Hamburg/Aachen: Viele in der Region verlieren ihr Geld durch AWD

Hamburg/Aachen: Viele in der Region verlieren ihr Geld durch AWD

Carsten Maschmeyer spricht gerne bildhaft darüber, wie er sein Geld verdient hat. Der Gründer des Finanzdienstleisters AWD (Allgemeiner Wirtschaftsdienst) verglich seinen Job einst mit dem eines Rosenzüchters. Wer besonders gut duftende Rosen haben wolle, sagte er, der müsse im Herbst ordentlich Jauche auf die Rosen schütten.

„Und das Komische ist“, so Maschmeyer weiter, „je stärker das stinkt, umso schöner duftet das hinterher“. Rückblickend lässt sich sagen, dass Maschmeyers Rosen immer am besten geduftet haben — um im Bild zu bleiben. Beim Verkauf seiner AWD-Aktien zwischen 2005 und 2007 erzielten er und seine Familie einen Gewinn von 465 Millionen Euro. Was für eine Erfolgsgeschichte.

Die „Stern“-Journalisten Wigbert Löer und Oliver Schröm sorgen nun mit ihrem Buch „Geld, Macht, Politik“ dafür, dass der stinkende Rest der Erfolgsgeschichte nicht in Vergessenheit gerät. Denn wie das so mit Erfolgsgeschichten ist: Da, wo einer gewinnt, sehr viel gewinnt, muss es auch die geben, die verlieren. Sehr viel verlieren.

Löer und Schröm ist es gelungen, einen tiefen Einblick in das System Maschmeyer zu geben. Sie zeigen, wie der AWD mit hochspekulativen Finanzprodukten tausende Anleger um ihr Geld brachte, sie zeigen unter welchem Druck die AWD-Vertreter standen, weil sie Teil einer Verwertungskette waren, an deren Ende vor allem einer profitierte: Carsten Maschmeyer. Und sie zeichnen nicht zuletzt das Bild eines Mannes, dem es durch geschickte Selbstinszenierung gelang, bis ins Zentrum der politischen Macht vorzudringen — zum damaligen Kanzler Gerhard Schröder.

Geschlossene Immobilienfonds

Allein in der Region Aachen, Düren, Heinsberg vermittelte der AWD über 1000 Kunden hochriskante geschlossene Fonds. Das geht aus den Originalunterlagen hervor, auf denen die Recherche der Autoren beruht. Bei den meisten dieser Finanzprodukte handelte es sich um sogenannte geschlossene Immobilienfonds. Laut Stiftung Warentest stellt ein geschlossener Immobilienfonds die unternehmerische Beteiligung an wenigen oder auch nur einer einzigen Immobilie dar.

Er warnt ausdrücklich davor, dass der Anleger auch am eventuellen Misserfolg einer Unternehmung beteiligt werden kann. Im schlimmsten Fall verliert der Anleger dabei nicht nur sein eingesetztes Kapital. Er muss auch noch für den Verlust, den die Unternehmung verzeichnet, einstehen. Und dieses Risiko war groß. Denn funktioniert die Immobilie, in die der geschlossene Fonds investiert, nicht, gibt es keine Ausweichobjekte, die den Verlust auffangen können.

In diese Falle tappten die AWD-Kunden reihenweise und verloren ihr Geld, während die AWD-Vertreter exzellente Geschäfte machten. Denn für den Vertragsabschluss eines geschlossenen Immobilienfonds gab es extrem hohe Provisionen. Die Abschlüsse waren für die AWD-Vertreter von existenzieller Bedeutung, weil sie die einzige Einnahmequelle darstellten. Ein AWD-Vertreter bekam keinen Lohn, sondern nur Provisionen. Je mehr er verkaufte, desto weiter konnte er in der Hierarchie aufsteigen.

