Aachen: Viele Kinderärzte schuften sich kaputt

Aachen : Viele Kinderärzte schuften sich kaputt

Just in dem Jahr, in dem Guido Klughardt seine Zulassung als Kinder- und Jugendarzt erhielt, kam auch der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) mit seiner „Bedarfsplanung“ auf dem Markt. Mit dieser Formel regelt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) das Zahlenverhältnis zwischen niedergelassenen Vertragsärzten und gesetzlich versicherten Patienten.

25 Jahre lang hätte sich Guido Klughardt nun mit dieser „Bedarfsplanung“ schon von Amts wegen anfreunden können oder sollen. Es hat nicht geklappt. „Eine Bedarfsplanung impliziert, dass man so etwas planen kann“, sagt der in Jülich niedergelassene Arzt. „Man kann aber nur anstreben, die medizinische Versorgung sicherzustellen.“

Die Bedarfsberechnung der KV ist in die Jahre gekommen, wurde nie angepasst. Die Formel berücksichtige nicht annähernd den erhöhten Aufwand der Mediziner, der sich im Laufe der Jahre gewandelt hat, sagt Klughardt. „Es gibt neue sozialpädiatrische Krankheitsbilder, neue soziale Fragestellungen zum schulischen Werdegang, Mehrarbeit durch neue Vorsorgeuntersuchungen und mehr Impfungen.“ Das alles ignoriere diese antike Berechnung.

Die Zahl der Geburten in NRW steigt wieder und damit auch die Zahl der Praxisbesuche (2012: 145.755, 2013: 146.417, 2015: 155.102, 2016: 173.276)

Die Wartezimmer füllen sich, schon heute klappe die Versorgung in Winter- oder Infektionszeiten nur deshalb, „weil viele Kollegen ein enorm hohes Pensum leisten und an Grenzen gehen“, sagt Klughardt. „Es gibt durchaus Phasen, in denen Praxen aus dem letzten Loch pfeifen.“ Vergütet wird der Mehraufwand nicht gesondert, die Gesamtvergütung ist von den Kostenträgern gedeckelt. „Wir arbeiten häufig weit über das vertraglich verpflichtete Maß hinaus“, sagt Klughardt, „weil uns die kleinen Patienten brauchen.“ Weggeschickt wird niemand, bei akuten Beschwerden will der Jülicher Arzt noch am gleichen Tag einen Befund erstellen. „Die körperliche und mentale Belastung kann schon enorm sein, weil wir keine schwere Erkrankung übersehen dürfen.“

60-Stunden-Woche

Das wirtschaftliche Risiko bleibt bei den Praxisbetreibern. Und manchmal erhöht sich auch das gesundheitliche Risiko der Mediziner, wenn wieder einmal eine 60-Stunden-Wochen notwendig ist. Die Folge: „In einigen Praxen gibt es bereits einen Aufnahmestopp“, sagt Klughardt. Noch ein Aspekt: Die Facharztprüfung wird zu 80 Prozent von Frauen abgelegt. Nur wenige von ihnen verspüren Lust, zeitaufwendig eine eigene Praxis zu führen, sagt Edwin Ackermann. So beschreiben es die internen Umfragen. Der Mangel werde sich zudem verschärfen, weil Kinderärzte im Vergleich zu anderen Fachmedizinern weniger verdienen. Ackermann ist ebenfalls Mediziner und Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Nordrhein.

Klughardt ist im Kreis Düren der Obmann des BVKJ. Der Dachverband hat schon länger das Blaulicht eingeschaltet. „In den nächsten fünf Jahren gehen 25 Prozent der Kinderärzte in NRW in den Ruhestand“, sagt Ackermann.

Die Zahl der in NRW zugelassenen Kinder- und Jugendärzte ist zwar von 3800 (2010) auf rund 4400 (2016) gestiegen. Gezählt werden dabei aber nicht nur die niedergelassenen Ärzte, sondern auch Kinderärzte zum Beispiel in Krankenhäusern.

Die Klagen der Ärzte passen nicht zur offiziellen Statistik der KV. Demnach gilt NRW sogar als überversorgt. Für die Stadt Aachen liege der Versorgungsgrad mit Kinderärzten bei 179 Prozent, für die Städteregion bei 144 Prozent, für den Kreis Düren bei 147 Prozent, sagt KV-Sprecher Christopher Schneider. Sobald der Versorgungsgrad einer Fachgruppe 110 Prozent überschreitet, sind weitere Niederlassungen nicht mehr erlaubt.

Aber auch die KV sieht Schwachstellen bei der Bedarfsplanung, weil viele Patienten nicht am Wohnort, sondern am Berufsort den Arzt aufsuchen. Folglich wird der reale Bedarf gerade bundesweit überprüft, dabei sollen die demografische Entwicklung, die Krankheitshäufigkeit und die Sozialstruktur einer Region berücksichtigt werden. Ergebnisse werden im nächsten Jahr erwartet, sagt Schneider.

„Handlungsbedarf“

Das NRW-Gesundheitsministerium jedenfalls sieht „Handlungsbedarf“, geht davon aus, dass die „entsprechenden Klagen der Kinderärzte oder ihres Berufsverbandes durchaus ihre Berechtigung haben können“. Ministeriumssprecher Walter Godenschweger räumt ein, dass die Nachbesetzung von Arztpraxen vor allem im ländlichen Raum immer schwieriger werde. „Zudem geht der Trend bei den jungen Ärztinnen und Ärzten eher zur Anstellung als zur eigenen Praxis.“ Auch das Ministerium geht davon aus, das es in den nächsten fünf bis zehn Jahren einen erheblichen Nachbesetzungs- und Nachwuchsbedarf gebe. Drohende Folge: Selbst wenn demnächst ein verstärkter Bedarf ermittelt würde, bedeute das nicht, „dass es direkt zu einer besseren ambulanten Versorgung führen würde“.

Mehrere Praxisbetreiber in der Städteregion Aachen hatten zuletzt schon durchaus Mühe, einen Nachfolger zu finden, weiß Klughardt. Die nachfolgende Medizinergeneration, so beobachtet er es, achte mehr auch auf eigene Bedürfnisse. „Die Work-Life-Balance ist vielen Kollegen sehr wichtig“, sagt er und kann diese Einstellung „sehr gut nachvollziehen“. Er selbst hat auf einen Aufnahmestopp in seiner Praxis verzichtet, vielleicht weil er noch zu der Generation an Ärzten gehört, „die mit der universitären Muttermilch eingetrichtert bekamen, dass so lange gearbeitet wird, bis das letzte Kind behandelt ist“.

Klughardt ist nun 51 Jahre, und er will noch lange in dem Beruf arbeiten, den er trotz der Belastung unverändert als „Traumberuf“ beschreibt. Er ärgert sich allerdings, wenn den Praxen vom Gesetzgeber administrative Zusatzaufgaben diktiert werden wie den Aufbau einer Telematik-Infrastruktur, die den Online-Abgleich der Patientendaten mit den Servern der Krankenkasse vorschreibt. Klughardt hat häufiger den Eindruck, dass in der Politik eher praxisfern entschieden werde.

Irgendwann, vielleicht in 14 Jahren will er seine Praxis dann aufgeben. Bei den Überlegungen für seine Altersvorsorge hat er keinen Veräußerungsgewinn eingeplant. Er will nicht darauf setzen, dass ihm jemand Apparaturen und Kundenstamm abkaufen wird.

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