Kinderuni zur Digitalisierung: Von Risiken und Nutzen der neuen Welt

Kinderuni zur Digitalisierung : Von Risiken und Nutzen der neuen Welt

Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Kauf eines Brötchens beim Bäcker und dem Nachfragen einer Information bei einer Internetsuchmaschine? Im Rahmen der Kinderuni beschäftigten sich am Freitag Nachmittag die beiden Innovationsmanager David Antons und Dirk Lüttgens genau mit dieser Frage.

Denn die digitalen Möglichkeiten und Risiken transformieren unsere Gesellschaft. Und so etwas sollte gemanagt werden. Warum, erklären sie im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld.

Sie arbeiten am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement der RWTH Aachen. Warum brauchen Menschen Innovationen?

Lüttgens: Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Innovationsgeschichte. Menschen waren immer schon bestrebt, ihr Umfeld zu verbessern: Die Höhlenmenschen haben gefroren, also haben sie sich überlegt, wie sie es warm bekommen konnten. Sie hatten im Sommer viel und im Winter wenig Fleisch — also haben sie sich überlegt, wie sie das Fleisch aus dem Sommer haltbar machen konnten. Ohne die Erfindung des Rades wären wir heute nicht in dem Alltag, wie wir ihn leben. Aktuell ist unser Alltag nicht mehr von der Frage geprägt, wie wir es im Winter warm haben können. Heute drehen sich die Fragen vielleicht eher um die Frage: Wie lange stehe ich im Stau und schaffe ich es rechtzeitig zu meinem Termin? Als ich mit meinen Eltern früher in den Urlaub gefahren bin, hatten wir eine Karte und die Staunachrichten im Radio. Damit haben meine Eltern versucht, die Staus zu umfahren. Heute nutzen wir dafür selbstverständlich Navigationssysteme — Systeme, die viele Infos gleichzeitig verarbeiten können und uns so helfen, die Strecke zu optimieren.

Schnell noch den Stempel abholen: David Antons (links) und Dirk Lüttgens werden von den Teilnehmern der ersten Ausgabe der Kinderuni belagert. Alle wollen ihre Teilnahme in ihrem Ausweis abstempeln lassen. Übrigens noch ganz und gar nicht digital. Foto: Andreas Steindl

Und warum müssen Innovationen gemanagt werden?

Antons: Die Frage stellen uns die Ingenieure auch immer. Sie sagen zu Recht: Nicht Ihr Betriebswirte sorgt für Innovationen, sondern wir. Aber Innovationen bedürfen ein gewisses Umfeld, in dem Zeit zur Verfügung steht, Kreativität wächst, Hirnschmalz angewendet werden kann. Innovationsmanager gestalten also in Unternehmen und Hochschulen ein Umfeld, in dem Ingenieure und Naturwissenschaftler die Innovationen für morgen entwickeln können.

95 Prozent aller Internet-Suchanfragen in Deutschland werden über Google gestellt. Der amerikanische Konzern verzeichnete 2016 etwa 64 000 Anfragen pro Sekunde. Die summierten sich in dem Jahr auf 3,29 Billionen Anfragen. Im Jahr 2000 waren es noch 9,24 Milliarden. Foto: Soeren Stache/dpa

Wenn Sie gestalten sagen, meinen Sie keine bunten Wände…

Antons: Nein, es geht eher um die Rahmenbedingungen: Wie ist der Vertrag des Mitarbeiters ausgestaltet? Welche Möglichkeiten der Kooperation unter Mitarbeitern aber auch über Unternehmensgrenzen hinweg gibt es? Wer bekommt wie viel finanzielle Mittel, Laborzeiten und so weiter? Innovationsmanager sind aber auch für das operative Geschäft von Unternehmen wichtig. Sie moderieren Workshops, schulen Ingenieure zum Beispiel in Sachen Kreativitätstechniken, beraten intern auch über Marktchancen einer neuen Entwicklung.

Während viele Firmen mit Daten handeln und diese einen wesentlichen Anteil am Wert der Unternehmen einnehmen, sind Einzelpersonen bislang vom Handel mit den eigenen Daten ausgeschlossen. In der Regel muss der Nutzer eines Dienstes den Datennutzungsbedingungen zustimmen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Lüttgens: Wenn es kein Bedürfnis gibt für die entwickelte Technologie, flopt sie. Innovationsmanager sind auch dafür da, die Welt draußen mit der Ideenwelt der Ingenieure zusammen zu bringen.

