Maastricht: Vom Guten, Schönen und Teuren auf der Tefaf

Maastricht: Vom Guten, Schönen und Teuren auf der Tefaf

Das MECC-Gelände in Maastricht um zwölf Uhr mittags: Auf dem VIP-Parkplatz sind längst alle Plätze mit schweren schwarzen Limousinen belegt, die Messehallen sind gut gefüllt mit gut betuchten Menschen. Donnerstag war „Early Access Day“ bei der Tefaf, der Tag für die schwerreichen Top-Sammler, Museumsdirektoren und andere very important persons (VIPs) aus aller Welt, denen die Kunsthändler einen „Frühaufsteherzugang“ zur Messe einräumen.

Ab zehn Uhr strömen vor allem europäische und amerikanische Sammler und Kenner zusammen mit den Pressevertretern in die fein hergerichteten Messehallen, um die aktuellen Highlights der 31. Tefaf, der weltweit führenden Kunst- und Antiquitätenmesse, in Augenschein zu nehmen. Nach kurzem Stopp an den Sicherheitschecks mit Ticket- und Taschenkontrolle zieht es die Menge ins Reich der feinen Künste, wo sie sich je nach Interessenlage flugs auf die 275 Messestände mit Kunstwerken (fast) aller Art verteilt.

In Maastricht startete am Donnerstag die Kunstmesse TEFAF. Foto: Oliver Berg/dpa

Die Vielfalt der auf der Tefaf angebotenen Kunstwerke sucht seit Jahrzehnten ihresgleichen, und so finden hier auch in diesem Jahr nicht nur Liebhaber von Alten Meistern, jener Gattung der Malerei des 14. bis 18. Jahrhunderts, sondern auch Sammler aus Nischenbereichen der Kunst wieder die Objekte ihrer Begierde: hochkarätig, selten und mit einwandfreier Provenienz.

Die Herkunft des Kunstwerks — das ist inzwischen das zentrale Thema bei Sammlern und Händlern. Denn dreiste Fälschungen (Stichwort Beltracchi) und Werke, auf die möglicherweise andere einen Anspruch haben könnten (Stichwort Raubkunst), sind für echte Sammler wie ein Dieselfahrzeug für Autobesitzer: wertlos.

Deshalb gilt die Tefaf auch als Dorado der „Echtheit“, vor allem was die berühmten Alten Meister betrifft: „Hier finden Sie nur Objekte, die eine absolut zweifelsfreie Herkunft haben“, sagt Konrad O. Bernheimer, Chairman der Pictura-Sektion der Tefaf. Und nicht nur das: „Auch das Beste, was es auf der Welt an Alten Meistern zu sehen gibt, ist hier versammelt“, sagt Bernheimer, der gerne als „einer der erfolgreichsten Kunsthändler der Welt“ bezeichnet wird.

Seinen Kunsthandel, den er seit 2016 nicht mehr von München aus, sondern ausschließlich in seiner Londoner Galerie „Colnahgi“ betreibt, bestückt er grundsätzlich „nur mit Werken aus sehr alten und bedeutenden Sammlungen“. Bester Beweis dafür ist der „Colnaghi“-Stand auf der Tefaf — ein dunkles, schmuckes Kabinett mit betörenden Alten Meistern aus Italien und Spanien.

Die Preise sind Geheimsache

Das schönste Stück, eine kleinformatige „Mater dolorosa“ von Bartolomé Esteban Murillo, erworben auf einer deutschen Auktion, ist — kaum aufgehängt — bereits verkauft. An wen und zu welchem Preis? Schulterzucken, verschämtes Weggucken der Mitarbeiter, sorry, immerhin dies: verkauft für eine siebenstellige Summe, sagen sie. Also mindestens zehn Millionen Euro. Chapeau (so wie es auch auf den offiziellen Tefaf-Plakaten steht), die Geschäfte laufen gut.

Mit den Preisen auf der Tefaf ist es so eine Sache. Auf der ganzen Messe gibt es keine Preisschildchen. Und wenn man nach dem Preis fragt, kann es sein, dass man zu hören bekommt: „Ich nenne keine Preise.“ Der das sagt, ist Howard Shaw, Präsident und Direktor der New Yorker Hammer Galleries. Er hat dieses Jahr einen kleinen van Gogh im Sortiment.

„Sehen Sie“, erklärt er, „gegebenenfalls kommt jemand und kauft das Bild, und dann will er vielleicht lieber nicht, dass seine Freunde wissen, wie viel er dafür bezahlt hat.“ Aha. Aber was, wenn man nun selbst ein Kaufinteressent ist, dann würde man den Preis doch genannt bekommen, oder? Mr. Shaw mustert sein Gegenüber. „Es kostet das, was man von einem van Gogh erwarten würde.“

Ein paar Stände weiter gibt es einen Picasso, der aber überhaupt nicht wie ein Picasso aussieht. Des Rätsels Lösung: Er stammt von 1895, als der Künstler 14 Jahre alt war. Quasi eine Schülerarbeit. Dennoch soll das Minibild für 1,7 Millionen Euro weggehen. Da würden die meisten Laien doch vermutlich lieber das vier Meter hohe „Kleopatra“-Bild des Schweden Julius Kronenberg nehmen.

