Gründung unseres Bundeslandes 1946: War NRW doch eine deutsche Idee?

Gründung unseres Bundeslandes 1946 : War NRW doch eine deutsche Idee?

Fragt man nach der Gründungsgeschichte Nordrhein-Westfalens, so erhält man seit Jahrzehnten immer die gleiche Antwort: Das Land sei eine unmittelbare Reaktion auf das Ende des Zweiten Weltkrieges, ein von den Briten als Siegermacht erfundenes und den Deutschen aufgezwungenes „künstliches“ Konstrukt aus dem nördlichen Teil der preußischen Rheinprovinz und der Provinz Westfalen; hauptsächlich erdacht, um französische und sowjetische Zugriffe auf das Ruhrgebiet abzuwehren.

Der Gründungsakt vom August 1946, die „Operation Marriage“ („Operation Hochzeit“), wurde zum Sinnbild einer administrativen Maßnahme, die Westfalen und Rheinländern verkündet wurde, ohne sie zu fragen, und die beide schließlich gegen ihren Willen in einem neuen, gemeinsamen Land zwangsvereinte. Dieser „Gründungsmythos“ wurde legendär und bis heute zum liebgewonnenen Ausgangspunkt selbstironischen Spotts rheinischer und westfälischer Kabarettisten, von „Es ist furchtbar, aber es geht!“ bis hin zu „Was Gott getrennt hat, darf der Mensch nicht verbinden!“.

Mythos mit wahrem Kern

Wie jedem Mythos wohnt auch diesem ein wahrer Kern inne. Doch bildet jener auch die ganze historische Wirklichkeit ab? Jüngste Kartenfunde und Quellenauswertungen lassen daran Zweifel aufkommen. Dabei handelt es sich keineswegs um ganz neue Erkenntnisse, sondern lediglich um die Zusammenführung zweier historischer Komplexe, die bislang völlig unverbunden betrachtet worden sind.

Bei dem einen handelt es sich um die Diskussionen über eine „Reichsreform“ in den Jahren 1919 bis 1930, in denen es nach Gründung der Weimarer Republik darum ging, das übermächtige Preußen aufzulösen und durch neue, mit den übrigen in etwa vergleichbare eigenständige Länder zu ersetzen. Es gab hierzu unzählige Kommissionen, Konferenzen, Modelle und Beschlüsse, die mit immer neuen Statistiken und Karten unterlegt waren. Vor allem Verkehrsingenieure und Wirtschaftsgeographen taten sich hierbei hervor.

So auch der spätere Pressechef der Deutschen Reichsbahn, Hans Baumann, der in seiner 1925 erschienenen Dissertation über das mitteldeutsche Braunkohlengebiet den Plan des Regierungsbaurates H. Rabe zur Neugliederung des Reiches in elf beziehungsweise  zwölf „Wirtschaftsgebiete“ aufgriff und leicht modifizierte. Baumann teilte die alte Rheinprovinz entlang der Grenze zwischen den Regierungsbezirken Köln und Koblenz, fügte den Kreis Wittgenstein Westfalen zu und gliederte Schaumburg-Lippe dem neuen Land „Niedersachsen“ an, während Lippe-Detmold ebenfalls zu Westfalen kommen sollte. Fertig war das Land „Rheinland-Westfalen“, mit der Hauptstadt Köln, nahezu exakt in den heutigen Grenzen von NRW zuzüglich der Kreise Altenkirchen und Waldeck. Der südliche Teil der Rheinprovinz bildete zusammen mit dem heutigen Hessen das Land „Rhein-Main“.

Vorläufer: Der Rabe-Baumann-Plan aus den 1920er Jahren unterteilte das Reich in Wirtschaftsgebiete. Das Land „Rheinland-Westfalen“ entsprach fast exakt dem heutigen NRW. Foto: Anne Orthen (ort)

Wirtschaftliche Gesichtspunkte

Der Rabe-Baumann-Entwurf ließ sich nicht so sehr von dynastischen oder politischen Traditionen leiten, sondern wie viele andere Modelle jener Zeit von wirtschaftlichen, demografischen, sozialen und verkehrstechnischen Gesichtspunkten. Und nach denen machte es schon in den 1920er Jahren Sinn, das Ruhrgebiet ungeteilt zu belassen, aber durch große ländliche Räume zu umfassen, die rheinischen Braun- und Steinkohlevorkommen mit den westfälischen zu verbinden und die gewachsenen, die Rheinprovinz mit der Provinz Westfalen verklammernden Wirtschafts- und Verkehrsstrukturen nicht nur zu erhalten, sondern auch politisch-administrativ zu stärken.

Ein Gedanke, der sich – in abweichenden äußeren Grenzen – auch in anderen Neugliederungsplänen jener Zeit wiederfindet. Interessant sind die Bezeichnungen, die diese neuen Gebilde erhalten, obwohl sie auch weite Teile Westfalens einbeziehen: „Niederrheinische Wirtschaftsprovinz“ oder schlicht „Niederrhein“.