War man unten in der Nahrungskette, musste man einen großen Teil seiner Provisionen in das System AWD für Schulungen und Sachmittel wieder einzahlen. Das führte dazu, dass zahlreiche Vertreter auf unterschiedlichen Ebenen verschuldet waren. Während der AWD also Jahr für Jahr Milliarden-Umsätze schrieb, kämpften viele seiner Mitarbeiter darum, mit vielen Vertragsabschlüssen zumindest einen kleinen Krümel vom Kuchen abzubekommen.

Damit die AWD-Vertreter auch noch das riskanteste Produkt an den Mann bringen konnten, zogen sie exzellent vorbereitet ins Verkaufsgespräch. Beim sogenannten Drei-Länder-Fonds (DLF), einem beliebten Hochrisikoprodukt, wurde den AWD-Vertretern eingetrichtert, dass sie den Kunden ein Risikoszenario kreieren mussten, das der Kunde gar nicht als Risiko wahrnahm. Beim DLF investierte der Kunde in Immobilienfonds in Deutschland und den USA sowie Wertpapierfonds in der Schweiz.

Zum Thema Risiko sagten die Vertreter dann: „Nehmen Sie mal an, die USA gibt es nicht mehr. Dann haben Sie immer noch zwei Drittel Ausschüttung.“ Die USA würde es immer geben, dachte der Kunde und war sich seiner Sache sicher. So sicher, dass manch einer sogar kreditfinanziert in den Fonds einstieg. Dass selbstverständlich Fondsgelder aus der Schweiz und Deutschland in die USA flossen, wenn dort der Fonds pleiteging, dass musste der Kunde ja nicht unbedingt wissen. Auf diese Art wurden viele Kunden um ihr Geld gebracht.

Der moralische Manager

Das ist die skrupellose Seite Maschmeyers. Gerhard Schröder und Christian Wulff hätten sich gewiss nicht öffentlich zur Freundschaft mit dem AWD-Gründer bekannt, wenn Maschmeyer es nicht verstanden hätte, durch eine exzellente Selbstinszenierung diesen Kern seines Geschäfts im Verborgenen zu halten. Die „Stern“-Journalisten Löer und Schröm arbeiten heraus, wie es Maschmeyer gelang, das Bild des moralisch integren Managers zu formen, der alle an seinem Reichtum teilhaben ließ. Wer sollte sich nicht gerne mit solch einem Menschen umgeben.

Gerhard Schröder jedenfalls tat es gerne. Vielleicht auch, weil es nicht nur bei Freundschaft blieb. So war Maschmeyer Drahtzieher und Finanzier einer Anzeigenkampagne zugunsten Gerhard Schröders im Wahlkampf der Niedersachsenwahl 1998. Schröder holte die absolute Mehrheit und wurde noch am Wahlabend offizieller Kanzlerkandidat der SPD. Der Fortgang seiner politischen Laufbahn ist bekannt. Ebenso bekannt ist Schröders politische Agenda, zu der es gehörte, Einschnitte bei der staatlichen Rente durch eine staatlich geförderte private Vorsorge abfedern zu lassen — besser bekannt als Riester-Rente.

Dass des Kanzlers Freundschaft zu jemandem, der seine Millionen damit macht, genau dafür Versicherungspakete anzubieten, problematisch ist, muss Schröder bewusst gewesen sein. Auf Maschmeyers Meinung aber legte er größten Wert. Löer und Schröm zitieren ein Fax Maschmeyers aus dem Jahr 2004 an Schröders Büro. Darin heißt es, Schröder habe mit ihm besprochen, dass man sich „Ende dieser Woche — möglichst bei ihm zu Hause“ treffen solle, um „über Pensionsreform/Riester-Rente/Lebensversicherung zu sprechen“ — am besten mit Frank Walter Steinmeier — damals Chef des Kanzleramts.

Dass der Kanzler Maschmeyer mit der Einführung der Riester-Rente einen Freundschaftsdienst erwies, können die „Stern“-Journalisten nicht nachweisen. Fest-steht: Als die Reform 2005 tatsächlich kam, hatte die rot-grüne Regierung sechs von elf Kriterien gestrichen, die ein Finanzprodukt erfüllen musste, um staatlich gefördert zu werden.

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