, die zum Londoner Stadtbezirk Croydon zählt. Er sei vorhin noch drüben in seinem privaten Aufnahmestudio gewesen, habe an einem Song gewerkelt. Den vereinbarten Gesprächstermin habe er darüber glatt vergessen, entschuldigt er sich.

Der Frontmann der englischen Rockband Status Quo lebt seit 1974 hier, rund 20 Kilometer südlich von der Londoner Innenstadt entfernt. Wenn er nicht gerade auf einer Bühne irgendwo auf der Welt die Gassenhauer seiner Band zum Besten gibt, hält er sich vorzugsweise in seinem Haus auf. Ins Zentrum der englischen Hauptstadt ziehe es ihn nur noch drei, vier Mal im Jahr, sagt er. Wenn er für Interviews zur BBC muss, oder für geschäftliche Treffen. Ansonsten macht er gerne, soweit möglich, einen Bogen um London.

Francis Rossi. Foto: Ross Woodhall, Tovita Bråthen Razzi

Eis-Genuss vom Vater

„Diese Stadt ist erbärmlich in ihrem billigen Pomp“, mault er. „Alles dreht sich nur noch ums Geld und um Wohneigentum, das nicht mehr zu bezahlen ist. Das Leben, die Kultur wurden dank Investoren sukzessive aus London gesogen. Und weil man sich das Leben dort nicht mehr leisten kann, schließt die Stadt Richtung unserer Randbezirke auf, die früher reichlich Natur boten und heute zubetoniert werden. Es ist deprimierend.“

Neulich musste er mal wieder ein paar Schritte auf den Moloch London zumachen. Zwei seiner Söhne eröffneten zusammen wenige Meilen weiter Richtung Innenstadt ein Café. Und ihr berühmter Vater sorgte für die nötige Publicity. Auch, um die Tradition verspätet weiterzuführen, mit der Francis Rossis Vater einst seine Familie ernährte.

Als italienischer Einwanderer lehrte der den Londonern seit den 50er Jahren mit mehreren Filialen von „Rossie_SSRqs Ice Cream“ den Genuss von Speiseeis. Natürlich wünschte sich sein traditionsbewusster Vater, dass sein Spross ins Familiengeschäft einsteigen sollte. Den aber zog es erstmal zur Gitarre, nachdem er die Everly Brothers im englischen Fernsehen bestaunt hatte.

„Ich überzeugte meinen jüngeren Bruder davon, sich ebenfalls eine Gitarre zu Weihnachten zu wünschen, damit er und ich als englische Antwort auf die Everlys punkten konnten“, erinnert sich Rossi. „Aber mein Bruder wünschte sich klammheimlich dann doch eine Modelleisenbahn, was mich zum einzigen musizierenden Rossi machte.“

Seine schulische Bildung bezeichnet er rückblickend als „wenig glorreich“. Er habe auch nicht aus ideologischen Gründen zur Musik gefunden, räumt er ein.

„Es ging mir um meine Karriere, weil mein Vater immer davon sprach, dass wir, seine Jungs, Karriere als Eisverkäufer machen sollten. Mit meiner Gitarre passte ich in den 60er Jahren eigentlich wunderbar ins Hippie-Bild. Aber Hippies waren mir viel zu wenig strebsam. Ich wollte mit 22 mein eigenes Haus haben. Ich besaß es bereits mit 21, und drei Jahre später lebte ich sogar in der Gegend, die auch von den Pink-Floyd-Typen bewohnt wurde. Als ich dort angekommen war, stellte ich entsetzt fest, dass ich bürgerlich geworden war. Diese Erkenntnis setzte eine Spirale in Gang, der ich zwar erst sehr spät, aber zum Glück noch entrinnen konnte“, erzählt Rossi.

Weit übers Ziel hinausgeschossen

Der Redefluss des 69-Jährigen ist schwer zu bremsen. Einmal angestoßen, redet er wie ein Wasserfall. Immer mit feinem Humor gespickt. Verbale Giftpfeile verteilt er gerne in Richtung der Zeitgenossen, die ihm auf die Nerven gehen. Der gerade als englischer Außenminister zurückgetretene „Clown“ Boris Johnson ist einer. Die englische Premier-Ministerin Theresa May und die „entsetzliche Pro-Brexit-Clique“ zählen auch dazu. Was die konservative englische Regierung „da in Westminster treibt“, spiele für ihn nur noch in der Theorie dem englischen Establishment und der Demokratie zu, zischt er.

Tatsächlich sei man wohl eher daran interessiert, eine neue Form der Autokratie zu formen, prophezeit Rossi. Und er fragt sich, was „diese Leute so wütend macht, dass sie endlos viele unsinnige Gesetze schaffen, die sie selbst brechen, um ihre Macht zu steigern“. Ihm sei es nie um Macht gegangen, aber auch er sei ein wütender Charakter gewesen, sagt er. Viel zu lange.

