Vom Ende der Kohle und Warten auf den Strukturwandel

Eine Bestandsaufnahme : Vom Ende der Kohle und Warten auf den Strukturwandel

„Ich kann es nicht mehr hören. Ich kann die ganzen Papiere nicht mehr lesen. Es muss endlich etwas passieren.“ Das Restaurant am Eschweiler Blausteinsee, es ist Ende Oktober, Pressetermin mit regionalen SPD-Vertretern.

Es geht um den Strukturwandel nach dem Ende der Braunkohle, ein zähes Thema. Dietmar Nietan, der Dürener im Bundesvorstand der Sozialdemokraten, hat den Status eines Sonderfördergebiets für das Rheinische Revier angeregt, und er hat gefordert: „Wir brauchen endlich einen Plan.“

Dann, ganz am Ende, platzt dem Eschweiler Bürgermeister Rudi Bertram der Kragen. Einen Konsens beim Strukturwandel gebe es noch nicht mal unter den Bürgermeistern der Region, da würde der eine dem anderen nicht mal das neue Gewerbegebiet gönnen. „Die haben den Knall nicht gehört“, wettert der Sozialdemokrat. „Wir waren immer solidarisch, etwa mit dem Ruhrgebiet. Diese Solidarität fordere ich jetzt auch ein.“ Die ganzen Papiere, die Bertram nicht mehr lesen will, das sind die Akten der sogenannten Strukturkommission. Bertram will keine Akten mehr, er will endlich Aussicht auf Hilfe.

Die Krankheit, die Therapie

Bertrams Ausbruch offenbart das ganze Dilemma bei diesem verflixten Strukturwandel, in dem „seine“ Stadt Eschweiler als Kraftwerksstandort mittendrin steckt. Strukturwandel planen, das heißt so viel wie die Behandlung einer Krankheit vorbereiten, von der man nicht genau weiß, wann sie kommt und wie schwer sie ausfallen wird. Aber sie kommt. Die Krankheit, das sind die Tausenden wegfallenden Arbeitsplätze durch das Ende der Braunkohleförderung in den Tagebauen Garzweiler, Inden und Hambach. Die Behandlung, das sind möglichst viele und möglichst gut bezahlte Arbeitsplätze, die man bestenfalls schon geschaffen hat, ehe die Krankheit ausbricht. Sonst droht ein Strukturbruch, das ist die schlimmere Form der Krankheit.

Früher nannte man es das braune und das schwarze Gold: Doch die goldenen Zeiten des Bergbaus sind längst vorbei. Foto: : imago/imagebroker/t.müller

Für die Behandlung gibt es Geld aus Berlin, ein paar Milliarden Euro sollen es schon sein, die in den kommenden Jahrzehnten ins Rheinische Revier fließen. Und da beginnt schon das Problem, denn die meisten Städte und Gemeinden in diesem „Revier“ im Dreieck zwischen Mönchengladbach, Inden und Kerpen sind gar nicht direkt vom Aus der Braunkohle betroffen. „Das Rheinische Revier ist ein administratives Bequemlichkeitsraster“, sagt Michael Gramm, Wirtschaftsgeograph und Experte für regionale Strukturentwicklung. Fast 5500 Quadratkilometer umfasse das Gebiet, drei IHK- und zwei Regierungsbezirke. „Solidarität wird nicht gelebt“, sagt er. „Aber das ist nie anders gewesen.“

Die Erfahrung

Man sollte meinen, unsere Region habe Erfahrung mit Strukturwandel, die Schließung der letzten Steinkohlezechen Anna in Alsdorf (1992) und Sophia-Jacoba in Hückelhoven (1997) ist keine 30 Jahre her. Ulrich Schirowski, Jahrgang 1967, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg, ist Hückelhovener und „quasi im Schatten des Förderturms aufgewachsen“. An die Situation Ende der 1980er Jahre kann sich der 51-Jährige gut erinnern. „Hückelhoven – das war Sophia Jacoba! Fast selbstverständlich entschieden sich viele aus meinem damaligen Freundeskreis bei der Berufswahl für die Zeche.“ Sophia-Jacoba war eine Institution.