Dieser Begriff taucht auch in einem Plan des Kreisauer Kreises über eine Neugliederung des Reiches in zehn Reichsländer aus dem Jahr 1943 auf. Die Autoren, darunter die später im Zusammenhang mit dem Attentat des 20. Juli 1944 hingerichteten Widerstandskämpfer Fritz-Dietlof von der Schulenburg und Josef Wirmer, fassen ebenfalls Westfalen – bei Abtrennung der Kreise Minden, Warburg und Siegen-Wittgenstein – und den Nordteil der Rheinprovinz zusammen, ergänzen diese Gebiete, wahrscheinlich aus konfessionellen Gesichtspunkten, jedoch um den Regierungsbezirk Osnabrück, das Emsland und das Oldenburger Münsterland, allesamt katholisch dominierte und geprägte Regionen. Das so zusammengesetzte neue Land sollte übrigens „Niederrhein-Westfalen“ („NRW“!) heißen.

Öffentlich zugänglich und bekannt

Sämtliche Vorschläge blieben folgenlos, aber sie waren – mit Ausnahme der Planspiele des Kreisauer Kreises – in den 1920er und 1930er Jahren öffentlich zugänglich und unter den Verwaltungsbeamten Preußens und des Reiches wohlbekannt.

Der andere historische Komplex betrifft die unmittelbare Nachkriegszeit. Zeithistoriker wie Peter Hüttenberger und Rolf Steininger haben bereits vor Jahrzehnten den Nachweis erbracht, dass die Briten zwar das neue Land an Rhein und Ruhr alleine beschlossen und durchsetzten, dabei aber sehr wohl von deutschen Experten beraten wurden. An erster Stelle ist hier der Oberpräsident der damaligen Nordrhein-Provinz, Robert Lehr, zu nennen, dessen Memorandum vom 6. Mai 1946 von der britischen Militärverwaltung als Grundlage zur Entscheidungsfindung herangezogen worden ist.

Darin befürwortet Lehr die Vereinigung von nördlichem Rheinland und Westfalen zum Land „Rheinland-Westfalen“ – abgesehen von zeitbedingten Faktoren wie den Kriegszerstörungen und der Demontage – mit den gleichen wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Argumenten, auf denen auch der Rabe-Baumann-Plan basierte. Unterstützt wurde Lehr vom Kölner Oberbürgermeister Hermann Pünder, der ausgezeichnete Kontakte zu den britischen Besatzern unterhielt, sowie vom Münsteraner Oberstadtdirektor Karl Zuhorn, der in einem eigenen „Rahmenplan“ die Bildung eines Landes „Rheinland-Westfalen“ vorschlug, um die Schaffung eines „Ruhrlandes“ zu verhindern, das die Aufteilung Westfalens zwischen besagtem „Ruhrland“ und der Provinz Hannover, dem späteren Niedersachsen, zur Folge gehabt hätte.

Und schließlich fragten die Briten 1946 als einzigem deutschem Politiker beim rheinischen CDU-Vorsitzenden Konrad Adenauer nach, was dieser von Vereinigung von Nordrhein und Westfalen, hielte; eine Frage, die Adenauer ebenso prompt wie entschieden positiv beschied.

Was aber verband diese vier Persönlichkeiten außer der Tatsache ihrer Zugehörigkeit zur neugegründeten CDU? Sie alle waren in den 1920er Jahren direkt oder indirekt involviert in die Debatten um die Neugliederung des Reiches und die Reichsreform: Pünder als langjähriger Chef der Reichskanzlei, der Kölner Oberbürgermeister Adenauer als Präsident des Preußischen Staatsrates und Mitglied der „Preußen-Kommission“, die sich ab 1922 im Rahmen der Neustrukturierung des Reichsgebiets mit der „Preußenfrage“ beschäftigen sollte, Lehr als Oberbürgermeister von Düsseldorf und Mitglied im Deutschen Städtetag sowie Zuhorn als preußischer Landesrat und späterer Oberbürgermeister von Münster. Zufall?

Vernünftige Gründe

Die Geschichte der Landesgründung muss nicht völlig neu erzählt werden. Es bleibt dabei: Die Briten schufen dieses Land aus eigenen Stücken und vor dem Hintergrund aktueller Erfordernisse. Aber sie bedienten sich dabei der Expertise ausgewählter deutscher Fachleute. Diese wiederum handelten ebenfalls in Kenntnis drängender Erfordernisse wie der Aufrechterhaltung der Versorgung, der Eindämmung französischen und sowjetischen Einflusses auf das Ruhrgebiet und der Verhinderung der Zerschlagung Westfalens beziehungsweise der Lostrennung des Rheinlandes von Deutschland.

Aber sie wussten genau, dass auch ohne Weltkriegszerstörungen und Besatzungszonen beziehungsweise Besatzungsmächte viele vernünftige Gründe für eine Zusammenlegung des nördlichen Rheinlandes und Westfalens sprachen, die bereits mehr als zwanzig Jahre zuvor öffentlich diskutiert worden waren. Wenn man die Vorschläge zu einer Reichsreform mit der Ausgangslage des Jahres 1946 in einen Zusammenhang bringt, erscheint es zumindest nicht vermessen, die vorgeblich so „künstliche“ und von außen „aufgezwungene“ Existenz Nordrhein-Westfalens als eine Realisierung im Wesentlichen deutscher Pläne und Vorstellungen neu zu deuten.

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