Region: Von der Sonne zur Sonne: Riesenprojekt Energeticon wird eröffnet

Region: Von der Sonne zur Sonne: Riesenprojekt Energeticon wird eröffnet

Harald Richter ist ein besonnener Mann, aus der Ruhe zu bringen ist er nur schwer. Und das ist auch gut so, denn als Geschäftsführer der Energeticon gGmbH ist ein kühler Kopf Gold wert. Das war zu Beginn des Projekts Energeticon so, als die damalige NRW-Landesregierung im Jahr 2001 kundtat, dass es keine öffentlichen Fördermittel für ein Bergbaumuseum geben würde, und auch jetzt auf der Zielgerade ist das der Fall.

Denn im Endspurt bis zur Ausstellungseröffnung „Energie erleben — Energie verstehen“ am kommenden Montag dürften die Tage für die Organisatoren und Arbeiter auch gerne mehr als 24 Stunden haben. Und auch zwischendurch waren die Geduld und ein langer Atem des einstigen Alsdorfer Stadtplaners Richter gefragte Attribute. Denn der Start des Projekts Energeticon verlief holprig.

Alles dreht sich um die Sonne: Oben stehen Besucher im „Sonnenraum“ unter einem Licht, das seine Farbe wechselt. Links: Physikalische Phänomene, aufbereitet in Versuchsreihen, ermöglichen es dem Besucher, das Thema Energie mit allen Sinnen zu erfassen. Foto: Holger Bubel

Im Jahr 2001 war die Enttäuschung bei den Mitgliedern des Bergbaumuseumsvereins groß, als sich ihr Wunsch nach einem reinen Bergbaumuseum in Alsdorf als unerfüllbar abzeichnete. Der Verein hatte sich schon vor der Stilllegung des Aachener Steinkohlereviers zu Beginn der 90er gegründet, um ein Bergbaumuseum an jener Stelle zu errichten, an der nun das Energeticon eröffnet wird.

Alles dreht sich um die Sonne: Oben stehen Besucher im „Sonnenraum“ unter einem Licht, das seine Farbe wechselt. Links: Physikalische Phänomene, aufbereitet in Versuchsreihen, ermöglichen es dem Besucher, das Thema Energie mit allen Sinnen zu erfassen. Foto: Holger Bubel

Was war zu tun, um den ehemaligen Bergleuten und dem Andenken an die Historie der Stadt, dem einstigen „Herzen des Wurmreviers“, gerecht zu werden? In dieser Frage kamen Harald Richter sein besonnenes Gemüt und sein Blick als Stadtplaner zu Hilfe. „Die Lösung war doch eigentlich naheliegend. Der vergangene Bergbau musste in ein Konzept gegossen werden, das in die Zukunft gerichtet war. ‚Energiewende‘ war 2002 noch kein großes Thema, dieses Feld wurde den ‚grünen Träumern‘ überlassen. Doch hier war der Ansatz für uns.“

Heiß, eng und stickig: Der Arbeitsplatz unter Tage vor Ort war wenig attraktiv. Im Streb war die hoch gelobte Kameradschaft unter Bergleuten auch deshalb unverzichtbar. Foto: Holger Bubel

Gemeinsam mit dem damaligen Landtagsabgeordneten und heutigen Ehrenbürger der Stadt Alsdorf, Hans Vorpeil, und Hans-Dieter Collinet, damals Leiter der Abteilung Stadtentwicklung im Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport, dachte Harald Richter über eine Lösung nach: die Idee „Energeticon“ (ein Kunstwort) wurde geboren. In die Praxis umgesetzt wird sie auf dem Annapark-Gelände im Zentrum Alsdorfs.

Dort verfügt das Energeticon über 30 000 Quadratmeter Grundstücksfläche mit drei Gebäuden des ehemaligen Bergwerks Anna II: das Schmiedegebäude, das denkmalgeschützte Fördermaschinenhaus und das Kauengebäude. Diese sind teilweise über vom Museumsverein präzise nachgebaute Strecken untertägig miteinander verbunden. „Von der Sonne zur Sonne!“, so wird die Kernbotschaft der Dauerausstellung lauten. Ausgehend von der Sonne und der unbelebten Erde zieht sich der Erzählstrang der Ausstellung über 30 Stationen auf einem 700 Meter langen Parcours.

Der Weg führt dabei über die schrittweise Abkehr der Nutzung historischer Sonnenenergie in Form der endlichen, fossilen Energieträger — damit war der Bergbau ins Boot geholt —, bis zur unmittelbaren Nutzung gegenwärtiger Sonnenenergie in ihren verschiedenen Erscheinungsformen — von Windkraft bis Photovoltaik — als unendliche, regenerative Energiequelle.