Früher nannte man es das braune und das schwarze Gold: Doch die goldenen Zeiten des Bergbaus sind längst vorbei. Foto: imago/blickwinkel/S. Ziese

Dabei war das Ende der deutschen Steinkohle längst absehbar. Nur: Thematisieren wollte das kaum jemand. Die Hückelhovener Zeche war noch die modernste und produktivste Europas, die Kohle exzellent. „Eine schwierige Situation: Über die Zeit nach der Steinkohle zu reden, das heißt den unausweichlichen Strukturwandel möglichst frühzeitig und kraftvoll zu gestalten, hätte ja das Eingeständnis bedeutet, dass das Ende bald kommt“, sagt Schirowski. Eine selbsterfüllende Prophezeiung also, die niemand wollte. Mancher mag sich in Sicherheit gewähnt haben, weil der damalige SPD-Landesvater Johannes Rau oft Seite an Seite mit den Kumpels stand, wenn sie für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrierten.

Hückelhoven, Alsdorf, Aldenhoven – ehemalige Zechenstandorte haben harte Jahrzehnte hinter sich. Sozialstruktur, Finanzausstattung der Kommune, Zahl der Erwerbstätigen – nahezu alle Kennziffern sackten zunächst ab. Die Erneuerung dauert bis heute an. „20 Jahre sind im Strukturwandel nichts“, sagt Gramm, deshalb müsse man so weitblickend planen. Schirowski pflichtet ihm bei: „Man muss sich nur mal vergegenwärtigen, wie lange Planungs- und Genehmigungsverfahren für wirtschaftsnahe Infrastrukturen wie Industrie- und Gewerbegebiete dauern.“

Immerhin finden sich heute attraktive Einkaufslandschaften (Hückelhoven), ein innovatives Automobil-Testgelände (Aldenhoven-Siersdorf) und der Anna-Park mit Energeticon und Kultur- und Bildungszentrum (Alsdorf) an den Stellen, wo einst die Schächte in die Tiefe führten. „Die betroffenen Orte mussten eine neue Identität finden“, sagt Schirowski.

Das steht den Orten am Tagebaurand noch bevor. Dabei kann man den Strukturwandel in der Stein- und den bei der Braunkohle nur bedingt vergleichen, findet Gramm. „Die Braunkohle spielt auf dem Arbeitsmarkt nicht die dominante Rolle, die die Steinkohle für manche Orte gehabt hat.“ Logisch, denn die Tagebaue erstrecken sich über ein gigantisches Gebiet. Damals bei der Steinkohle sei das anders gewesen, erklärt Gramm: „Es gab einen fest umrissenen Bereich, und für den gab es Geld. Ende.“

Auch damals gab es Förderprogramme, etwa die Zukunftsinitiative Montanregion. Mit der Gründung der Technologiezentren in der Region habe vor allem die IHK Aachen für einen „strategischen Schub“ gesorgt. Wissenschaft und Forschung seien so in die Jobentwicklung integriert worden.

Die Erwartung

Eine ähnliche Strategie sieht Gramm auch für den kommenden Strukturwandel: mit Satelliten eines Wissenschaftszentrums in die Region gehen. Und zwar in die wirklich betroffenen Orte, nicht mit der Gießkanne verteilt. Derzeit gäbe es ein „Windhundrennen“ um die Fördergelder, ohne Systematik seien Projekte gesammelt worden, um die jetzt gerangelt wird. „Wie soll man ein Holz-Kompetenzzentrum in Nettersheim oder die Erschließung einer Industriefläche in Weilerswist als Maßnahmen im Rahmen des Strukturwandels begründen?“ fragt Gramm.

Der ehemalige Planungsdezernent des Kreises Düren fordert eine „knallharte Finanzierungsstruktur, die sich nach dem Grad der Betroffenheit richtet“. Damit stünden Kommunen wie Erkelenz, Titz, Inden, Niederzier, Düren, Eschweiler und Merzenich in der ersten Reihe, wenn es um finanziellen Ausgleich geht. Auch Schirowski sieht die Orte in einer klar definierten räumlichen Zone um den Tagebaurand in der obersten Priorität. Was die generelle Gestaltung des Strukturwandels angeht, verbreitet er vorsichtigen Optimismus: „Heute reden alle über das Ende der Braunkohle, weil es vor allem eine umweltpolitische Implikation gibt. Das war bei der Steinkohle längst nicht so.“

Die Prognose

Wenigstens das also: Die Region ist also früher dran als vor 25 Jahren. Auch Land und Bund, sagt Schirowski, hätten dazugelernt, nicht zuletzt aus dem Strukturwandel im Ruhrgebiet, gibt aber zu bedenken: „Im Moment sind wir noch auf der Ebene der Gespräche. Entscheidend ist, welche Projekte am Ende umgesetzt werden.“ Gramm gibt sich bei Prognosen eher zurückhaltend. „Alle reden immer von einem sanften Strukturwandel. Mir würde es schon reichen, wenn er organisiert wäre.“

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