Für die Kinderuni nehmen Sie sich die digitale Welt vor. Warum ist das für Sie als Wissenschaftler interessant?

Ein völlig ungeschützter Computer wird im Schnitt nach 60 Sekunden von Viren, Würmern, Trojanern, Phishing-Programmen oder anderer Schadsoftware angegriffen. Es droht dann der komplette Datenverlust oder die Preisgabe von wichtigen Passwörtern. Foto: Ole Spata/dpa

Antons: Wir befinden uns in der digitalen Transformation: Durch die Digitalisierung verändert sich für die Gesellschaft als Ganzes sehr viel. In der Kinderuni wollen wir untersuchen und verstehen, wie Wirtschaft anders funktioniert. Wie managen Unternehmen diese Transformation? Menschen sind oft resistent gegen Veränderung und nicht jede Veränderung wirkt sich sofort positiv aus. Wechseln wir zum Beispiel vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität, müssen wir uns fragen, was die ganzen Ingenieure tun, die bis dato den Verbrennungsmotor entwickelt haben. Durch die Digitalisierung werden Unternehmen vom Markt verschwinden, andere neu entstehen. Ich als Sozialwissenschaftler finde es spannend, wie Menschen auf die Veränderung reagieren.

Lüttgens: Heute verkaufen Autokonzerne Autos, in Zukunft verkaufen sie Mobilität. Die Frage nach der Art des Motors ist da nicht wichtig, sondern wie ich als Nutzer die bestmögliche Mobilität bekomme. Die Anforderung lautet dann: Bringe mich in kürzester Zeit von Wolfsburg nach Istanbul! Das kann mit dem Auto sein, mit dem Schiff, dem Zug, dem Flugzeug. Dafür brauche ich Digitalität. Sie kann Probleme lösen, aber auch Probleme verursachen.

Etwa die Hälfte aller Sechs- bis 13-Jährigen hat ein eigenes Smartphone, bei Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren steigt diese Quote auf 98 Prozent (KIM- und JIM-Studie). Die Nutzung des Massengerdienstes „WhatsApp“ hat in den entsprechenden Altersstufen eine vergleichbare Quote. Foto: Ole Spata/dpa

Das Brötchen bezahle ich mit Geld, die Information von Google bezahle ich mit Daten. Gibt es da einen Unterschied oder hat sich nur die Währung verändert?

Lüttgens: Im Prinzip ist beides ein Austausch. Geld ist ja entstanden, um das Verfügbarkeits- und Speicherproblem beim Tauschhandel zu lösen. Im Digitalen tauschen wir auch, nur heißt hier die Währung nicht Geld, sondern Daten. Der wesentliche Unterschied ist, dass ich zwar genau weiß, was ich bekomme, aber nicht weiß, was ich gebe. Den Wert meiner Daten kann ich nicht bemessen. Sie werden nicht in Kilobyte abgerechnet.

Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen gibt es viele Möglichkeiten wie Jugendschutzfilter für den Internetzugang, kindgerechte Email-Adressen und Massengerdienste. Die Internetseite „klicksafe.de“ — eine EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz — gibt dafür viele Hinweise. Fotos (5): dpa. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Antons: Jetzt tauschen wir Information gegen Information — allerdings bin ich mir nicht bewusst, dass ich etwas preisgebe. Und ich weiß nicht, was meine Daten wert sind. Da können wir auch noch gar nicht absehen, wo das hingeht. Denn es werden ja immer mehr Daten gesammelt, die in der Anhäufung immer wertvoller werden können. Auch ein Geldschein trägt Informationen — zum Beispiel meinen Fingerabdruck. Aber die liest in der Regel niemand aus. Meine Daten enthalten sehr viele Informationen, die vollständig ausgelesen werden und ewig nachvollziehbar bleiben.

Lüttgens: Das ist auch ein Grund, warum Konzerne wie Google erheblichen Druck machen, Bargeld abzuschaffen. Gehe ich heute ohne Smartphone in der Tasche in ein Café und bezahle meine Bestellung bar, kann keiner daraus Schlüsse ziehen. Wenn ich aber mit verschiedenen internetbasierten Bezahldiensten bezahle, weiß der Anbieter, was ich wann wie viel in welchem Lokal ausgegeben habe. Er kann sich ausrechnen, dass ich möglicherweise zu viel gegessen und getrunken habe.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Chancen und die Risiken der digitalen Welt

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