Auf der Suche nach Geldanlagen

Dass die Preise ungern und nur so ungefähr genannt werden, kann nur eines bedeuten: Sie sind hoch. Die vorab angekündigte Bronzeskulptur von Camille Claudel — ebenfalls bereits verkauft — an ein Museum, Preis geheim. Ein chinesisches Vasenpaar von beachtlicher Größe aus der Kangxi-Periode für 1,2 Millionen Euro vom Asiatica-Experten Vanderven, maximal zehn gibt es davon auf der Welt. Oder ein großformatiges Faltenwurfobjekt aus bunten Kronkorken des ghanaischen Bildhauers El Anatsui im Angebot für eine Million Euro bei Axel Vervoordt.

Das ist dennoch „nichts“ im Vergleich zum Bling-Bling der Diamanten und Edelsteine, die in der Juwelenabteilung der Messe die Blicke auf sich ziehen. Für die Maastrichter Kunstmesse gewinnt diese Sektion immer mehr an Bedeutung. Eine ganze Generation von Erben scheint auf der Suche zu sein nach dem Besonderen, nach Werten, die sich wiederum an die nächste Generation vererben lassen, und natürlich nach der „ewigen“ Geldanlage.

Für Traditionsjuweliere wie das Münchener Familienunternehmen Hemmerle eine willkommene Entwicklung, obwohl Juniorchef Christian Hemmerle, der das Haus in vierter Generation führt, sagt: „Für uns zählen keine Trends, wir orientieren uns immer nur an den Wünschen unserer Kunden.“ Hemmerle begeht in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen und feiert dies mit einer ganz besonderen Kollektion.

Der 1893 gegründete Goldschmiedebetrieb war einst spezialisiert auf die Herstellung von Orden und Medaillen und stellt auch heute noch den Verdienstorden und den Maximiliansorden für den Freistaat Bayern her. Basierend auf dieser Tradition präsentiert Hemmerle auf der Tefaf eine Schmuckauswahl, bei der sich in Bezug auf Design und Material das Alte im Neuen widerspiegelt. Gediegen, wertvoll, niemals protzig. Doch auch bei Familie Hemmerle, die ihre Preziosen seit 21 Jahren in Maastricht ausstellt, sind die Preise Geheimsache. Für Seniorchef Stephan und seine Frau Sylveli, eine gebürtige Aachenerin, ist das eine Selbstverständlichkeit.

Millionenwerte an Schmuck

Eine ganz andere Auffassung von Schmuck ist bei Wallance Chan zu bestaunen. Große, bunte Steine sind in den skulpturalen und doch federleichten Schmuckstücken des chinesischen Starjuweliers verarbeitet. Licht und Zen-Philosphie spielen bei Chans Design eine große Rolle, die Preise sind astronomisch.

Ein Diamantcollier mit dem geheimnisvollen Namen „Sun of Soul“ und einem gelben Diamanten von mehr als 80 Karat gehört bereits einer chinesischen Trägerin. Die kunstvolle Brosche „Flower of the Tang Dynastie“ mit einem sechskarätigen Rubin in der Mitte ist dagegen zu erwerben — für mehr als zehn Millionen Euro.

Dass reiche Asiatinnen solche Millionenwerte tatsächlich in aller Öffentlichkeit an ihrem Körper spazieren tragen, versichert die junge Dame am Stand glaubhaft. Für Europäerinnen oder Amerikanerinnen wäre das allerdings undenkbar. Für Wallance Chan, der zum dritten Mal auf der Tefaf dabei ist, ist der Westen trotzdem ein wichtiger Markt: einfach, um hier seine sündhaft teuren Kunstwerke zeigen zu können.

Doch auch wenn das Schauen von Mensch und Kunst auf der Tefaf eine große Rolle spielen, ist die Messe an den ersten beiden Preview-Tagen natürlich in erster Linie zum Kaufen und Verkaufen da — da muss man sich nichts vormachen. Nicht wenige der älteren Herren in edlen Maßanzügen und der Damen in Highheels, die mit teuren Designerhandtaschen durch die Gänge schlendern, sind offensichtlich sehr zielgerichtet unterwegs, werden hier und da als alte Bekannte begrüßt und verschwinden schnell zu Verhandlungen in den Hinterzimmerchen, die jeder Stand zu genau diesem Zweck bietet.

Erstaunlich ist, dass die demografische Entwicklung auf der Tefaf anders zu verlaufen scheint als im richtigen Leben — immer mehr junge Leute werden hier gesichtet. Auch Konrad O. Bernheimer macht „ein deutlich gesteigertes Interesse der jüngeren Generation“ aus. Fast alles, was seine Galerie am Donnerstag verkauft hat, sei an Leute unter 40 aus Europa und Asien gegangen. Chapeau, und nur kein Neid.

Denn es macht auch Spaß, über die Tefaf zu laufen, wenn man sich gar nichts kaufen kann. Die Blumen-Arrangements, mit das Schönste auf der Messe, sind sowieso unverkäuflich. Und immer zur Tefaf-Zeit liegt der Frühling in der Luft. Beim ersten Sonnenstrahl ein Tässchen Koffie, ein stukje Appelkuchen — das Leben kann so schön sein. Wer will da noch wissen, was dieser van Gogh kostet?

(ela)