Was den Besucher des Energeticons nun erwartet, ist also weitaus mehr, als eine Reise in die Zeit des Bergbaus, vielmehr dreht sich in der Dauerausstellung „Energie erleben — Energie verstehen“ (fast) alles um die Sonne als energetisches Zentralgestirn, das sowohl Motor für fossile als auch für regenerative Energiequellen war und ist. Und so startet der Museumsparcours auch mit dem Abschnitt der Geschichte von Sonne und Erde. Eingestimmt auf den Rundgang werden die Besucher im „Sonnenraum“, nur das wechselnde Farblicht einer „Sonnenscheibe“ erhellt den Raum, begleitet von ruhigen, sphärischen Klängen.

Der zweite große Teil des Parcours, der laufend aktualisiert werden soll, befasst sich ausführlich mit dem Bergbau-Motiv: „Geschichte fossil-industrielles Zeitalter“ ist dieser Abschnitt betitelt. Nach einer simulierten Seilfahrt aus der „Alten Schmiede“ in die Tiefe erreicht der Besucher eine Untertagestrecke. Dort erhält er zahlreiche Informationen über das harte Arbeitsleben der Bergleute. Maschinen, Gerätschaften und sozialgeschichtliche Gegenstände sowie Infotafeln, historische Filmsequenzen und akustische Einspielungen vermitteln ein fast reales Untertage-Erlebnis in (gefühlten) mehreren hundert Metern Tiefe.

Über eine zweite Untertagestrecke erreichen die Besucher das alte Kauengebäude, das sich mit dem gesellschaftlichen Phänomen des Bergbaus im Aachener Revier befasst. In der Kaue bereiteten sich einst die Bergleute auf ihren Weg ins Erdinnere vor. Hier legten sie ihre Bergmannskluft und Ausrüstung an, hier standen sie nach einem beschwerlichen Arbeitstag zu Hunderten unter der Dusche und „seiften sich ein und schrubbten sich gegenseitig die Rücken ab“, erfährt der Besucher. Es gibt Einblicke in das Leben der Bergmannsfamilien, in deren Wohnungen, Heimwerkstätten, Vereinsleben — alles lebendig dargestellt mit Exponaten aus dem vergangenen Jahrhundert.

Von diesen Eindrücken aus wechselt die Ausstellung in den post-fossilen Bereich, in die „Geschichte des regenerativ-industriellen Zeitalters“. Der Fokus dabei liegt gleich zu Beginn auf der Energiewende, die nun gar nicht mehr so abstrakt ist wie zum Start der Energeticon-Idee. „Wurde sie 2002 noch als Spinnerei weniger Verklärter abgetan, ist heute nicht mehr die Frage, ob die Energiewende stattfindet, sondern wer sie bezahlt“, erklärt Harald Richter. Anhand von Modellen und Infotafeln werden den Besuchern die Gründe für die Energiewende im globalen Zusammenhang erläutert. „Dieser Ausstellungsteil zeigt technologische Wege der Energiewende auf und will Hoffnung machen auf ihren Erfolg, und damit auf die Schonung nicht erneuerbarer Ressourcen und auf eine Begrenzung der Erwärmung der Erdatmosphäre“, erläutert Harald Richter das didaktische Ziel. In verständlicher Weise, oft interaktiv, mit Installationen, Filmen und Hörstationen, überwiegend mit visuellen, sinnlichen Mitteln, begleitet dieser Teil der Ausstellung den Besucher aktiv in das gegenwärtige regenerativ-industrielle Zeitalter. Das Ganze ist so konzipiert, dass es sich auch Menschen mit nur wenig Vorkenntnissen zum Thema Energie auf Anhieb erschließt: Es soll „populär sein im besten Sinne“, betont Harald Richter. Dem Besucher, dem das Energeticon-Gelände bislang fremd war, wird eine Besonderheit dieser Art Erlebnisausstellung auffallen: Wurde das Fördermaschinenhaus vor 2008 noch in „klassischer“ Weise saniert, also in einen quasi „neuen“ Zustand zurückversetzt, verfolgt das Architekturkonzept bei der Sanierung der beiden anderen Museumsgebäude, der Schmiede und der Kaue, den aktuellen Designansatz der „Rough interiors“: „Betriebsspuren und Alterung der Bauwerke sollen deren Erscheinungsbild charakterisieren. Sie sollen nicht ‚runderneuert‘ zu quasi geschichtslosen Bauten werden“, erklärt Harald Richter.

Dieser „Used look“, als sei das Gebäude noch in der Nutzung, kontrastiert auf gelunge Weise mit den makellosen, neuen Einbauten und Gerätschaften der Ausstellung. So viel, wie es für ein modernes Museum möglich war, ist an originaler Sub-stanz erhalten geblieben. Auch das sieht Harald Richter als klaren Vorteil an, um die Botschaft zu transportieren: „Mit Emotionalität und mit allen Sinnen wollen wir die Besucher für das Thema Energie begeistern, nicht mit nackten Zahlen. Die sind nur schwer greifbar. Im besten Fall nehmen die Energeticon-Besucher ein paar Argumente mit nach Hause, zukünftig sensibel und bedacht mit Strom, Wasser, Gas umzugehen.“

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