Köln: VideoDays in Köln: Kreischen, johlen, in Ohnmacht fallen

Köln : VideoDays in Köln: Kreischen, johlen, in Ohnmacht fallen

„Mike, Mike“ — der Rest geht im Gekreische der Massen unter. Es ist der Moment, in dem Mike Singer die Bühne in der Kölner Lanxess Arena betritt. Ein schmächtiger Junge im Schlabberpulli, gerade einmal 17 Jahre alt. Doch für viele hier ist er das Highlight des Tages. Sofort werden Tausende Handys gezückt. Damit es ein Moment für die Ewigkeit wird.

Bei den VideoDays in Köln, dem größten Youtuber-Treffen Europas, trafen in den vergangenen zwei Tagen mehr als 15.000 Fans auf ihre Internet-Idole — offline. Der eine Tag wird dabei von einer großen Bühnenshow bestimmt, der andere ist ganz dem Austausch von Fans und Stars gewidmet. Angefangen haben die VideoDays 2010 mit rund 450 Leuten, mittlerweile haben sie sich zum Mega-Event entwickelt.

Online begeistern die Stars der beliebten Webvideo-Plattform mit ihren Clips über Musik, Mode, Lifestyle, Technik, Gaming oder Comedy allerdings noch mehr Menschen. VideoDays-Gründer Christoph Krachten sagt dazu stolz, in diesem Jahr habe man rund 500 Social-Media-Größen für die Tage gewinnen können. „Sie haben zusammen eine Reichweite von über 100 Millionen Social-Media-Fans.“

Lukas Rieger, Mike Singer, SKK, Mario Novembre, Cimorelli — wer älter als 30 ist, kann mit den Namen nichts anfangen. Wer Teenie ist, kennt die Namen auswendig. Es ist eine neue Jugendbewegung mit neuen Kanälen. MTV und Viva gibt’s nicht mehr. Die Musiksender wurden abgelöst von Youtube, Instagram, Snapchat und Co. Die Idole des 21. Jahrhunderts werden nicht mehr in Tonstudios oder im Musikfernsehen groß. Es reicht eine Internetverbindung, eine Kamera und eine gute Idee.

Die Offline-Begegnung mit den Fans bei den VideoDays folgt allerdings bekannten Ritualen — ganz ähnlich den Auftritten der Rolling Stones oder der Backstreet Boys vor vielen Jahren. Da wird gekreischt, es werden Schilder hochgehalten, Mädchen fallen in Ohnmacht. Doch die Nähe, die das Internet suggeriert, ist eine andere. Die Stars bezeichnen ihre Fans als Familie, versuchen möglichst viel mit ihnen zu interagieren und mit ihnen zu reden. Die Kommunikation ist direkter.

Jasmin Merth, Jasmin Fischer und Sarah Fischer sind extra aus Neuss und Solingen angereist, um Mike Singer und Mario Novembre bei einem „Meet & Greet“ zu treffen. Seit etwa zwei Jahren sind die 14- und 15-Jährigen Fans von den Sängern und waren seitdem schon bei einigen Konzerten. „Wir feiern sehr, was er macht. Wenn er ein neues Video ankündigt, schauen wir uns das sofort an.“ Viele Stunden am Tag verbringen sie mit Youtube und anderen Plattformen — „zu viele Stunden“, geben sie selbst zu. Mike Singer und Mario Novembre seien „total lieb“. „Sie reden mit uns, als ob wir ihre Freunde wären.“ Das imponiert. Aber was sagen die Eltern dazu? „Die unterstützen uns“, sagen die Mädchen. „Die schenken uns die Tickets zum Geburtstag und bringen uns zu Konzerten.“ 2014 sei ihre Mutter sogar mit ihr zu den Videodays gekommen, sagt Jasmin.

Für den Fall, dass die Eltern ihren Tag tatsächlich bei den VideoDays verbringen müssen, gibt es auf dem Vorplatz der Lanxess Arena eine Relax-Lounge für sie. „Analoges Chillen für Eltern“ steht dort geschrieben und „Eltern hier parken“. Doch das weiße Zelt mit den Sandsacksitzen sieht recht leer aus. Die, die den Weg bis hierhin auf sich genommen haben, lassen sich vom Sog mitreißen, mischen sich einfach unter die jungen Fans und schauen sich das Spektakel mehr oder weniger interessiert mit an. Die meisten Youtube-Fans sind aber ohne Eltern da.

So auch Pia Faber (15) aus Aachen und Jasmin Schubert (15) aus Reichenbach in Sachsen. Die beiden haben sich über ihre Liebe zu einer Youtube-Band kennengelernt — bei Instagram. „Ich habe dort jemanden für eine fiktive Fangeschichte gesucht und Jasmin hat sich gemeldet“, erzählt Pia. Seitdem sind sie befreundet. Es ist nicht leicht, sich mit den beiden während der Show zu unterhalten. Immer wieder werden sie von spontanen Gefühlsausbrüchen übermannt — je nachdem, wer gerade die Bühne betritt — oder sie zücken die Smartphones und machen Videos. So ist es also kein Wunder, dass die Powerbank, ein mobiler Handyakku, das wichtigste Accessoire der Jugendlichen bei den VideoDays ist.

Doch Youtube besteht nicht nur aus Sängern und Tänzern. Auch Erklärbären wie Daniel Jung haben dort knapp 300 000 Abonnenten. Er erklärt Mathe in kurzen, leicht verständlichen Fünf-Minuten-Videos. Und macht damit das oft verhasste Fach wieder cool. „Mich sprechen hier bei den VideoDays Leute an und sagen: Danke, dass du mich durch mein Mathe-Abi gebracht hast“, sagt er. Zum ersten Mal würden sogar Leute Selfies mit ihm machen wollen und ihn auf der Straße erkennen. „Das ist doch toll. Das zeigt, dass Bildung auch einen Status bei Youtube hat.“

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