Vielleicht ist es normal, dass jede Generation alle Verhaltensformen der Generationen vor ihr erstmal in Frage stellt, philosophiert Rossi. Aber er sei beim Verneinen der Werte seines Vaters weit übers Ziel hinausgeschossen. Viel zu weit, wie er schnell noch anfügen muss. Heute wisse er, dass die Wut, die er in sich spürte, vor allem Wut über sein eigenes mangelndes emotionales Gleichgewicht war. Die führte ihn direkt ins überproportionierte Konsumieren von legalen und illegalen Substanzen, die ihm beinahe vollends die Nasenschleimhäute gekostet hätten.

„Meine erste Frau und ich waren so wütend auf alles und jeden, dass wir uns mittels Drogen von allem Bürgerlichen distanzieren wollten. Dümmer kann man sich kaum verhalten“, wird Rossi selbstkritisch. „Es gibt nichts Spießigeres, als Alkohol und Kokain zu konsumieren. Mit dem Flüssigen spielt man der Droge Nummer eins des Establishments zu. Mit dem Pulver unterstützt man menschenverachtende Clan-Formen in Lateinamerika. Am Schlimmsten ist aber, dass man mit allen Drogen seine Wut über sich selbst zu vernichten denkt. Tatsächlich potenziert man sie damit sogar.“

Abstinenz vom Rock'n'Roll-Leben

Rossi redet kopfschüttelnd von Kokain-Bergen, die er und seine Musikerkollegen in den 70er und 80er Jahren bedenkenlos zu sich nahmen. „Heute halte ich weiten Abstand zu all dem Zeug und trinke seit einigen Jahren nicht mal mehr ein Bier. Nach einem Konzert gibt es Tee, Limo und Früchte. Es geht mir fantastisch damit“, formuliert Rossi seine Abstinenz von seinem klassisch-klischeehaft zelebrierten Rock'n'Roll-Leben früherer Jahre.

„Das Gefährliche an Kokain ist, dass es einen vollkommen resistent macht gegen jede Form von Empathie. Ich will uns Koksnasen, die wir uns 1985 für Live Aid im Wembley-Stadion trafen, nicht absprechen, dass wir den sterbenden Menschen in Äthiopien wirklich helfen wollten. Aber mit Verantwortungsbewusstsein hatte das zumindest in unserer Band nichts zu tun“, führt er aus.

Apropos Verantwortung. Rückblickend würde er sich selbst gerne ohrfeigen, weil er für seine Kinder nur hier und da physisch anwesend war, als sie heranwuchsen. Als sein ältester Sohn Simon ihm mitteilten wollte, dass er sich in einen anderen Jungen verliebt hatte, habe er, der Papa, Nachrichten geschaut und nur knapp „ja und?“, gesagt.

Dass ausgerechnet Francis Rossi, der Inbegriff machohafter Bühnenpräsenz in der Rockmusik, mit ausgesprochener Schwulenfreundlichkeit aufwartet, überrascht im Gespräch nicht. Leben und leben lassen ist seine Devise. Miteinander, wohlgemerkt. Seinen verstorbenen Kumpel Freddie Mercury bezeichnet er als „Darling“. Männerliebende Männer seien ihm angenehme Zeitgenossen, weil sie oft humorvoller durchs Leben gingen, meint er. Die Generation seines Vaters bat er um Verzeihung für seine Wut, als er sich bei einem verstorbenen Nachbarn für seinen Mut zum Wiederaufbau Englands nach dem Krieg bedankte.

Francis Rossi, so scheint es, ist bei sich selbst angekommen. Und er kann sein Leben inzwischen genießen. Finanziell vorgesorgt hat er mittels der vielen Status-Quo-Evergreens, die im Radio und in den Köpfen vieler Menschen nach wie vor präsent sind. „Down Down“, „Rockin' All Over The World“, „In The Army Now“, „What You're Proposing“ — die Liste der Status-Quo-Hits ist lang. Und sie sorgt auch heute noch dafür, dass er als einziges noch verbliebenes Urmitglied der Band weltweit jeweils mehrere tausend Zuschauer ins Konzert locken kann.

Arbeit an neuem Album

Gerade arbeitet er mit seinen derzeitigen Status-Quo-Kollegen an einem neuen Album, das im nächsten Jahr erscheinen soll. Er sei darauf als besserer Gitarrist denn je zu hören, verkündet er. Überhaupt würde er an der Gitarre nach all den Jahrzehnten endlich eine gute Figur abgeben, kokettiert Rossi. „Im Ernst!“, schmunzelt er. „Früher trieben mich meine überproportionierten Ambitionen auf die Bühne und ins Studio. Jetzt ist es die Freude an der Musik.“

Er hält kurz inne und formuliert ein paar Sekunden später seine, wie er sagt, wichtigste Erkenntnis, die er nach allen Irrungen und Wirrungen fand. „Ich kann mich verdammt nochmal glücklich schätzen, überhaupt noch am Leben zu sein. Rick Parfitt, mein Band-Mitstreiter starb vor anderthalb Jahren. Nach all dem Unsinn, den ich mir selbst bereitet hatte, feiere ich heute jedes Konzert so, als ob es das letzte wäre. Das verleiht Status Quo eine Frische, die wir jahrzehntelang nicht besaßen. Mich macht das glücklich und zufrieden mit mir und meinem Leben.“

Das lässt sich am Sonntag, 5. August, um 19 Uhr in Eschweiler nachprüfen, wenn Status Quo auf dem Marktplatz auftreten.

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